Martin Vischer: „Ich will mich nicht anpassen“

Dem Schauspieler Martin Vischer liegt es, Figuren gegen den Strich zu bürsten. Seit voriger Saison ist er am Theater in der Josefstadt engagiert.

von Theresa Steininger, 22. Januar 2021

Martin Vischer: „Ich will mich nicht anpassen“
Auch wenn Martin Vischer grübelt, spricht er vorzugsweise mit den Händen. Foto: Florian Moshammer

Als „Höhepunkt des Abends“ wurde er beschrieben, als jemand, der in seinem Changieren zwischen Menschenfreund und fröhlichem Sonderling glänzend unterhält: Martin Vischer ist mit seiner Interpretation des paradiesvogel­arti­gen Dr. Jura in „Das Konzert“ neben Herbert Föttinger und Sandra Cervik für Kritiker und Publikum ein Glanzpunkt der Produktion. Demnächst spielt auch er in Elfriede ­Jelineks „Rechnitz (Der Würgelengel)“. 

Nicht anpassen

Zwei gegensätzliche Aufgaben für Vischer, der seit voriger Saison am Theater in der J­osefstadt engagiert ist. Zuvor war er ab 2015 am Burgtheater. Auch am Schauspielhaus Wien, am Volkstheater sowie an den großen Bühnen Deutschlands trat der gebürtige Schweizer auf. Wie er, der mit der Burgschauspielerin Sarah Viktoria Frick und den zwei gemeinsamen Kindern seit Jahren in Wien lebt, zur Josefstadt passt? „Für mich stellt sich eher die gegenteilige Frage: Wie passt die Josefstadt zu mir? Und ehrlich gesagt ist die Analyse noch nicht zu Ende. Egal wo ich spiele: Ich will mich nicht anpassen, sondern bei mir bleiben.“

Martin Vischer macht den Eindruck, in all seinem Tun sehr bedacht vorzugehen. Auch auf Fragen, die er sichtlich gefinkelt findet, hat er sofort eine ausführliche Antwort. Er lächelt oft, auch wenn er kurz grübelt, spricht mit den Händen und ver­mittelt die Freude, die er an seinem Beruf hat.Besonders gereizt habe ihn Dr. Jura – „trotz aller Fragen, die ich an das Stück habe. Ich wollte ihn gegen den Strich bürsten. Für mich ist es wichtig, dass er mit seinem Vokuhila schräg in dem Ganzen drinnen steht und fast ein bisschen ein Punk ist. Einer, bei dem man nicht weiß: Ist er ein kleinkarierter Spießer oder ein Freigeist?“ 

Für Vischer ist nebensächlich, wie stark er sich selbst in einem Charakter wiedererkennt. Ja, mehr noch: „Figuren, bei denen ich Mühe habe, mich zu identifizieren, interessieren mich mehr, weil sie Fragen stellen, die ich mir womöglich selbst noch nie gestellt habe.“ Selbst wenn er Nazis oder Unsympathler spielt, „versuche ich immer etwas zu finden, wo ich andocken kann“.

Gnadenlose Sprache

Gerade bei „Rechnitz“, wo er als Podezin, Chauffeur, Architekt und Nazi besetzt ist, „möchte ich ein Anwalt des Textes sein, den ich in seiner ganzen Sperrigkeit und Unbequemlichkeit zur Verfügung stellen will. Die Auseinandersetzung ist schmerzhaft, aber wichtig.“ Das große Glück „ist Jelineks Sprache, die so gnadenlos ist und so viel Humor hat. Ihre Art zu schreiben ist so intelligent, dass es mich immer wieder ­fesselt – das Grauen, der Ekel, der Schrecken, der einen paradoxerweise anzieht.“ Wie aber lernt man einen solchen Text? „Diese Monstermonologe muss man sich einfach reinprügeln, doch wenn man den Text dann denken kann, beginnt die Magie des Theaters.“ Es werde also „das Wichtigste sein, dass man, egal ob wir kopfstehen oder ein Lied singen, diesen Text hört und versteht.“

In welchen Rollen würde Martin Vischer sich eigentlich selbst besetzen? „Das ist aber eine Frage, die direkt auf die Eitelkeit des Schauspielers zielt“, meint er verschmitzt. Nach einigem Überlegen fällt ihm die Antwort ex negativo leichter: „Ich sehe mich nicht als emotionalen Liebhaber, sondern eher im Charakterfach und bei Rollen, die eine gewisse Reflektiertheit haben. Mich interessieren die Fieslinge. Und ich habe große Freude an scharfer Sprache.“ Was ja zu Dr. Jura genauso passt wie zu „Rechnitz“.

Zur Person: Martin Vischer

Der in Basel geborene Schauspieler ist seit voriger Saison am Theater in der Josefstadt engagiert, davor ab 2015 am Burgtheater. Auch am Schauspielhaus Wien, Volkstheater Wien und an großen deutschen Bühnen sowie in „SOKO Kitzbühel“ war er zu sehen.

Weiterlesen: Anna Bergmann inszeniert „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek

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