Michaela Klamminger: Lust auf eine Mörderin

Nonne wollte sie einmal werden. Nun spielt sie eine Nazi- Schergin. Michaela Klamminger stand schon mit neun Jahren auf der Bühne. Ihr Weg nach Wien-Josefstadt war lang. Nun darf sie in „Rechnitz“ als das Böse brillieren.

Was tun fünfzehnjährige Teenager so in ihrer Freizeit? Mit Freunden chillen, Netflix-Serien streamen, der ersten Liebe frönen. Und die Eltern peinlich finden. Michaela Klamminger leitete mit fünfzehn eine Pressekonferenz. Da stand sie freilich schon sechs Jahre lang auf diversen Theaterbühnen und hatte ein erfolgreiches Jahr als Moderatorin einer Kinderradiosendung hinter sich. Wer dahinter ehrgeizige Eislaufeltern vermutet, irrt. „Sie haben mich sehr unterstützt, wollten mich aber auch schützen, weil sie Angst hatten, dass ich mir zu viel aufhalse.“ Auch Mitschüler*innen sei ihr Zug zum Tor oft nicht ganz geheuer gewesen. Manche fanden es eigenartig, wie weit sie als Kind bereits war und wie viel sie vom Leben wollte. „Die Schule fand ich eher lästig, weil ich Zeit für Mathematik und Physik verschwenden musste.“ Anstatt wertvolle Ressourcen für die Theaterarbeit zu schonen.

Lust auf eine Mörderin
Seit sie Schauspielerin ist, wollte Michaela Klamminger ans Theater in der Josefstadt. 2019 hat es funktioniert. Vor allem schätzt sie den hier gepflegten Spielstil. Foto: Katarina Šoškic

Kurz standen Nonne, Supermarktkassiererin und Skirennläuferin auch auf der Liste ihrer Berufswünsche. „Nonnen hatten etwas Geheimnisvolles, ich wollte Teil dieses Geheimnisses sein. Als ich aber erfahren habe, dass man als Nonne keine Männer haben darf, fand ich es nicht mehr so prickelnd“, erzählt sie lachend. „Ich wollte so vieles sein und konnte dies im Schauspiel dann auch ausleben.“

Nach der Ausbildung an der Kunstuniversität Graz ging sie ans National- theater Mannheim, später ans Staatstheater Kassel. Insgesamt acht Jahre lebte Michaela Klamminger in Deutschland. Trotz großer, vielschichtiger Hauptrollen blieb die Sehnsucht nach Österreich. Im Speziellen nach Wien. „Ich habe mich jedes Jahr in Österreich beworben, aber Österreich wollte mich nicht.“

Zur Person: Michaela Klamminger

Geboren und ausgebildet in Graz, arbeitete sie acht Jahre lang als Schauspielerin in Mannheim und Kassel. Seit ihrer Rückkehr nach Österreich ist sie Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt – und daneben als Filmschauspielerin aktiv. Der Antikriegs!lm „The Call“ von Ammar Sonderberg mit ihr in der Hauptrolle wurde bei zehn internationalen Festivals ausgezeichnet.

„Ich habe mich jedes Jahr in Österreich beworben, aber Österreich wollte mich nicht.“


Michaela Klamminger, Schauspielerin

Erst als es ihr nicht mehr so wichtig war, bekam sie zeitgleich mehrere Angebote. „Das Theater in der Josefstadt war auch dabei, und hierher wollte ich, seit ich Schauspielerin bin. Ich finde das Haus wunderschön, und ich mag den hier gepflegten Spielstil. Dass man Geschichten erzählen will und die Form nicht über dem Inhalt steht, sondern sich beides sinnvoll verbindet.“

Disziplin und Sinnlichkeit

Seit 2019 ist sie nun Ensemblemitglied in der Josefstadt. Und musste sich wieder an die spezifischen Verhaltensmuster, an die Codes ihrer Heimat erinnern.

„In Deutschland steht Disziplin ganz oben. Keine halben Sachen zu machen, sondern strikt zu arbeiten, denn Erfolg im künstlerischen Bereich ist zu einem hohen Prozentsatz harte Arbeit. Es fliegt einem nichts zu. Hier in Österreich ist für mich wieder sehr viel mehr Lust und Sinnlichkeit dazugekommen, das Gefühl, alles mit mehr Leichtigkeit zu nehmen.“ Nicht nur das Funktionieren zähle, auch die Persönlichkeit stünde im Fokus.

Ihr Debüt im Theater in der Josefstadt gab sie in der französischen Komödie „Der Vorname“, in der eine intellektuelle Abendgesellschaft verhandelt, ob man sein Kind „noch“ Adolf nennen darf. Es folgten Auftritte in Hermann Bahrs Lustspiel „Das Konzert“, Susanne Wolfs Schnitzler- Adaption „Der Weg ins Freie“ und jüngst in der Komödie „Das perfekte Geheimnis“ von Paolo Genovese. Faszinierende Figuren. Alle eher im gediegenen Salonfach. Umso mehr hätte es sie gefreut, in Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ eine ganz andere Seite zeigen zu können. Die Premiere musste wegen einer Erkrankung im Ensemble leider entfallen, ein neues Datum stand zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest.

Lust auf eine Mörderin
Vater-Sohn-Kon!ikt. Alduin Gazquez (li.) als Telemachos und Bijan Zamani in der Rolle des Odysseus müssen nach langer Trennung erst wieder zueinanderfinden. Ihr schwieriges Verhältnis steht im Mittelpunkt des Stücks. Foto: Philine Hofmann

Täterin aus Überzeugung

„Das Stück ist ein Botenbericht“, erzählt Michaela Klamminger, „ich schlüpfe als Botin in die Rolle einer Täterin. Das Vorbild meiner Figur ist Hildegard Stadler, eine Nationalsozialistin, die an diesem Abend, als 180 jüdische Zwangsarbeiter in Rechnitz umgebracht wurden, mit- geschossen hat.“ Auch eine Fernsehmoderatorin spielt sie. Absurd, überzeichnet, grotesk. „Aber dieses Mal ist es die Täterrolle, nicht die nette liebe Brave.“

Das mache Spaß. Darauf habe sie Lust. „Vielleicht erschreckt einen das als Mensch, aber dadurch, dass es Kunst ist, kann man sich das erlauben, weil es ja einem Zweck dient. Ich schalte die Reflexion ab, sonst könnte ich es nicht spielen. Ich kann mir nicht vor Augen halten, wie schlimm das ist, sondern ich muss den Spaß am Spielen finden.“ Dass die ungeheuerlichen Vorgänge in Rechnitz so lange verschwiegen wurden, sei sehr österreichisch.„Die Deutschen sprechen eher etwas an, in Österreich ist das viel mehr ein Problem. Da brodelt es unter der Oberfläche. Obendrüber lacht man oder wischt es weg.“ Das Massengrab der Opfer wurde bis heute nicht gefunden.

Lust auf eine Mörderin
„Der Weg ins Freie“ (unten) von Susanne Wolf lässt sie in der Rolle der Salondame Else Ehrenberg tief eintauchen in den fein nuancierten Schnitzler’schen Kosmos. Foto: Roland Ferrigato

„Die Aktualität besteht meiner Meinung nach darin, dass wir am Theater uns damit beschäftigen. Dass wir die Beerdigung gestalten, den Stoff lebendig halten“, findet Michaela Klamminger klare Worte.

Nach solch schwieriger Thematik sei es auch wieder schön, zu Leichterem zurückzukehren. „Aber ein- bis zweimal im Jahr braucht man auch Rollen, die einen weiter weg von sich bringen.“ Und damit näher ans Publikum.

Weitere Infos zu den Spielterminen von Rechnitz

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