Anna Bergmann inszeniert „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek

Das Theater in der Josefstadt zeigt erstmals ein Stück der ­österreichischen Literaturnobelpreisträgerin. Regisseurin Anna Bergmann will den Text anhand von assoziativen Bildern greifbar machen.

von Theresa Steininger, 20. Januar 2021

Anna Bergmann inszeniert „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek
Radikal und feministisch sind die Inszenierungen von Anna Bergmann. Foto: Philipp Horak

Es war die Nacht von 24. auf 25. März 1945. In Rechnitz im Burgenland fand eine Party der Gräfin Margit von Batthyány mit ranghohen Nazi-Getreuen statt, auf der zu fortgeschrittener Stunde Waffen verteilt und anschließend 180 ungarisch-­jüdische Zwangsarbeiter erschossen wurden. Der genaue Hergang ist bis heute nicht geklärt; Zeugen wurden ermordet, die Bevölkerung schwieg. Genau diesem Schweigen setzte Elfriede Jelinek 2008 in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ ein Denkmal.

In dem wortgewaltigen, mit Textflächen arbeitenden Werk geht es um die kollektive Verschleierung und um das Suchen und Graben nach der Wahrheit. Das Theater in der Josefstadt wird nach dem Lockdown zum ersten Mal ein Werk von Elfriede Jelinek zeigen. Anna Bergmann inszeniert und erzählt im BÜHNE-Gespräch offen von Schwierigkeiten und Heraus­forderungen – und davon, dass man wie Jelinek „graben“ müsse, um Ähnliches für immer zu verhindern.

Zynischer, die Extreme auslotender Fließtext

BÜHNE: Wie sind Sie an einen derart komplexen Text herangegangen?

Anna Bergmann: Das ist wirklich ex­trem schwierig. Man hat einen zynischen, bitteren, die Extreme auslotenden Fließtext, in dem es bis auf wenige kurze Einsprengsel der eigenen Fantasie überlassen ist, wie man die Texte aufteilt. Ich habe selbst einen starken Bezug zur Historie des Holocaust, ich war oft in Israel, habe viele jüdische Freundinnen und war schon als Kind an Holocaust-­Gedenkstätten. Ich nähere mich der Materie mit großem Respekt an, wir sprechen auch im ganzen Team viel über Geschichte und über die tolle Reibung, die uns der Text bringt.„Mir war wichtig, die Figur der Gräfin ins Zentrum zu stellen.“

„Man muss schauen, dass die Leute abgeholt werden. Wenn sie sich nur vor den Kopf gestoßen fühlen, dann wäre ja nichts erreicht.«

Anna Bergmann, Regisseurin

Wie haben Sie letztlich Ihre eigene Textfassung ­erstellt?

Mir war wichtig, die ­Figur der Gräfin, die von Sona MacDonald gespielt wird, ins Zentrum zu stellen und vom Cast ausgehend die anderen Figuren zu besetzen. Ich wollte deutlich Täter auftreten lassen, Dienstpersonal, potenzielle Zeugen, die ganze Dorfgemeinschaft. Dann wird der Text zur Zeitreise. Wir kommen von der damaligen Party, die auch aus der Perspektive der Dienstboten beleuchtet­ wird, durch einen Sprung ins Heute, in dem Moderatorin, Baumeister, Architekt und andere auf intellektuelle Art über den Vorfall referieren. Vielleicht das Wichtigste ist, wie man das Ende darstellt.

Was ist Rechnitz heute? Wir wollen auch in Rechnitz filmen, wie Sona zum Heustadel geht, über die Felder läuft und Steine sammelt. Eventuell drehen wir das jüdische Begräbnis­ritual um, bei dem Steine zum Grab gebracht werden, und nehmen 180 Steine von dort mit, die wir auf die Bühne bringen. Vielleicht gelingt es uns dort, einen persönlichen Zugang zu diesem harten, zynischen Text von Jelinek zu bekommen.

Text von Elfriede Jelinek um Hälfte gekürzt

Wie viel von dem Text kann das Publi­kum überhaupt aufnehmen?

Ich habe auch ein bisschen Bedenken, dass alles bei den Zuschauern ankommt – aber schauen wir mal. Ich versuche zu helfen, indem die Textflächen aufgeteilt werden und Monologe nicht zu lang geraten. Es stimmt, die beschriebenen Bilder sind brutal – da kann man nicht immer so leicht folgen, wenn man den Text das erste Mal hört. Er ist sehr komplex, und man kann auch nicht gleich alle Querverbin­dungen herstellen – gerade bei den Endlossätzen. Ich habe Jelineks Text schon um die Hälfte gekürzt, und wahrscheinlich wird er noch kürzer werden. Man muss schauen, dass die Leute abgeholt werden. Wenn sie sich nur vor den Kopf gestoßen fühlen, dann wäre ja nichts erreicht.

„Es geht mir darum, mit musi­kalischen Szenen und Bildern die Möglichkeit zu schaffen, sich zwischendurch ein wenig von der Textfläche zu erholen.“

Anna Bergmann, Regisseurin

Welche sind die aussagekräftigsten Sätze für Sie?

Besonders wichtig sind mir jene, in denen es darum geht, dass die Leute immer schweigen und nichts gesehen haben. Und jene, in denen es heißt, diese Menschen sind doch nur Tiere, die erschießen wir. Die Wild-Metaphern sind essenziell, auch die Bilder, in denen es um das ­Jagen geht, um die Lust am Töten. Die ­Zitate sind aus dem „Freischütz“ – ich arbeite auch musikalisch mit Zitaten aus Carl Maria von Webers Oper, elektronisch bearbeitet. Da singen die Jungs den Jägerchor, es ist zum Schreien … Dann muss das Lachen aber wieder im Hals stecken bleiben, diese Mischung ist wichtig.

Wie kann man solche komplexen Text­teile einfacher verständlich machen?

Es gibt eine starke Bildebene, sie soll den Zuschauer in die Geschichte hineinziehen und immer wieder Einstiegsmöglichkeiten bieten. Natürlich müssen auch die Schauspielerinnen und Schau­spieler den Inhalt komplett durchdringen – das ist eine große Herausforderung für sie. Hier merkt man auch, wie Theater funktioniert. Gesprochen wird der Text leichter verständlich.

Welche Bilder werden wir hier zu sehen bekommen?

Es geht mir darum, mit musi­kalischen Szenen und Bildern die Möglichkeit zu schaffen, sich zwischendurch ein wenig von der Textfläche zu erholen. Es gibt humorvolle Bilder, die das Ganze auf­lockern – aber dann wird die nächste Szene umso schlimmer. Auf der Drehbühne liegt ein Teppich mit einem Auge, denn es geht ja um das Augenverschließen. Dieser Teppich kann wie durch Zauberhand weg­gezogen werden, dann sieht man eine riesige Landschaft, in der gegraben wird. Viele der Bilder sind assoziativ, sie nehmen stets Bezug auf das, was stattgefunden hat.

Bekommen wir auch die Tat in irgend­einer Form zu sehen, oder sind Schüsse zu hören?

Auf jeden Fall. Das Jagen kommt vor, es wird geschossen. Es gibt auch Gewaltszenen, aber alles in stili­sierter Form. Man soll ja kein Massaker machen, sondern alles in einem assoziativen Rahmen passieren lassen. Es geht Jelinek ja gerade um das Nicht-in-Worte-Fassen, um das Totschweigen. Ich habe mich auch lange mit Claude Lanzmann beschäftigt, der ja sagt, man soll Holocaust-Bilder nicht nachstellen. Es ist wirklich schwierig, einen adäquaten Umgang zu finden. Wir haben einmal probiert, dass Sonas Figur, die Gräfin, in Endlosschleife 180 Menschen erschießt. Aber ich habe gemerkt, das kann man nicht machen – es ist zu extrem.

Elfriede Jelineks Abbild, eingeschnitten in den Rahmen, den Anna Bergmann in Händen hält. Foto: Philipp Horak

Anna Bergmann: Auch Frauen als Täterinnen

In der Josefstadt sah man von Ihnen bereits „Fräulein Julie“ und „Madame Bovary“ – beides radikal, effektreich, neu, feministisch. Was davon werden wir in „Rechnitz“ wiedererkennen?

Der feministische Grundansatz ist automatisch gegeben, wenn ich inszeniere. Das ist einfach, wie ich die Welt sehe. Dass die Täterin im Zentrum steht, ist ein wichtiger Aspekt – das finde ich auch feministisch. Auch Frauen haben unfassbar schreckliche Dinge ­getan in der Geschichte.

Sie stellen mit der Gräfin eine fast stumme Rolle ins Zentrum, und auch sonst kreieren Sie Rollen im eigentlichen Sinn.

Ja, ich versuche mit dem Textmaterial wirklich Figuren zu zeichnen. Sona sagt im Prinzip, außer, dass sie singt, nichts – wir zeigen gerade dadurch eine starke Figur. Mir ist es wichtig, präsente Boten darzustellen. Nur auf Textfläche zu gehen finde ich nicht gut. Man muss die Zuschauer dazu verführen, den Text verstehen zu wollen – im doppelten Sinn: Vielleicht tut ihnen der Bote sogar leid, vielleicht sind sie durch die Boten in die Irre geführt und denken auch schon: Irgendwann muss aber damit Schluss sein, dass immer gegraben wird. Aber ich bin nicht dieser Meinung: Man muss die Wunde offen halten, damit so etwas nie wieder passieren kann.

Zur Person: Anna Bergmann

Anna Bergmann hat am Theater in der Josefstadt ­bereits „Fräulein Julie“ und „Madame Bovary“ herausgebracht und ist Schauspieldirektorin am Staatstheater Karlsruhe. Sie arbeitete unter anderem am Hamburger Thalia Theater, am Berliner Maxim Gorki Theater, am Burg- und Akademietheater.

Weiterlesen: Maria Köstlinger über böse Ehrlichkeit und herzliche Lügen

Der Spielplan des Theater in der Josefstadt wird laufend aktualisiert