Kaltes Händchen, Habanera und Alttestamentarisches: Die Opernfestivals rund um Wien

In diesem Jahr locken die beiden beliebten Opernfestivals rund um Wien mit Puccini und Bizet. „Carmen“ und „La Bohème“ stehen auf dem Programm und verzaubern vor traumhaften Kulissen.

Sie zählen unbestritten zu den bekanntesten Melodien der Operngeschichte: Die „Habanera“ aus „Carmen“ und das Torerolied des Escamillo auf der einen Seite sowie Rodolfos und Mimìs erstes Näherkommen rund um eine erloschene Kerze in „La Bohème“. Diese beiden Werke stehen heuer bei Opernfestspielen rund um Wien im Mittelpunkt. Während man auf der Burg Gars „Carmen“ von Georges Bizet spielt und damit auch spanische Rhythmen an den Kamp bringt, wird der Kaiserhof des Stifts Klosterneuburg von Giacomo Puccinis bewegenden Melodien rund um das Leben von vier Bohèmiens erfüllt sein.

Tragische Schicksale im Kaiserhof

Kleine Freuden für existenzbedrohte Künstler – und eine todkranke Nachbarin: „La Bohème“ von Giacomo Puccini geht dem Publikum von der Geschichte her, die ein Libretto von Luigi Ilica und Giuseppe Giacosa nach dem Roman von Henri Murger erzählt, schon nahe. Und erst recht durch Puccinis Musik mit Arien wie „Che gelida manina“, „Me chiamamo Mimì“ und „Sono andati? Fingevo di dormire“. Bei Oper Klosterneuburg bringt man heuer eine Inszenierung von Francois de Carpentries, in der Clemens Kerschbaumer als Rodolfo zu sehen ist. Der Tenor begeisterte im Hof des Stifts schon einmal als Tamino in der „Kinderzauberflöte“ und als Erster Priester in der „Zauberflöte“, ebenso wie an der Bühne Baden, beispielsweise in „Die blaue Mazur“ und „Der Vogelhändler“. Auch bei den Salzburger Festspielen und an der Mailänder Scala hat er bereits gesungen.

​„Für mich ist Rodolfo wirklich ein Höhepunkt. Die Zeit der Pandemie habe ich dazu genutzt, an dieser Partie zu arbeiten und auch den Stil, der anders ist als das, was ich zuletzt vorrangig machte, besonders gut zu studieren“, beschreibt Kerschbaumer. Bisher habe er, der von Kirchenmusik bis Oper vielseitig unterwegs ist, ja auch viel Operette gemacht – „umso mehr freut es mich, dass ich nun die Chance haben, zu zeigen, was ich auch im Hinblick auf Italianitá zu bieten habe.“

Waren bisher Adam im „Vogelhändler“ und Caramello in „Eine Nacht in Venedig“ unter seinen Partien, so freut er sich über noch mehr Verhaftung im Opern-Bereich: „Für die nächste Saison ist der Herzog in `Rigoletto´ geplant.“ Noch darf er nicht sagen, wo er die Partie singt, aber „es ist wunderschön, jetzt auch in diesem Bereich der Oper noch mehr Fuß zu fassen.“

Kamilė Bontè (Mimì), Clemens Kerschbaumer (Rodolfo) stehen in Klosterneuburg in „La Bohème“ auf der Bühne. Foto: Mark Glassner

Oper, die jeder im Ohr hat

Dass es gerade eine der berühmtesten Werke des Repertoires ist, in dem er sich in Klosterneuburg präsentiert, „hat Vor- und Nachteile. Natürlich kennt man viele Arien von Aufnahmen und die Menschen werden uns an den Besten messen. Aber ich bin halt nicht Gianni Raimondi oder Luciano Pavarotti, sondern werde Clemens Kerschbaumer als Rodolfo sein und meine Leidenschaft und meine Impulsivität einbringen.“ Dass er, wie einmal ein Kritiker formulierte, eine „lyrische Stimme ohne Probleme zur dramatischen Steigerungsfähigkeit“ hat, passe hier sehr gut: „Außerdem lege ich generell viel Emotion in meine Gesang und Höhen sind mir immer schon leicht gefallen – der Rodolfo liegt mir also sehr gut“, sagt Kerschbaumer.

Der Klosterneuburger Intendant Michael Garschall kennt Kerschbaumer schon von seiner Zeit bei den Herbsttagen Blindenmarkt. „Und in Klosterneuburg habe ich vor 9 Jahren in der Zauberflöte und lustigerweise vor 18 Jahren als Student im Chor gesungen – ich hoffe, dass ich nicht erst in 9 Jahren wieder herkomme“, sagt Kerschbaumer.

Gemeinsam mit Kerschbaumer wird Kamile Bonté auf der Bühne stehen, sie ist seine Mimì und singt damit erstmals in Klosterneuburg. Thomas Weinhappel, der niederösterreichische Bariton, mimt Marcello. Als Musetta darf Aleksandra Szmyd Charme versprühen. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des in Klosterneuburg vielfach bewährten Christoph Campestrini. Und auch Regisseur Francois de Carpentries ist im Kaiserhof kein Unbekannter, hat er doch dort bereits „Le Comte Ory“ 2017 und „Hoffmanns Erzählungen“ 2019 inszeniert.

Carmen ohne Klischee

Als „Spektakel erlebbar“ mache man bei Oper Burg Gars die Oper rund um die Fabriksarbeiterin Carmen, die den Soldaten Don José um den Finger wickelt, aber schließlich auch von dem Torero Escamillo in den Bann gezogen wird: „Oper in ihrer mitreißendsten Form“ werde geboten, wenn Regisseur Dominik Wilgenbus inszeniert, sagt Intendant Johannes Wildner.

Kaltes Händchen, Habanera und Alttestamentarisches: Die Opernfestivals rund um Wien
Dr. Johannes Wildner ist Intendant der Oper Burg Gars. Foto: Lukas Beck

„Wir zeigen Carmen in ihrer Originalgestalt, so wie Bizet sie erdacht und komponiert hat, mit all ihren Bezügen zu Folklore und ihrer sozialen Vielschichtigkeit“, erklärt Wildner. Fern von Kitsch und Klischees solle die Charakterzeichnung sein. „Carmen tritt vom ersten bis zum letzten Augenblick dafür ein, ihr Leben so zu leben, wie sie es möchte.“ Wildner wird auch selbst die musikalische Leitung innehaben, seine Carmen ist Ljubica Vranes, Oscar Marin singt Don José, Corina Koller Micaela. Als Escamillo ist Neven Crnic besetzt.

Früher Fundamentalismus

Eine ganz andere Art von Sommermusikfestival ist jenes in Retz: Dort hat man die rare Chance, Oratorien zu hören. Heuer hat man „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy ausgewählt. Die Stadtpfarrkirche ist wie immer Schauplatz der Festivalaufführungen, es wurde eigenes eine Fassung für Retz geschrieben. Der alttestamentarische Stoff, der auch Bezüge zu aktuellen Themen wie Fundamentalismus, Populismus und Demagogie erlaubt, wird gesangssolistisch von Matthias Helm, Bernarda Bobro, Monika Schwabegger und Daniel Johannsen umgesetzt, Andreas Schüller dirigiert, die Inszenierung stammt von Monika Steiner.

Kaltes Händchen, Habanera und Alttestamentarisches: Die Opernfestivals rund um Wien
Die traumhafte Kulisse der Oper Burg Gars. Foto: Reinhard Podolsky
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