Keine Ahnung, woher die Mär kommt, dass Backstage-Bereiche sexy seien. Oder cool. Denn Backstage-Bereiche sind nichts als gepimpte Warte­zimmer. Hier sitzt dann der Popstar auf einem (durchgesessenen, aber zum Vintage erklärten) Sofa und wartet auf seinen Auftritt. Irgendwo steht ein Kühlschrank mit Getränken. Vermutlich ist diese Versifftheit Absicht – als Garant für pünktliche Auftritte: Wer hier Zeit verbringen muss, will nur mehr raus. Heute sitzen wir in einem dieser Star-Abstellorte und haben es fein.

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Der eine, den wir hier treffen, ist Bachelor der Germanistik und hat mit „Der hippokratische Neid“ einen Bestseller geschrieben. Der andere war Sängerknabe, hat am Konservatorium in Wien und in London Schauspiel, Gesang und Tanz studiert, Meisterklassen bei Angelika Kirchschlager und Bobby McFerrin absolviert und dann Musical und lange im Simpl gespielt. „Er ist ein künstlerisches Schweizermesser“, sagt der Germanist über den Sängerknaben.

Aus dem Fenster sieht man auf die Open-Air-Bühne des Globe Wien. Bald werden die beiden dort stehen. Wie immer ausverkauft. Beim letzten „normalen“ Donauinselfest haben sie vor über 100.000 Menschen gespielt. Mehr geht in Österreich nicht. Nächstes Jahr drehen sie ihren ersten Film. Es wird „Guy Ritchie in der Südsteiermark“.

Der mit dem Germanistikstudium ist Paul Pizzera, 33, der Ex-Sänger­knabe ist Otto Jaus, 38. Gemeinsam sind sie das erfolgreichste Kabarett- und Popduo des Landes: Pizzera & Jaus. ­Unser Treffen mit ihnen ist wie ein Blick über den kulturellen Maschendrahtzaun. Pizzera & Jaus schaffen mit ihren Liedern und Kabarettnummern kleine, kluge Meisterwerke. Sie sind intellektuelle, reflektierte Köpfe, und ihr Publikum ist breit aufgestellt. „Gestern saß eine 70-jährige Oma neben einem Typen im Slipknot-Shirt. Und er war nicht ihr Pfleger“, sagt Otto Jaus und lacht.

Man müsste ein Konzert machen, bei den Opernstars mit uns und anderen an die Klassikhits herangehen."

Otto Jaus

Lasst uns über Oper reden. ­Warum erreicht sie nicht mehr so ein breites Publikum wie früher?

Otto Jaus: Ich könnte mir vorstellen, dass viele junge Menschen gar nicht wissen, wie mächtig und kraftvoll Oper sein kann und wie wunderschön sie ist. Ich habe mir letztens wieder „Tosca“ zu Hause angesehen. Das ist ein Spielfilm: Zwei Stunden, und es ist erledigt, und es ist einfach nur herrlich. Aber wenn du jemandem, der noch nie eine Oper gesehen hat, die „Tosca“ hinwirfst, wird das vielleicht zu viel sein. Man müsste ein Konzert machen, bei dem Opernstars mit uns und anderen an die Klassik­hits herangehen. Wir müssten halt mit den einfacheren Sachen beginnen …

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Paul Pizzera: Und es braucht Offenheit von beiden Seiten. Auch von der Opernabonnentin aus der Tabor­straße. Ich glaube, das Sensibilisieren für den gemeinsamen Kulturgenuss geht nur, wenn man einen Hybrid schafft aus mehreren Kunstwelten. Stellt euch vor, auf der Opernbühne wird gerappt, und dann kommt eine Überstimme von hinten, die dich wegbläst, und vorne gibt es noch einen gescheiten Text. So könnte man viele für Oper begeistern. 

Otto Jaus: Auf YouTube gibt es Clips, wo man junge Menschen sieht, wie sie das erste Mal „Nessun dorma“ hören und zu weinen beginnen, weil es so schön ist. Das zeigt: In so einem Projekt wäre viel Potenzial.

Ihr würdet also abheben, wenn ­Jonas Kaufmann oder Bogdan Roščić anriefen?

Paul Pizzera: Wir würden uns vielleicht ein bisschen beknien lassen oder Jonas Kaufmann bitten, dass er uns mal was vorsingen soll. (Lacht.) Nein, im Ernst: Wenn einer der beiden anriefe, würden wir nicht lange überlegen. Es wäre viel Ehrgeiz und Neugier dabei, und bei so einer Mischung kann nichts Schlechtes rauskommen.

Bogdan Roščić hat zu mir ­einmal gesagt: Man vergibt so wahnsinnig viel, wenn man sich nicht mit anderen Dingen auseinandersetzt.

Paul Pizzera: Kulturelles Fasten ist äußerst mühsam und völlig sinnlos. Und dazu kommt, wie es Bernd Stromberg so schön gesagt hat: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. (Lacht.)

Otto Jaus: Es beginnt ja schon damit, dass man sich nicht zu ernst nehmen sollte. Am Ende des Tages sind wir alle Fetzenschädeln. Wir werden irgendwann von der Welt weg sein, und ein paar Jahre drauf wird sich auch keiner mehr an uns erinnern. Also sollte man offen sein und mit Leuten reden und auf sie zugehen, vor allem auch auf jene, die eine andere Musik machen. Nur so lernt man sich kennen und entwickelt sich weiter. Ich kann immer sagen: Das gefällt mir nicht. Aber das heißt noch lange nicht, dass es schlecht ist.

Paul Pizzera und Otto Jaus beim Donauinselfest 2019. Damals spielten sie vor über 100.000 begeisterten Fans. Ihre Mischung aus Kabarett und Pop machte sie zu den erfolgreichsten Künstlern in diesem Genre.

Foto: Ulrike Rauch

Fühlt ihr euch manchmal in ­eurem Genre beengt? In eine Schublade gesteckt?

Paul Pizzera: Absolut nicht. Wir machen unser Ding. Der Unterschied zur Kultur ist die Natur – und fertig. Da fällt bei uns schon viel rein. Wir kennen unseren Kompetenzradius. Wir wissen, was wir gut können, und das versuchen wir zu verbessern und stets weiterzuentwickeln. Also das „Calimero-Prinzip“: die Stärken stärken und die Schwächen vernachlässigen. Wir jodeln, wir machen Rock, wir haben Klassik durch den Otto drinnen. Wir haben ein breites Speisekarten-Feeling. Und wir wollen uns nicht krampfhaft verändern. Wir machen gerne guten Pop. Gutes Kabarett. Wir werden nicht auf Stepptanz umsteigen, und die Philharmoniker dirigieren würde ich auch nicht, dazu fehlt mir die Ausbildung. (Lacht.)

Otto Jaus: Wir haben letztens Stuart Freeman, den Moderator der „Morning Show“ auf FM4, kennengelernt. Ein großartiger Typ! Wir hatten einen tollen Abend. Am nächsten Tag hat er dann auf FM4 eine Nummer von uns gespielt. Er wurde daraufhin intern gefragt, ob er denn jetzt durchgedreht
sei. Ich finde das kleinkariert – vor allem, wenn man Weltoffenheit sugge­rieren möchte. Es ist doch nur ein Lied, das der Moderator gespielt hat, weil er uns mag. Dreieinhalb Minuten. Man muss ja nicht zuhören. Ist eh gleich vorbei … (Grinst.)

Eure Texte sind wie kleine ­Dramo­lette. Habt ihr nicht Lust, ein Theaterstück zu schreiben?

Otto Jaus: Wenn du gute fünf Minuten hast, ist es super. Das dann aufzublasen, das geht nicht so leicht. Du kannst nicht mit einem Handlungsstrang ein Theaterstück überleben. Du brauchst Zwischenhandlungen, Nebenhandlungen, die dann zur Haupthandlung werden. In dem Fall gilt: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Ich bin so glücklich mit dem, was wir beide da machen dürfen: tanzen, singen, lustig sein. Das ist Freiheit! Ich hadere nicht mit mir, dass ich etwas anderes machen will.

Paul Pizzera: Bei mir ist es genauso. Die Demut ist sehr, sehr groß. Vor allem, wenn ich mir den Friedhof der Bands anschaue, die es nicht geschafft haben.

Habt ihr das Gefühl, dass sich durch die Pandemie etwas ­ver­ändert hat? Ich hatte die ­Hoffnung, alles wird besser, die Menschen werden einander mehr lieb haben als zuvor …

Paul Pizzera: Idioten werden nicht müde, das ist das Problem. (Lacht.) Für den ganzen Kultursektor war die Zeit eine Katastrophe. Der positive Kollateral­schaden für uns war: Wir hatten für das, was wir sonst unter Druck machen müssen, einfach mehr Zeit …

Wunderbar ist es, wenn es den Fans und uns nach einem Konzert besser geht."

Paul Pizzera

In einem Interview hat Paul ­Pizzera einmal gesagt: Kunst ist eine Räuberleiter zum Glück. Was für ein schöner Satz!

Paul Pizzera: Es gibt für uns Auftretende und die Menschen, die das genießen, was wir machen, eine Ambivalenz – weil sich die Hand, die Kunst schenkt, dabei auch leert. Aber sie füllt sich dann wieder an. Wir bekommen den Zuspruch, den wir brauchen, und unsere Zuhörer er­fahren die Genugtuung, dass sie nicht allein sind mit ihren Gedanken. Und dazu gibt es noch viel Unterhaltung. Wunderbar ist es, wenn es den Fans und uns nach einem Konzert besser geht. Das ist wie bei einer Räuberleiter. Man braucht bei der Kunst und fürs Glück immer zwei Parteien.

Ihr müsst auf die Bühne. Euer Publikum wartet. Habt ihr noch einen Wunsch? Wollt ihr jemanden grüßen lassen?

Otto Jaus: Wir grüßen – ganz amikal, versöhnlich und mit einem dicken Bussi – die ganze FM4-Welt. (Lacht.)

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