Vom Traum zum Raum – das „Bradley“-Bühnenbild

„Wo eine Tür zugeht, öffnet sich eine andere“ lautet eine bekannte Redewendung. Geht es um das Stück „Bradley – Letzte Reihe, letzter Platz“, trifft das sowohl auf die Hauptfigur als auch auf das Bühnenbild zu.

Wände werden verschoben und plötzlich öffnen sich Türen, wo zuvor noch keine waren. Dahinter: Für die Theaterbühne gestaltete Räume, die an jene aus amerikanischen High-Schools erinnern. Gerald Maria Bauer, als Chefdramaturg, Bühnenbildner und Regisseur gewissermaßen das Multitool des Theaters der Jugend, hat für das Stück „Bradley – Letzte Reihe, letzter Platz“ eine Verwandlungsbühne zwischen Realität und Abstraktion entwickelt.

Einer der Ausgangspunkte war die für amerikanische High-Schools typische Farbgestaltung. „Diese Farbgebung haben wir im Bühnenbild aufgegriffen“, erklärt Gerald Maria Bauer, den wir vor der Vorstellung von „Bradley“ im Zuschauerraum des Theaters im Zentrum treffen. Das Stück handelt vom Außenseiter Bradley, der gerne spuckt, sich von allen unverstanden fühlt und scheinbar kein Interesse daran hat, sich bei seinen Mitschüler*innen beliebt zu machen. Als Jeff auf seine Schule wechselt, beginnen sich die Dinge für den Anti-Helden der Extraklasse allmählich zu verändern. „Wie es sein muss, sich als neuer Schüler in all diesen Korridoren und Räume zu verirren, war für die Gestaltung des Bühnenbildes ebenfalls ausschlaggebend“, setzt Gerald Maria Bauer fort. „Aus diesem Grund haben wir uns für fahrende Türen entschieden, hinter denen wir Räume verstecken.“

Doppelfunktion

Wie sehr man sich beim Bühnenbild in eine Abstraktion begibt oder doch eher dem Konkreten zugeneigt bleibt, ist für Gerald Maria Bauer, der bei „Bradley“ sowohl für die Dramaturgie als auch – gemeinsam mit Regisseurin Nicole Claudia Weber – für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, sehr vom Stoff abhängig. „Bei ‚Bradley‘ haben wir uns für eine (hyper-)realistische Lösung entschieden, wobei es auch einige abstraktere Elemente gibt. Uns war es wichtig, an die Bilder, die man aus Filmen über amerikanische High-Schools kennt, anzudocken, dann aber weiterzugehen und mit den Möglichkeiten, aber auch mit den Einschränkungen des Theaterraumes zu arbeiten.“

Bühnenbild bei Bradley
Stefan Rosenthal als Jeff. Foto: Rita Newman / Theater der Jugend

Mitunter können Schulräume auch zu Angsträumen werden, ergänzt der Dramaturg und Bühnenbildner. „Sich als neuer Schüler in diesem bestehenden System zurechtzufinden ist keine einfache Aufgabe. Der Schulhof hat eine eigene Hackordnung, die es erstmal zu durchschauen gilt. Darüber hinaus fürchten sich die männlichen Schüler im Stück auch davor, sich auf eine der Mädchen-Toiletten zu verirren, weil sie teilweise sehr klischeehafte Vorstellungen davon haben, was dort passiert und wie es dort aussieht. Daher spielen auch diese Räume in unserer Inszenierung eine wichtige Rolle.“ 

Gefühle wie Angst, Beklemmung und Beengung werden jedoch nicht nur über das Bühnenbild vermittelt, merkt Bauer an. „Das Licht trägt wesentlich dazu bei, wenn es darum geht, den Blick der Zuschauer*innen zu fokussieren. In Sachen Atmosphäre spielt außerdem die Musik eine wichtige Rolle.“ In seiner Doppelfunktion sieht Gerald Maria Bauer keinerlei Widerspruch. „Bühnenbilder*innen müssen auch immer sehr gute Dramaturg*innen sein“, hält er fest. „Ein analytischer Blick auf das Stück ist in beiden Bereichen zentral. Bühnenbildner*innen, die häufig aus der bildenden Kunst kommen, bringen zusätzlich eine interessante ästhetische Perspektive in die Auseinandersetzung mit dem Text.“

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Gerald Maria Bauer ist Chefdramaturg am Theater der Jugend. Foto: Philipp Horak

Ein vielschichtiges Stück

Im Aufgabenbereich des Bühnenbildners oder der Bühnenbildnerin bündeln sich eine Vielzahl unterschiedlicher Kunstrichtungen – darunter auch die Architektur. Und damit auch der Widerspruch zwischen dem, was machbar ist, und jenen Dingen, die man sich für die Bühne erträumt, fügt Gerald Maria Bauer lachend hinzu. „Wo ein Meter zu wenig ist, ist einfach ein Meter zu wenig. Als Bühnenbildner*in ist man mit den pragmatischen und statischen Gegebenheiten des Raumes konfrontiert.“

An „Bradley“ reizte ihn unter anderem die Vielschichtigkeit des Textes. „Man hat zunächst das Gefühl, dass es eine recht konkrete Geschichte über einen Jungen ist, der Probleme in der Schule hat. Gleichzeitig hat der Text aber eine tiefenpsychologisch unglaublich komplexe Dimension“, bringt es Gerald Maria Bauer auf den Punkt. Schnell ist klar: Hier öffnen sich überall neue Türen – für Bradley durch die Ankunft des neuen Mitschülers und seine Besuche bei der Schulpsychologin Clara, aber auch im Stück selbst, das auf mehreren Ebenen die Beziehung zwischen Realität und Fantasie auslotet. Womit wir auch schon wieder beim Bühnenbild wären.

Zur Person: Gerald Maria Bauer

Der studierte Philosoph, Theater- und Musikwissenschaftler war u. a. bei den Wiener Festwochen, beim Steirischen Herbst und am Schlossparktheater Berlin engagiert. Seit 2002 ist er stv. künstlerischer Leiter und Chefdramaturg des TdJ. 

Zu den Spielterminen von „Bradley – Letzte Reihe, letzter Platz“ im Theater im Zentrum!

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