Sona MacDonald: Große Diva wider Willen

Sona MacDonald hat Begabungen, die für drei Karrieren reichen würden. Eitelkeit ist ihr dennoch fremd. Jede Arbeit beginnt mit Selbstzweifeln, die Lust daran kommt später.

von Klaus Peter Vollmann, 19. Februar 2021

Sona MacDonald: Große Diva wider Willen
Sona MacDonald im Probenraum des Theaters in der Josefstadt – ihrer Heimatbühne. Foto: Peter Mayr

Wenn man sie mit der Feststellung konfrontiert, sie sei eine Alleskönnerin, bekommt Sona MacDonald einen Lachkrampf. Exakt 36 Sekunden lang – festgehalten auf Band – lacht die Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin. Sehr amüsiert. Sehr ehrlich. Und für ihre Verhältnisse sehr laut. Mit ­solchen Zuschreibungen kann sie auch nach fast vierzig erfolgreichen Bühnenjahren nichts anfangen. „Ich möchte eine Geschichte erzählen über die von mir sehr verehrte Nicole Heesters. Ich habe sie vor vielen Jahren, als ich am Theater anfing, gefragt, was sie denn für Ängste habe. Sie könne und wisse doch so viel. Und sie hat mir geantwortet: ,Man fängt immer wieder bei null an, bei jeder neuen Arbeit hat man das Gefühl, man kann gar nichts!‘ Ich dachte damals, was redet die denn, das ist doch Quatsch. Heute weiß ich, was sie gemeint hat.“

Als ob man in die Hölle steigt

Sona MacDonald hat gerade wieder bei null begonnen: Sie probt Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“, dessen Premierentermin, wie so vieles im Moment, in der Schwebe ist. „Die Jelinek ist momentan meine Hauptaufgabe. Der Lockdown ist auch deshalb so eigenartig, weil die meisten Menschen denken, man tue gerade gar nichts. Die Außenwelt glaubt, wir schlafen, bis wir die Theater wieder öffnen können. Aber zum Glück dürfen wir uns ausprobierend tätig sein.“

Die Isolation im Lockdown setzt Sona MacDonald zu. Sie ist froh, an „Rechnitz“ arbeiten zu können. Foto: Peter Mayr

Dennoch setze ihr die Isolation zu. Am meisten fehle ihr das Gespräch in großer Runde, der Austausch mit Kollegen nach der Probe, die Sinnlichkeit all dessen. Für die Zeit danach hofft sie auf Aufbruch, eine Veränderung der Hierarchien, mehr Empathie. Bis es so weit ist, gräbt sie sich in die Sprache der Jelinek hinein. Sie spielt Margit von Batthyány, jene Gräfin, die in der Nacht von 24. auf 25. März 1945 im burgenländischen Rechnitz eine Party gibt, zu der sie ranghohe Nazis einlädt. Als Höhepunkt des Festes werden 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen. Die Täter können fliehen, die Bevölkerung schweigt, auch die Gräfin bezieht nie Stellung. Bis heute weiß man nicht einmal, wo sich das Massengrab der Opfer befindet. Ein unvorstellbar perfides Verbrechen kurz vor Kriegsende, das Sona MacDonald nun fassbar machen muss.

„Am Anfang war da eine fürchterliche innere Abwehr. Es ist, als ob man in die Hölle steigt. Und dann hilft einem die Jelinek damit, wie sie ihre Sätze baut, wie sie dieses Grauen greifbar und begreifbar macht. Aber sie hat auch eine gesunde Distanz, damit wir uns kurz entfernen können. Es ist schwer zu erklären, aber Thomas Bernhard konnte das auch. Bei dieser Inszenierung schafft Anna Bergmann (Regie, Anm.) noch einmal einen Kosmos dazu. Ich arbeite wahnsinnig gerne mit ihr, weil sie mir, die ich ja auch Sängerin bin, unglaubliche Aufgaben stellt. Sie gibt mir Lieder, die ich noch nie gehört oder gesungen habe, und holt mich damit aus meiner Komfortzone.“ So wird Sona MacDonald in „Rechnitz“ erstmals mit einer Arie aus dem „Freischütz“ zu hören sein.

Von Liebe und Leidenschaft

Weitaus leichter fällt ihr da die Rolle der Marlene Dietrich, die sie als „Engel der Dämmerung“ in den Kammerspielen so erfolgreich verkörperte und die sie, sobald sich der Vorhang der Pandemie wieder hebt, erneut geben wird. „Die Dietrich war von Teenagerzeiten eine verrückte Leidenschaft von mir. Wenn ich die Möglichkeit habe, berühmte Frauen zu spielen, die tatsächlich gelebt haben, geht es nie darum, diese zu kopieren, sondern mich ihnen anzunähern. Sie war ja total konträr zu meinem Wesen. Ich bin eine Folgerin, sie war eine Bestimmerin.“ Auch dass die stimmlichen Möglichkeiten der Dietrich eher überschaubar waren, lässt Sona MacDonald nicht gelten. „Es ist immer gefühlt und gemeint, was sie singt, und dadurch einmalig. Es ist ein eigener Stil, den sie kreiert hat. Man weiß bei ihr, ähnlich wie bei Sinatra, vom ersten Ton an, wer da singt. Das ist Wille und Talent. Das ist Magie.“ Und diese Magie ließ sie 2013 auferstehen, als sie an der Seite von Maria Happel im Stück „Spatz und Engel“ erstmalig zur Dietrich wurde.

„Ich möchte Maria Happel eine Liebeserklärung machen“, ruft Sona MacDonald bei der Erwähnung des Namens der Kollegin. „Maria ist ein Kraftbolzen, wie Mutter Erde. Wenn sie mich anruft, schmeiße ich alles weg, um mit ihr reden zu können. Maria ist unmittelbar, ehrlich, klar. Man kann sich total auf sie verlassen. Es ist Liebe.“ Natürlich hielt die Geliebte auch die Laudatio, als Sona MacDonald 2014 zur Kammerschauspielerin ernannt wurde. Ein Titel, der keinerlei Privilegien birgt, aber dennoch eine schöne Anerkennung für vierzig Bühnenjahre darstellt. 

Notwendige Veränderungen

Was hat sich in dieser Zeit alles verändert? Sona MacDonald lacht, wirft sich auf den Boden und gibt Edith Clever, eine der Lieblingsschauspielerinnen von Peter Stein in den 1980er-Jahren. Sonor und laut: „‚Maßloses Elend. Jammer, den kein Aug’ erträgt …‘ So hat man damals gesprochen, das kann man sich heute doch gar nicht mehr vorstellen.“ So, wie man sich auch nicht vorstellen möchte, wie man damals mit Schauspielerinnen umging. Von #metoo war lange noch keine Rede. „Der Klaps auf den Hintern war normal“, wird sie plötzlich ganz leise, „man hat darüber hinweggelacht, weil man es nicht anders kannte. Es war früher überhaupt alles viel respektloser, das galt als intellektuell. Es brauchte eine neue Generation, die uns das bewusst gemacht hat und die das nun aufklärt.“ 

Sona MacDonald Arbeitscredo nach 40 Jahren: „Ich will wach bleiben, interessiert sein, weitergehen. Ja nicht verkrustet werden und die Vergangenheit verklären!“ Foto: Peter Mayr

Besonders wichtig, so sagt Sona MacDonald am Ende des Gesprächs, sei ihr die lange Zusammenarbeit mit Christian Frank und Herbert Berger, die soeben in die CD „And So It Goes“ mündete. „Das ist eine gewachsene Freundschaft und ein intensives Arbeitsverhältnis. Die CD entstand im Lockdown und hat ausschließlich mit uns zu tun. Wir haben uns einmal pro Woche getroffen, was herrlich war, erst miteinander gegessen, dann ein ,Sicherheitsbier‘ getrunken, wie Herb Berger das nennt, und dann sind wie in Christian Franks Studio gegangen, um ein Lied einzuspielen. Und in der nächsten Woche wieder eines.“ Man kann ihre Freude darüber spüren. Und wenn man möchte, kann man sie auch immer wieder nachhören. 

Zur Person: Sona MacDonald

Geboren in Wien, studierte sie in London und debütierte an der Volksbühne Berlin. Sona MacDonald arbeitete u. a. mit Peter Stein und Peter Zadek, spielte in zahlreichen Musicals, Kino- und TV-Filmen und ist seit 2003 (wieder) Ensemblemitglied in der Josefstadt.

Weiterlesen: SchauspielerMartin Vischer: „Ich will mich nicht anpassen“

Der Spielplan des Theater in der Josefstadt wird laufend angepasst