Stefanie Reinsperger: Schweiß, Tränen und blaue Flecken

Für Stefanie Reinsperger ist die Bühne eine Komfortzone, in der sie es sich aber keinesfalls gemütlich machen möchte. Was zunächst widersprüchlich klingt, löst sich im Gespräch mit der Schauspielerin schnell in eine große Liebeserklärung an ihren Arbeitsplatz auf.

Vom Bananenbrot bis zur Komplettreinigung der Fenster hatte Stefanie Reinsperger vor rund einem Jahr, als die Theater zum ersten Mal in dieser Krise ihre Türen schließen mussten, schnell alles erledigt. „Dann wurde es rasch langweilig“, erklärt sie. Das verwundert ganz und gar nicht, denn die Schauspielerin scheint zu jenen Menschen zu gehören, die während des vergangenen Jahres populär gewordene Wendungen wie „die Füße stillhalten“ nicht nur frisch in ihren Wortschatz, sondern erstmals auch in ihren Alltag integrieren musste. Ein ungewohnter Zustand für die energiegeladene Wahlberlinerin, die, wie sie erklärt, viel lieber auf der Bühne als im Leben steht. Und deren riesengroßes Energiepotenzial gerne mit totaler Aufopferung verwechselt wird.

„Ich möchte das Gefühl haben, dass ich mich weiterentwickle und nicht einfach einen Status Quo abrufen.“

Stefanie Reinsperger

Eines kann jedoch mit Sicherheit behauptet werden: Die Theaterbühne stellt für die in Baden bei Wien geborene Schauspielerin eine besondere Art der Komfortzone dar. „Die Bühne ist für mich nicht nur ein angstfreier Raum, sondern auch ein Ort, an dem ich viel seltener das Gefühl habe, falsch zu sein oder nicht hinzupassen“, sagt Stefanie Reinsperger, die seit der Spielzeit 2017/18 am Berliner Ensemble engagiert ist. Komfortzone bedeutet in diesem Fall aber nicht, dass sie es sich auf der Bühne gemütlich machen möchte. Ganz im Gegenteil, denn die Schauspielerin sucht in ihrem Beruf stets nach neuen Herausforderungen: „Ich möchte das Gefühl haben, dass ich mich weiterentwickle und nicht einfach einen Status Quo abrufen. Das würde mich sehr unruhig machen. In Berlin hat sich das auf jeden Fall erfüllt. Es gab großartige neue Begegnungen, zum Beispiel mit dem Regisseur Ersan Mondtag.“

Auf Trab

Durch einige Drehs – unter anderem für das Fernsehformat „Landkrimi“ und den Tatort Dortmund – kam relativ schnell wieder etwas Bewegung ins Leben der 33-Jährigen. Auch ihr Job als Lehrende an der renommierten Berliner Schauspielschule Ernst Busch hielt Stefanie Reinsperger weiterhin – zumindest ein bisschen – auf Trab. Dafür ist sie, wie sie im Gespräch einige Male betont, unglaublich dankbar. Und auch dafür, dass sie durch ihre Anstellung am Berliner Ensemble ein Netz hatte, das sie in dieser schwierigen Phase gut aufgefangen hat.

Vor ihrem Engagement am Berliner Ensemble gehörte Stefanie Reinsperger zum Ensemble des Wiener Volkstheaters. Davor spielte sie am Burgtheater und war dort unter anderem in Dušan David Pařízeks vielfach ausgezeichneter Inszenierung des Stücks „Die lächerliche Finsternis“ zu sehen. Außerdem spielte sie 2017 und 2018 die Buhlschaft im „Jedermann“ in Salzburg. Mit ihren 33 Jahren hat die Schauspielerin also schon einiges gesehen. Und vor allem schon viele der großen Rollen des klassischen Theaterkanons gespielt. Medea, die sie schon zweimal auf der Bühne verkörpern dürfte, würde sie aber sofort nochmals spielen.

Schweiß, Tränen und blaue Flecken

Obwohl sie Wien hin und wieder schon sehr vermisst, ist ihr der Wechsel nach Berlin nicht wirklich schwergefallen. „Es hat einfach gepasst“, erklärt die Schauspielerin, die gerade „wagner – der ring des nibelungen (A Piece Like Fresh Chopped Eschenwood)“ in einer Neubearbeitung des österreichischen Autors Thomas Köck probt. Mit Ersan Mondtag, der das Stück inszeniert, hat Stefanie Reinsperger für „Baal“ schon zusammengearbeitet. „An Berlin schätze ich unter anderem die Vielfalt. Ich habe das Gefühl, dass jede Lebensweise ihre Berechtigung hat und es viel weniger Vorurteile gibt. Wenn ich länger in Wien bin, denke ich mir beim Zurückfahren trotzdem immer, dass es mir fehlen wird. Aber ich habe in Berlin auch ein großartiges Umfeld“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Außerdem sagt ja auch niemand, dass ich nicht irgendwann mal wieder zurückkomme.“

„Ich bin eine Schauspielerin, die sehr gerne körperlich arbeitet. Deshalb brauche ich die Bühne. Und den Schweiß, die Tränen und die blauen Flecken.“

Stefanie Reinsperger

Mit diesem Gefühl lässt sich, wie sie erklärt, auch der ständige Wechsel zwischen Theater und Film gut vergleichen. „Wenn ich für einen längeren Zeitraum eine Sache mache, frage ich mich, wie ich es wieder in die andere Welt zurückschaffe. Aber es geht. Und ich könnte das eine nicht für das andere aufgeben.“ Über die immer zahlreicher werdenden Möglichkeiten, für Fernsehprojekte vor der Kamera zu stehen, freut sich Stefanie Reinsperger, die man meistens mit zu einem Dutt hochgebundenen Haaren sieht. „Gleichzeitig bin ich aber auch eine Schauspielerin, die sehr gerne körperlich arbeitet. Deshalb brauche ich die Bühne. Und den Schweiß, die Tränen und die blauen Flecken. All das gehört für mich zur Schauspielerei einfach dazu.“

Luft zum Atmen

Mit all dem Schweiß, den Tränen und den blauen Flecken geht für Stefanie Reinsperger auch eine ordentliche Portion Selbstreflexion einher. Die auf der Bühne gerne hemmungslos rackernde Schauspielerin steht, wie sie selbst anmerkt, ihrer eigenen Leistung zumeist sehr kritisch gegenüber. Was mitunter auch dazu führt, dass sie den ganzen Tag über nicht ansprechbar ist, wenn es auf einer Probe oder bei einer Vorstellung nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt hat. „Wenn ich spiele, komme ich zwar in eine Form von Sog oder Rausch, nach der Vorstellung habe ich aber nur selten das Gefühl einer Erlösung. Wobei ich glaube, dass diese Selbstkritik auch ein Motor für mich ist“, erklärt sie. Jene Bühnenmomente, „die einfach so viel größer sind als wir“, kommen nur hin und wieder vor. „Nach diesen Momenten lechze ich natürlich sehr, reproduzieren kann man sie aber nicht.“

Als besonders intensiv empfand sie unter anderem die Begegnung mit Simon Stone. 2018 stand Reinsperger in seinem Stück „Eine griechische Trilogie“ auf der Bühne des Berliner Ensembles. „Das waren sechs wahnsinnige Wochen. Wir haben unglaublich viel gesprochen und uns als Ensemble ganz anders kennengelernt“, erinnert sich die Schauspielerin, die es als großes Glück empfindet, so viele verschiedene Sachen machen zu dürfen. Zum Beispiel auch „Max und Moritz. Eine Bösebubengeschichte für Erwachsene“, ein „total bunter, fantasievoller, aber auch körperlich anstrengender Abend, bei dem es eine Szene gab, in der ich jedes Mal Gänsehaut hatte“.

Eine neue Welt

Und dann natürlich auch noch „Baal“ von Bertolt Brecht mit Ersan Mondtag, in dessen Kosmos sich die Schauspielerin vor dem ersten gemeinsamen Stück nie so richtig gesehen hat. „Dann kam es aber zu dieser Zusammenarbeit und für mich hat sich plötzlich eine ganz neue Welt eröffnet“, fasst Stefanie Reinsperger ihren Eintritt in die ebenso poetische wie bildgewaltige Theaterwelt des Regisseurs zusammen.

Was die Zusammenarbeit betrifft, gehört Stefanie Reinsperger eher zu jenen Menschen, die genug Luft zum Atmen brauchen. Gleichzeitig schätzt sie es aber auch, wenn jemand weiß, was er erzählen möchte. „Ich würde sagen, dass ich wie eine Art Schwamm funktioniere. In der ersten Woche nehme ich mal alles auf, dann sackt das ein wenig und dann brauche ich Raum, um zu explodieren“, sagt die Schauspielerin zum Abschluss unseres Gesprächs und liefert damit die vielleicht beste Beschreibung einer Komfortzone, die eigentlich gar keine ist.

Zur Person: Stefanie Reinsperger

Nach ihrem Studium am Max Reinhardt Seminar gehörte sie von 2011 bis 2014 zum Ensemble des Schauspielhauses Düsseldorf. Danach war Stefanie Reinsperger für eine Saison am Burgtheater in Wien engagiert. Von 2015 bis 2017 wirkte sie als Ensemblemitglied am Wiener Volkstheater und seit der Spielzeit 2017/18 am Berliner Ensemble.

Weiterlesen

Alle Informationen zum Berliner Ensemble finden Sie hier

Marcel Heuperman: Frei von allen Hemmungen