„Koralli Korallo“: Das Kosmos Theater wird zum Korallenriff

Gleichzeitig radikal verletzlich und extrem robust – so sieht Autorin Milena Michalek jene Wesen, die ihrem Stück „Koralli Korallo" seinen Namen gegeben haben.

BÜHNE: „Von Milena Michalek und Ensemble“ steht in der Beschreibung von „Koralli Korallo“, das im Kosmos Theater gezeigt wird. Hast du das Stück gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitet?

Milena Michalek: Ja. Das Stück ist als Stückentwicklung entstanden. Das heißt, dass es zum Beginn der Proben zunächst Gedanken, Recherchematerial, aber auch von mir geschriebene Textfragmente gab, die wir im Ensemble gemeinsam beackert haben. Wir haben konzipiert, gemeinsam gelesen und auf Grundlage dessen habe ich mit den Spieler:innen improvisiert. Die Improvisationen haben wir aufgenommen und transkribiert und mit diesem Material habe ich mich dann zurückgezogen und es zu einem Stück verwoben auch mit den Fragmenten, die es vorher schon gab. Es ist das ein sehr wuchernder und chaotischer Prozess, oftmals weiß am Ende niemand mehr genau, wer welchen Satz auf den Proben gesagt hat, welche Idee vorher da war. Die Arbeitsweise beglückt mich schon seit Jahren.

Was war am Anfang schon da, wie viel ist erst im gemeinsamen künstlerischen Prozess passiert?

Die Frage ist, wo ist der Anfang und was heißt in diesem Kontext „viel“? Man könnte wahrscheinlich, wenn man wollte, jeden einzelnen Satz im Stück zurückverfolgen und herausfinden, wer der:die Urheber:in ist. Allerdings wäre das ab dem Moment schwierig und absurd, wo Sätze nur gesagt wurden, weil vorher eine gute Frage gestellt worden war zum Beispiel. Oder weil die Stimmung im Raum eine besondere war. Oder weil ein Text, der inspirierende, ansteckende Gedanken enthielt vorher gelesen wurde. Ich kann und will auf diese Frage also glaube ich nur so unbefriedigend antworten: Es war viel schon da, es kam viel dazu und dazwischen war auch viel.

Ausflug ins Haus des Meeres

Welche Schritte standen am Anfang der gemeinsamen Arbeit mit dem Ensemble?

Wir haben gemeinsam in Büchern und meinen Textfragmenten gelesen, einen Ausflug ins Haus des Meeres gemacht und uns dort Korallen angeschaut. Wir haben aber vor allem eines: sehr viel geredet und uns im Zuhören geübt. Ich bin jedes Mal aufs Neue überwältigt davon, wie viel eigentlich immer schon da ist, was es wert ist erzählt zu werden. Bevor ein neuer Probenprozess beginnt, habe ich meistens große Angst: Dass das Konzept unzulänglich ist, ich zu wenig gelesen habe, die Gedanken noch origineller sein sollten, die Themen schärfer, dass ich und meine Ideen nicht genügen. Sobald man aber beginnt, passiert etwas für mich komplett Magisches: Verschiedene Leute in einem Raum, die alle als Einzelne wenig und vage wissen, ergeben zusammen einen Raum, in dem Begegnung, Respekt, gedankliche Widersprüchlichkeit und künstlerische Leidenschaft geübt wird.

Wuchernd und vielgestaltig

Gab es eine Form von Ausgangspunkt für deine Auseinandersetzung mit dem Thema Korallen?

Das Buch „Korallen. Ein Portrait“ von Jutta Person war der Ausgangspunkt für meine Auseinandersetzung mit Korallen. Sie beschreibt auf eine kluge und teils poetische Art die Raffinesse und Schönheit der Korallen und ihre ambivalente Beziehung zum Menschen. Außerdem ist die Dokumentation „Chasing Corals“ bei all ihrer US-amerikanischen Netflix-Dramaturgie sehr eindrücklich und eigentlich erschütternd.

Foto: Bettina Frenzel

Welche Gemeinsamkeiten haben Menschen und Korallen?

Sie teilen den gleichen durch die Menschen bedrohten Lebensraum: Die Erde. Korallen und wie Korallen wachsen und organisiert sind: in alle Richtungen gleichzeitig, wuchernd und vielgestaltig und schillernd ist außerdem ziemlich genau so, wie ich Denkprozesse sehe. Nie im Einzelnen allein geboren, immer erst in der Verbindung entstehend, wuchernd und sich hierarchischen Ordnungen und zweckmäßigen Kategorisierungen entziehend. Ich finde außerdem Korallen in ihrer Mischung aus radikaler Verletzlichkeit und extremer Robustheit (wenn man ihr Alter bedenkt) auf eine Art ambivalent und widersprüchlich, wie auch „der Mensch“ (ein schwieriges und immer neu zu hinterfragendes Konzept, da winkt ja verdächtige Kulturgeschichte aus jedem Buchstaben heraus) als fühlendes und denkendes Wesen beschaffen ist.

Wo die Lust gerade lauert

Wie gehst du an Texte heran? Was löst bei dir den Schreibprozess aus?

Das ist schwer zu beantworten, weil es so vieles sein kann! Ein tolles Buch über Korallen, ein Gespräch mit einer Freundin oder eine belauschte Situation in der U-Bahn … Beim Schreiben versuche ich eigentlich immer, mich von allen abstrakten Ideen und Konzepten loszumachen und einfach dahin zu schreiben, wo meine Lust gerade lauert. Dass die dann manchmal viel mit den Ideen zu tun hat ist sehr erfreulich aber im besten Fall nicht erzwungen oder beabsichtigt.

Für dein Stück „Das hier“ wurdest du mit dem Hermann-Sudermann-Anerkennungspreis für Dramatik ausgezeichnet. Worum geht es in dem Stück?

Das Stück ist als Schreibauftrag für das Deutsche Theater entstanden. Bernd Isele, der dortige Dramaturg hat gesagt, es soll und darf alles werden: Ein Manifest, ein Stimmungsbild, ein Kochrezept. Was für eine gute Aufgabenstellung! Ich glaube in dem Stück geht es um das Unbehagen, das sich durch die neoliberal- und pandemiebedingte, immer weiter fortschreitende Vereinzelung einstellt. Es ist die Suche nach einer Verbindung zwischen den Epochen, Zellen, Gedankenräumen. Ich bin aber auch nicht so richtig darin, kompetent zusammenzufassen, worum es geht. Ich möchte am liebsten, dass es um vieles geht und viele es lesen und mir sagen, um was alles.

Zur Person: Milena Michalek

Milena Michalek wurde 1993 in Wien geboren und arbeitet als freie Theaterregisseurin und Autorin in Wien und Berlin. 2020 erhielt ihre Stückentwicklung „Schwieriges Thema“ eine Einladung zu den AutorenTheaterTagen am Deutschen Theater Berlin. „Das hier“ schrieb sie im Rahmen derselben. Für „Das hier“ gewann Milena Michalek den Hermann-Sudermann-Anerkennungspreis für Dramatik.

„Koralli Korallo“ ist noch bis 2. Oktober im Kosmos Theater zu sehen: Zum Spielplan