Spucken ist auch keine Lösung

Bradley Chalkers sitzt allein in der letzten Reihe, spricht mit seinen Stofftieren, hat keine Freunde und spuckt. Bis die junge Psychologin Carla an seine Schule kommt und ihm ganz neue Wege eröffnet. Eine Geschichte der Annäherung.

Im Original ist es knallrot. Gemeint ist das Kaninchen Kim, das im Stück „Bradley – letzte Reihe, letzter Platz“ von Bestsellerautor Louis Sachar im Theater im Zentrum eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Robin Jentys, der die Titelrolle verkörpert, hat das dekorative Stofftier in blaugrauer Ausführung zum Fotoshooting mitgebracht.

Für seinen Protagonisten zählen Kim und der Bär Bartholomew mangels humaner Anwärter zum engsten Freundeskreis. Bei ihnen, im abgeschlossenen Kinderzimmer, kann er so sein, wie er ist, was in der freien Natur weniger gut ankommt. Denn Bradley spuckt meisterlich und macht sich auch sonst keine Mühe, beliebt zu sein. Vor allem aber fühlt er sich von seiner Umgebung unverstanden und nimmt es auch mit der Wahrheit nicht sehr genau. Ein Antiheld der Superklasse, denn niemand ist so unbeliebt wie er.

Aber warum? „Ich glaube, er ist entwicklungstechnisch einfach noch nicht so weit wie die anderen“, versucht sich Robin Jentys an einer Erklärung, „und er kommt mit diesem Druck nicht zurecht.“ Im Stück ist er 13 Jahre alt, also hin- und hergerissen zwischen noch kindlichem Verhalten und dem Wunsch, als Erwachsener wahrgenommen zu werden. Der sich verändernde Hormonhaushalt scheint auch nicht gerade hilfreich zu sein in der ohnehin schwierigen Identitätsfindung.

Als die junge Schulpsychologin Carla Davis an die Red Hills School kommt – und dort aufgrund ihres Alters und ihrer modernen Methodik ebenfalls schnell zur Außenseiterin innerhalb des Lehrkörpers wird –, ändert sich die Dynamik. Gespielt wird sie von Ursula Anna Baumgartner, durch Partien wie die weibliche Titelrolle in „Amadé und Antoinette“ – eben- falls in der Regie von Nicole Claudia Weber – keine Unbekannte im Theater der Jugend.

Gemeinsam im Boot

„Aus der Perspektive von Carla geht es darum, was Schönes passieren kann, wenn man sich traut, verletzlich zu sein und sich zu öffnen“, erklärt Ursula Anna Baumgartner die Kernbotschaft des Stücks aus ihrer Sicht. „Es geht auch um den Mut zu scheitern, denn Bradley hat Angst davor, anders zu sein, weil er denkt, es könnte schiefgehen. Und natürlich geht es auch um Freundschaften, darum, wie er sich als Außenseiter und Einzelgänger zurechtfindet und es dann doch schafft, sich anderen anzuvertrauen.“

Ursula Anna Baumgartner und Robin Jentys
Reich an Erfahrung. Ursula Anna Baumgartner und Robin Jentys schnupperten schon als Kinder Theaterluft und machten ihre frühe Begeisterung später zum Beruf. Foto: Peter M. Mayr

Robin Jentys ergänzt: „Bradley sagt im Stück zu seinem Vater über Carla: ‚Sie mag mich, sie hört mir zu.‘ Das ist, finde ich, das Wichtige, weil man in unserer Gesellschaft doch schnell vorgefertigte Meinungen über Dinge hat und über alles drüber bügelt. Wenn man aber jemandem zuhört und sich wirklich für die Person interessiert, kann man auch Differenzen überwinden. Bei ihm löst ihr wohlwollendes Verhalten schließlich so viel aus, dass er über seinen Schatten springt und freundlicher, zugänglicher wird. Er versucht tatsächlich, sein Leben zu ändern.“

Dabei hilft ihm auch der unkonventionelle Raum, den Carla schafft, in dem es statt Tischen und Stühlen eine Schaukel gibt und in dem, wie sie sagt, „keine Regeln gelten, denn hier denkt jeder für sich selbst“. Die Meinung der Kinder hat Berechtigung, auch wenn sie „nur“ Kinder sind.
Ganz freiwillig besucht Bradley Carla anfänglich aber nicht, denn es ist nicht gerade cool, zur Schulpsychologin zu gehen. Das Vertrauensverhältnis baut sich erst langsam auf – auch deshalb, weil im Grunde eben beide nicht in das System aus starren Regeln und Richtlinien passen.

„Ich als Ursula schöpfe für das Rollenverständnis natürlich aus meiner eigenen Erfahrung mit Therapie. Wir wollen alle gehört und gesehen werden. Wir wollen wahrgenommen werden und unseren Platz einnehmen. Gerade wir Schauspieler*innen stellen uns ja aus.“

Jung begonnen

Liegt darin auch die Begründung zur Ergreifung des Berufs? „Unterbewusst wahrscheinlich schon. Der Mythos in meiner Familie besagt, dass ich schon als Kindergartenkind gesagt haben soll, dass ich Schauspielerin werden wolle. Später hätten mich andere Dinge auch interessiert, aber nicht in der Intensität, die es braucht, um einen Beruf zu verfolgen. Ich habe mit elf Jahren in Linz in einer Kinder-Musical- und -Theatergruppe begonnen, von da an war der Weg vorgezeichnet. Ich habe mir nach der Matura nicht einen einzigen ernsthaften Gedanken darüber gemacht, was ich tun könnte, falls ich an der Schauspielschule nicht angenommen würde.“

„Hier gelten keine Regeln, denn hier denkt jeder für sich selbst.“

Ursula Anna Baumgartner, Schauspielerin

Robin Jentys schon. Zwar stand er bereits mit neun Jahren auf der Bühne des Wiener Kindertheaters und schätzt an seinem Beruf bis heute den Aspekt der Verkleidung, dennoch hörte er zwischenzeitlich damit auf. „Mit zwölf, dreizehn dachte ich, das sei nichts für mich. Ich habe Klarinette gespielt und wollte Musiker werden. Irgendwann bin ich aber zum Schauspiel zurückgekommen, weil es doch meinem Naturell zu entsprechen scheint.“ Er begann sogar Französisch sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaften zu studieren, für den Fall, dass es mit der Schauspielschule nicht klappen würde. Hat es aber.

Interessante Leidenschaften

Robin Jentys bezeichnet sich selbst als Spaziergänger. „Das klingt vielleicht langweilig, aber ich finde, dass man Stadtarchitektur und Menschen spazierend besser mitbekommt. Selbst auf Reisen fahre ich kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Außerdem hat er ein Faible für IndustrialDesign, das durch TikTok ausgelöst wurde. Nur für den Fall, dass sich der Nachwuchs in seinem Social-Media- Verhalten darauf berufen möchte … Ursula Anna Baumgartner geht gerne in den Wald, was bei ihrem Namen nicht verwundert. Dort umarmt sie mitunter auch Bäume. „Wir sitzen viel in Probekellern, ich brauche Natur und frische Luft als Ausgleich. Außerdem habe ich ein Kleinkunstprojekt, in dem es um die Parallelen zwischen Menschen- und Baumleben geht.“ Die Waldausflüge dienen also auch der Inspiration. Was passiert am Ende eigentlich mit Häsin Kim? „Die schenke ich Carla“, erklärt Bradley aka Robin. „Ich brauche sie ja nicht mehr.“

Zur Person: Robin Jentys

Der Wiener studierte Schauspiel an der Filmuniversität Babelsberg in Potsdam und war danach u. a. am Berliner Ensemble, dem Schauspiel Köln und dem Volkstheater in Wien zu sehen. Als Bradley gibt er sein Theater-der-Jugend-Debüt.

Zur Person: Ursula Anna Baumgartner

Nach der Ausbildung in den Performing Arts Studios Vienna spielte sie u. a. am Deutschen Theater München, dem Staatstheater Kassel und der Oper Bonn. Sie betreibt eigene Projekte in der freien Szene und gründete das Kleinkunst-Duo Baumgärtner. Am Theater der Jugend war die gebürtige Linzerin bereits mehrfach zu Gast.

Zu den Spielterminen von „Bradley– letzte Reihe, letzter Platz“ im Theater im Zentrum!

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