Fünf Stücke von Pionierinnen, die wir im Theater sehen wollen

Was will Theater heute? Warum wird oft dasselbe gespielt? Die BÜHNE hat ein paar Ideen gesammelt, welche Stücke mehr Aufmerksamkeit verdient haben.

von Juliane Fischer, 1. Dezember 2020

Fünf Stücke von Pionierinnen, die wir im Theater sehen wollen
Anna Gmeyners „Automatenbüfett" wurde vom Burgtheater und Regisseurin Petra Frey wieder entdeckt. Im Ensemble spielten (von links nach rechts) Katharina Lorenz, Robert Reinagl, Dörte Lyssewski, Annamáría Láng, Daniel Jesch und Maria Happel. Foto: Matthias Horn

„Jedes revolutionäre Weltgefühl wird bequem, wenn es in die Jahre kommt“ heißt es bei Herbert Ihering in „Der Kampf ums Theater“ (1922). Die Parolen sind schnell abgegriffen. Aber das ist gar nicht notwendig, denn im Fundus schlummert unentdeckte zeitlose Literatur. Wir müssen nur schauen: Was gehört auf die Bühne?

Verlorene Geschichten und vernachlässigte Sprechweisen

Der deutsche Schriftsteller und Journalist Simon Strauß geht das Ganze von der Maschekseite an. Er fragt in seinem Buch „Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht“ zum Beispiel Daniel Kehlmann, Deborah Feldmann, Hans Magnus Enzensberger, welche Stücke ihnen auf den Spielplänen fehlen. Wir nehmen seine Ideen auf. Wir klagen nicht, wir schwärmen vor. Was es alles zu sehen geben könnte. Wenn es dann wieder geht. Jetzt ist Zeit zu träumen.

„Auf der Bühne können wir Menschen sehen, die der Weltgeschichte schon zwei Schritte voraus sind. Und die möglicherweise gerade daran zugrunde gehen.“

Journalist Jakob Hayner in seiner Streitschrift „Warum Theater“

„Auf der Bühne können wir Menschen sehen, die der Weltgeschichte schon zwei Schritte voraus sind. Und die möglicherweise gerade daran zugrunde gehen. Doch der Schritt auf der Bühne könnte schon der erste zu einer anderen Wirklichkeit sein“, schreibt Jakob Hayner in seiner Streitschrift „Warum Theater“ (2020). Da fragt er sich: Welche Funktion kann Theater haben? Wozu kann die Bühne dienen? Was kann sie erforschen?

Die geschlossenen Häuser sind vielleicht eine Chance zur Reflexion. Ein Nullpunkt, von dem Neubesinnung und -bestimmung ausgehen können. Die Wiederentdeckung dieser Bühnenliteratur findet verlorene Geschichten, ausgeschlossene Figuren und vernachlässigte Sprechweisen:

„Automatenbüfett“ (1932) von Anna Gmeyner

Unter den Vorschlägen ist ein Stück, das das Burgtheater schon wiederentdeckt hat. „Was gäbe das für ein Bühnenbild!“ fantasiert die Dramatikerin und Essayistin Sasha Marianna Salzmann die Kulisse des Dreiakters. „Die Wand von oben bis unten bestückt mit Snackautomaten, vollgestopft mit Rheinlachs- und Jagdwurstbrötchen“.

„Automatenbüfett“ ist die perfekte Spielwiese für ein buntes Ensemble, das sich bei den Stereotypen der kleinbürgerlichen Gesellschaft fabelhaft austoben kann. Kritiker fühlten sich damals an Ödon von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald erinnert. Doch Gemeyners Blick sei nicht so zynisch. Ihre Figuren sind aber komplex genug, um Opfer und Täter in einem zu werden.

„Europa ist ein Pulverfass, in das jeden Moment der zündende Funke fallen kann“, schrieb Gmeyner Anfang der 1930er. Als Jüdin in Wien geboren, flüchtete sie ins Exil – zuerst nach Paris, 1935 nach England. Sie kehrte nie wieder nach Österreich oder Deutschland zurück. Auch nicht auf die Bühne. Bis 31. Oktober 2020. Da hat Barbara Frey das Stück dieser Chronistin, die wie ihre Bühnenheldinnen eine autonome Außenseiterin blieb, im Akademietheater inszeniert.

„Der Wanderer“ von Aphra Behn (1677/1681)

Die erste Frau, die vom Stückeschreiben lebte? Das war Aphra Behn – die erste Berufsschriftstellerin überhaupt! Sie schrieb von 1670 bis 1687 für die Kompanie Duke’s in London 18 Dramen. Ihre Komödien sind Verkleidung- und Verwechslungsintrigen mit abenteuerlicher Abfolge von Maskenspielen, die man in Zeiten, in denen der Maske eine besondere Bedeutung zukommt, bestimmt toll inszenieren kann.

Apropos Ausnahmezeiten: Die Theater in England waren 18 Jahre lang geschlossen – zuerst wegen des Bürgerkriegs, dann der puritanischen Humorlosigkeit halber. Als der vergnügungsfreudige Thronfolger, Karl II zurückkam aus dem Exil, öffneten die Häuser wieder. Doch 1665 brach die Pest aus und es hieß wieder 16 Monate bühnenfreie Zeit.

Trotzdem war viel im Wandel: Damals traten zum ersten Mal Frauen als Schauspielerinnen auf und 1669 wurde das erste Theaterstück aus weiblicher Feder aufgeführt: „Marcelia“ von Frances Boothgy. Ein Jahr später feierte Behns erste Komödie Premiere: „Die erzwungene Ehe“ drehte sich wie viele ihrer Stücke um arrangierte Heirat.

Am wildesten geht es in ihrem erfolgreichen „The Rover“ („Der Wanderer“) zu. Zwei junge Frauen wehren sich gegen ihre väterlichen und brüderlich angewiesenen Rollen. Nicht nur die Kostüme, auch die Geschlechter wechseln, es gibt Duelle und Scheintode samt Verhaftung, Stürze durch Falltüren und Verhandlungen mit Kurtisanen. Zuerst müssen Aphra Behns Stücke aber erst übersetzt werden!

„Gabriel“ von George Sand (1839)

Auch „Gabriel“ von George Sand existiert momentan nur auf Französisch. Seit seiner Erstveröffentlichung 1839 wurde es quasi nie gespielt, was Sands Freund und Kollege Honoré de Balzac bedauerte. Er schrieb: „Es ist ein Stück von Shakespear! Ich verstehe nicht, dass Sie es nicht auf die Bühne gebracht haben!“

Gabriel/le Gabriel/le ist zwar körperlich eine Frau, hat sich geistig aber als Mann entwickelt. Somit ist das Stück ein Nachdenken über gesellschaftliche Normen, das Frau-Sein, die Freiheit und die Liebe. Der Held beziehungsweise die Heldin ist der Erschafferin nicht unähnlich: George Sand hieß ja eigentlich Aurore Dupin. Sie hatte von ihrem Ehemann verlangt, sechs Monate im Jahr das gemeinsame Landgut verlassen und zum Schreiben nach Paris gehen zu dürfen. Irgendwann trennten sie sich.

Zu Hause in Nohan war Sand Frau, alleinerziehende Mutter und Hausherrin, in der Großstadt kleidete sie sich als Mann, weil sie sich so frei und ungestört bewegen konnte. Auch ihre Bestseller-Romane veröffentlichte sie unter dem männlichen Vornamen „George“. Sie gehörte, wie ihr Freund Flaubert oft sagte, zum „dritten Geschlecht“. Die Schriftstellerin schrieb „Gabriel“ in einer Art Lock-Down-Situation: innerhalb von drei Tagen in einem Hotelzimmer neben ihren spielenden Kindern.

„Der starke Stamm“ von Marieluise Fleißer (1950)

Marieluise Fleißer lebte das zermürbende Leben einer doppelten Außenseiterin: Sie war Avantgardekünstlerin, die aus einer kleinbürgerlichen, katholischen Familie in Ingolstadt stammte. Andererseits war sie im männlich dominierten Literaturbetrieb auch nur eine Randfigur. Lion Feuchtwanger und Berthold Brecht wurden zu Mentoren wie auch Diktatoren ihrer beginnenden Karriere.

Auf Brechts Drängen schrieb sie das Stück „Pioniere in Ingolstadt“. Die Inszenierung in Berlin verursacht 1929 einen Skandal. Fleißer wird dadurch in ihrer Heimat zu einer Ausgestoßenen. Nach dem Krieg erlebt sie – wieder durch Unterstützung besser bekannter Männer nämlich Rainer Werner Fassbinder und Franz Xaver Kroetz – eine Art Renaissance in den 1970er Jahren.

Elfriede Jelinek besuchte die Autorin damals in Deutschland für ein Interview . Sie hält Marieluise Fleißer für die „größte Dramatikerin des 20. Jahrhunderts“. Das Volksstück „Der starke Stamm“ in vier Akten ist eine Parabel auf Gewinnsucht, Dumpfheit, Druckmäusertum und Durchhaltewillen. Es ist in bayrischem Idiom verfasst und spielt in einem einzigen Zimmer. Gewürzt mit scharfem Wortwitz und dynamischer Wechselrede.

„Das Fest des Lamms“ von Leonora Carrington (1940)

„Alle wollen mehr Stücke von, mit und über Frauen auf unseren Bühnen sehen, aber eines der verrücktesten, komischsten und wildesten, das je von einer Frau geschrieben wurde, lässt man links liegen“, schreibt der Journalist Martin Halter im Buch „Spielplanänderung!“. Er meint „Das Fest des Lamms“ von Leonora Carrington.

1940 entstanden, 1955 uraufgeführt, ist es heute schon fast wieder vergessen. File under: Surrealismus, Splatter, Gothic, Magischer Realismus. Wenn es in Wien inszeniert wird, kann es freudianisch als nekrophiles Familiendrama bringen, aber es hält auch der Metapher für Faschismus stand und eine feministische Seite lässt sich ebenso deuten.

Als Vater-Tochter-Konflikt hat es Elfride Jelinek für Olga Neuwirths Horroroper „Bählamms Fest“ interpretiert. Es wurde bei den Wiener Festwochen 1999 uraufgeführt. „Ich habe einen Stoff gesucht, bei dem man zwischen Lachen und Weinen schwankt“, sagte die Komponistin damals. Es gibt Werwölfe, Voodoo-Zauber und archaische Totems und Tabus. Womit wir wieder bei Freud wären.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine von „Automatenbüfett“ im Wiener Akademietheater (laut aktueller Planung)

Buchtipp: Simon Strauß: Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht
262 Seiten
Tropen Verlag 2020

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