Wir treffen Schauspielerin Martina Spitzer in einer Pause zwischen zwei Proben in einem schattigen Gastgarten am Siebensternplatz. Während wir auf unsere Getränke warten, erzählt sie, dass sie dieser Tage zwischen Dreharbeiten, Theaterproben und szenischen Lesungen hin und her pendelt. Natürlich sei es ihr lieber, wenn sie sich ganz auf eine Sache konzentrieren könne, aber in ihrem Beruf sei das nun einmal so. Sie lacht. Hin und wieder blitzt der oberösterreichische Dialekt durch, mit dem die gebürtige Hohenzellerin aufgewachsen ist.

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Obwohl es ihr beruflicher Alltag erfordert, sich ständig in Zwischenräumen dieser Art aufzuhalten, ist die 60-Jährige ein großer Fan des Augenblicks. Klingt widersprüchlich? Ist es nicht. Frei nach Luc Bondy versucht sie auf der Theaterbühne nämlich stets den Augenblick hochleben zu lassen. Sie sagt: „Das Schöne beim Spielen ist unter anderem, dass es extrem im Moment passiert – man nimmt die Kraft aus dem Augenblick. Das empfinde ich als sehr beglückend.“

„Einfach das Ende der Welt“

Martina Spitzer nimmt einen Schluck von ihrem Soda Zitron und wir beginnen über das Stück zu sprechen, das sie gerade im Kosmos Theater probt. Es heißt „Einfach das Ende der Welt“ und handelt von einem an AIDS erkrankten jungen Mann, der nach 12 Jahren Abwesenheit zu seiner Familie zurückkehrt, um seinen engsten Verwandten zu erzählen, dass er bald sterben wird. Am Höhepunkt der AIDS-Krise beleuchtet Autor Jean-Luc Lagarce, der das Stück 1990 veröffentlichte, Stigmata und Ängste, die mit damit einhergehen und versucht diese im Mikrokosmos Familie zu bündeln. Martina Spitzer spielt in Matthias Köhlers Inszenierung am Kosmos Theater Martine, die Mutter des Zurückgekehrten. „Dieser Familienkonflikt hat mich sehr interessiert“, so Spitzer. „Einer geht weg, verschwindet jahrelang und schüttelt damit die ganze Verantwortung, alle Konflikte und offenen Fragen von sich ab, und all jene, die zu Hause geblieben sind, müssen nun damit umgehen. Daher hat sich in dieser Familie unglaublich viel aufgestaut.“

Sie selbst hätte das in ähnlicher, aber natürlich sehr abgeschwächter Form erlebt, allerdings sei sie damals diejenige gewesen, die von zu Hause weggegangen ist. Martine nimmt sie als eine Figur wahr, die mit diesem Konflikt schon so ziemlich abgeschlossen zu haben scheint. „Sie sieht ihre Aufgabe nun darin, zwischen den Geschwistern zu vermitteln und moderierend einzugreifen. Natürlich beschäftigt die Situation auch sie, doch sie versucht, diese Gefühle zugunsten ihrer Kinder hintanzustellen.“

Einfach das Ende der Welt Martina Spitzer
Das Ensemble von „Einfach das Ende der Welt“ im Kosmos Theater.

Foto: Kosmos Theater

Respekt und Vertrauen

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs steckt Martina Spitzer noch mitten in der Entwicklung ihrer Rolle. „Bevor ich heute zur Probe gekommen bin, habe ich noch ein paar Lieder gehört, die ich mit dieser Figure assoziiere, ein sinnlicher Zugang. Aber ich stelle mir zu meinen Figuren auch viele Fragen, erschaffe mir Biografien, die sich aus Bildern zusammensetzen, die mit der Zeit entstehen. Manchmal habe ich auch ein konkretes Bild zu Hause liegen, das mich auf die richtige Spur bringt. Ich kläre die Beziehungen. Und ja, es kommt auch vor, dass ich mich z.B. einfach frage, was eine Figur in ihrer Tasche hat, fast wie ein Spiel, sowas macht mir Spaß“, erläutert Martina Spitzer ihre Herangehensweise an ihre Rollen, die jedoch von Stück zu Stück variiert.

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Es ist zwar beruhigend, so etwas wie ein Handwerk zu haben, auf das man zurückgreifen kann, gleichzeitig ist es ‚tödlich‘, wenn man sich nur darauf verlässt und sich nicht mehr aufs Glatteis begibt. Unser Beruf hat nun einmal sehr viel mit Risiko zu tun.

Martina Spitzer, Schauspielerin

Sich immer wieder auf neue Arbeitsweisen seitens der Regie einzulassen, gehöre ebenfalls zum Beruf, fügt die Schauspielerin nach einer kurzen Pause hinzu. „Mit Matthias (Köhler, Anm.) arbeite ich ja schon zum zweiten Mal, ich schätze ihn sehr. Er lässt uns einerseits viel Freiraum, er weiß auf der anderen Seite sehr genau, was er will. Er hat einen guten Blick, gibt sich nicht leicht zufrieden, korrigiert uns und lockt uns immer wieder auf andere Fährten. Es ist ein gemeinsamer Prozess.“

In Probenprozessen sind der Wahl-Wienerin vor allem Respekt und Vertrauen sehr wichtig. „Ich habe mit Ensembles immer sehr viel Glück gehabt und mich selten unwohl gefühlt. Und selbst wenn die Chemie nicht immer ganz gestimmt hat, musste ich mich ja trotzdem öffnen  und loslassen. Gerade wenn man noch sehr jung ist, kann es einem schon den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn man in Probensituationen schlecht behandelt wird. Mittlerweile gelingt es mir aber, Beleidigungen nicht mehr so nahe an mich heranzulassen und mich zu wehren.“

Zusammen lachen

Ein anderer wichtiger Begleiter in einem solchen Prozess, ist der Humor, ist die Schauspielerin überzeugt. „Es ist schön, wenn man zusammen lachen kann – wenn man auch einmal richtig schlecht sein und viel riskieren und ausprobieren kann, weil einem ja eh nichts passiert“, beschreibt sie die für sie ideale Probenatmosphäre. Bei den Proben für „Einfach das Ende der Welt“ erlebe sie es gerade genau so, hält Spitzer daran anknüpfend fest.

Vor dem Scheitern sei man nämlich auch mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Gepäck nicht gefeit. Und das ist auch gut so, ist Martina Spitzer überzeugt. „Es ist zwar beruhigend, so etwas wie ein Handwerk zu haben, auf das man zurückgreifen kann, gleichzeitig ist es ‚tödlich‘, wenn man sich nur darauf verlässt und sich nicht mehr aufs Glatteis begibt. Unser Beruf hat nun einmal sehr viel mit Risiko zu tun.“ Das äußert sich unter anderem in alles andere als ideal verlaufenden Proben, die, so Spitzer, „aber auch sein müssen“. Schließlich sei so ein Probenprozess kein linearer Weg, der stets nach oben zeigt, sondern eher so etwas wie ein Abenteuer durch Berg und Tal.

Martina Spitzer

Foto: Ingo Pertramer

Zur Person: Martina Spitzer

„I am here“

Mit sehr viel Risiko war auch ihr letztes Filmprojekt, der zu mehreren Festivals eingeladene Film „I am here!“ von Regisseur Ludwig Wüst, ausgestattet. „Wir haben auf Film und nicht digital gedreht“, so Spitzer. „Zudem waren die einzelnen Takes zum Teil so lang wie die ganze Filmrolle. Das bedeutet, dass die ganze Rolle im Eimer ist, wenn man ein Take versaut; und das Budget war ja ziemlich knapp bemessen … daraus ergibt sich eine sehr konzentrierte, aber für mich auch sehr schöne Art der Arbeit“, fügt die Schauspielerin lachend hinzu. Mit Regisseur Ludwig Wüst hat sie bereits mehrere Projekte gemeinsam umgesetzt – unter anderem den nur aus zwei Takes bestehenden Langspielfilm „Das Haus meines Vaters“.

Ihre Theaterarbeit führte Martina Spitzer unter anderem ans Volkstheater Wien, Schauspielhaus Wien, ans Theater in der Josefstadt, an verschiedene Landestheater, in freie Produktionen, und in der Spielzeit 2020/21 sogar nach Moskau. In Susanne Kennedys Inszenierung „Drei Schwestern“, die am Volkstheater zu sehen war, sprang sie für eine Kollegin ein und fuhr im Rahmen eines Gastspiels zum NET Festival nach Moskau. „Eine großartige Erfahrung“, resümiert die Schauspielerin.

Wann sie einen Abend als gelungen empfindet, wollen wir noch von der Schauspielerin wissen. „Ich muss sagen, dass ich ein sehr zweifelnder Mensch bin, was dazu führt, dass ich erst sehr spät zufrieden bin, vor allem mit mir selbst“, antwortet sie nach einer kurzen Pause. „Aber es gibt schon so Abende, wo es einen gemeinsamen magischen Fluss gibt – der dazu führt, dass man total im Moment ist und sich alles neu anfühlt, weil es in genau diesem Augenblick passiert und alle Sinne offen sind. Das sind Glücksmomente.“  

Zu den Spielterminen von „Einfach das Ende der Welt“ im Kosmos Theater!