Haben Sie gerade schlechte Laune, Herr Moretti? Nein.

Schauspieler wie Tobias Moretti füllen im Alleingang ganze Theater. Er schafft durch sein Können und seine Präsenz eine Nähe wie kaum ein anderer. Wir haben mit ihm über Himmel, Hölle und auch ganz Triviales gesprochen.

Das hat sich echt niemand verdient. Da landet das Burgtheater mit Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ einen Publikumshit, und dann fetzt Corona eine Vorstellung nach der anderen aus dem Spielplan. Nachdem der Sch…dreck endlich durchgerauscht ist und das Regie- Meisterwerk des Burgtheater-Direktors fix im Repertoire bleibt, können Sie erstens das Stück endlich live sehen und wir zweitens endlich mit Tobias Moretti ein Interview führen. Eigenlob gilt bekanntlich als Geruchsbelästigung, aber dank einem gut gelaunten, offenen – und vor allem sehr, sehr schlagfertigen – Tobias Moretti hoffen wir, dass Sie dieses Gespräch ebenso beglückt wie uns. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie.

Würden Sie sagen: „Ich bin ein launischer Mensch?“

Tobias Moretti: Launisch? Nicht ganz. Aber öfter bin ich nicht Herr meiner Verfassung.

Haben Sie gerade schlechte Laune?

Tobias Moretti: Nein.

Woran erkennt Ihr Gegenüber, dass Sie genervt von ihm sind?

Tobias Moretti: Am Anfang durch Herumruckeln, durch Unruhe, und wenn’s gefährlich wird, werd ich ganz ruhig.

Alles klar. Dann ab zu Sartre: Ich dachte immer, die Hölle sei der unterhaltsamere Ort als der Himmel. Was denken Sie?

Tobias Moretti: Da denken Sie falsch. Denn wofür die Hölle auch immer stehen mag, ob in einer Vorstellung, in einer Projektion von uns Menschen oder in einer Art Wahrheit, ist sie das Gegenteil von Sinnhaftigkeit, und vor allem: Sie ist unendlich. Und das entzieht sich jeder Vorstellbarkeit. Wenn wir in unserem Kulturkreis „Hölle“ sagen, meinen wir Fegefeuer. Das ist der Deal des Menschen, dass es innerhalb von Zeit noch so etwas wie einen Ausgang gibt. Hölle ist zeitlos.

Glauben Sie, dass im Himmel Ruhe ist? Stille?

Tobias Moretti: Ich weiß nicht – ich kann das so schwer zuordnen. Ich weiß auch nicht, ob ich Stille als Glück empfinden würde, welche Form von Friedlichkeit – ob Frieden oder Ruhe oder Gelassenheit – das Glück bedeutet. Ich funktioniere da zu lebendig, um das sagen zu können. Auch für einen musikalischen Menschen ist die Pause zwar wichtig, eine Fermate – aber weil sie eben wo hinwill, nicht stehen bleibt. Auch ein Schreien, ein Beat, eine Geschwindigkeit kann Freude bedeuten.

Also wenn Himmel das Gegenteil von Hölle ist, ist das auch das Gegenteil von Stille. Sind die anderen die Hölle – oder sind die anderen das Paradies

Tobias Moretti: „Die Hölle, das sind die anderen“ – das ist der Blick, den die anderen auf einen werfen. Das ist der Zwang, das ist der Spiegel, letztendlich auch man selber, aber durch den Blick der anderen. Durch sie wird die eigene Hölle erst sichtbar.

Sie haben schon Hitler gespielt … Mehr Hölle geht eigentlich nicht, oder?

Tobias Moretti: Er ist der, der die Welt zur Hölle gemacht hat, er ist zum Synonym von Hölle geworden. Dieser Umstand ist nicht nur ihm geschuldet, er hat das System initiiert, in dem sich dann auch die anderen wiedergefunden haben. Also auch hier sind die anderen ein Spiegel der Hölle.

„Die Welt ist dumm, gemein und schlecht“, haben Sie schon als Jedermann gesagt … 

Tobias Moretti: Das habe ich zwar gesagt, aber nicht als Jedermann, sondern als Teufel. Das Fatale ist, dass man ihm eigentlich recht geben muss: „Es geht Gewalt allzeit vor Recht.“ 

Hoppala, da hab ich mich in der Rolle geirrt. Wie wichtig ist es für Sie, was andere von Ihnen denken?

Tobias Moretti: Man möchte gerne, dass es gar nicht wichtig ist, und der große Vorteil des Älterwerdens ist, dass es sich relativiert. Aber letztendlich ist man als temperamentvoller, empathischer Mensch immer abhängig von seinem Gegenüber.

Jeder Mensch befindet sich in der Abhängigkeit von anderen. Richtig?

Tobias Moretti: Das stimmt. Dabei – glaub ich – hilft es, mit „den anderen“ als Umstand oder Person in den Dialog zu gehen, zu fighten, nicht im Fatalismus des „Es ist halt so“ zu ertrinken. Keep the wheel …

Wonach ich suche? Nach meiner Brille und meinem Text. In dieser Reihenfolge.

Tobias Moretti

Gewohnheiten, Bequemlichkeit führen zur Verkrustung, stimmt. Was tun dagegen?

Tobias Moretti: Kaum sind wir heimisch in Bequemlichkeit, Gewohnheit, so droht Erschlaffen. „Nur wer bereit zu Aufbruch und zur Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“ – oder so ähnlich. (Aus: „Stufen“ von Hermann Hesse; Anmerkung.) 

Jeder hat die Entscheidung, seine Teufelskreise zu durchbrechen … 

Tobias Moretti: Das sagt sich esoterisch so leicht, aber im Leben ist man manchmal nur der Passagier und nicht der Pilot. Es gibt Teufelskreise, die man erst einmal erkennen muss, um sie abzuwarten.

Der Großteil der Menschheit liebt das Gewohnte, das Sichere …

Tobias Moretti: Gewohnheiten können ja auch etwas Schönes haben und Sicherheit vermitteln, so wie lieb gewonnene Rituale.

Ohne Mut gibt es keine Spitzenleistung?

Tobias Moretti: Ich denke nicht in Leistungskategorien, aber um – egal in welchem Bereich – etwas Außergewöhnliches zustande zu bringen, darf man nicht feig sein.

Was muss man tun, damit wir die Menschheit vor diesen Höllen bewahren?

Tobias Moretti: Vor welchen Höllen denn? – Vor der Sartre-Hölle kann man sich nur selber bewahren.

Irgendwann öffnet sich die Stahltür, aber sie fliehen nicht … Es wird nur noch heißer.

Tobias Moretti: Das ist eigentlich die Hölle: die sichere Bank des Höllenzustands der freien Entscheidung vorzuziehen.

Stiegenaufgang mit Volksschauspieler. Tobias Moretti im Wiener Burgtheater – das Foto entstand bei einem Shooting mit der Fotografin Anna Breit. Foto: Anna Breit

Ihre erste große Leinwandliebe? 

Tobias Moretti: Simonetta Stefanelli im „Paten“ (die Braut von Al Pacino) – und vorher: Schneewittchen.

Welchen Tobias-Moretti-Film oder welches -Theaterstück muss man gesehen haben?

Tobias Moretti: Gesehen haben muss man keinen, aber es“gibt von vielen Arbeiten einige, die“Bestand haben. Unlängst habe ich wieder „Ottokar“ auf 3sat gesehen. Das ist sowohl als Rolle als auch als Bühnenereignis so etwas wie ein Lebenswerk.

Bei welchem Regisseur müssen Sie sich noch entschuldigen?

Tobias Moretti: Eigentlich fällt mir jetzt keiner ein. Oder hat sich bei Ihnen wer gemeldet?

Wonach suchen Sie als Schauspieler?

Tobias Moretti: Nach meiner Brille und meinem Text. In dieser Reihenfolge.

Haben wir in Österreich die dümmste und asozialste Presse der Welt?

Tobias Moretti: Wir neigen in Österreich nicht zu Superlativen, das liegt nicht in unserem Wesen, auch nicht in den Niederungen.

Wie teilt man Einsamkeit miteinander?

Tobias Moretti: Wenn man sie wirklich miteinander teilen würde, hätte sie sich wahrscheinlich erledigt.

Warum verstehen Frauen nicht, dass es nichts zu sagen gibt?

Tobias Moretti: Na ja, auch wir Männer können sehr wortreich beschreiben, wie man schweigt.

Wird im Himmel geschwiegen?

Tobias Moretti: Im Gegenteil. Endlich trifft man all die Leute, mit denen man immer reden wollte. Hoffentlich.

Tobias Moretti

Romy (sogar mehrmals), Bambi etc. Tobias Moretti hat jeden relevanten Branchenpreis gewonnen. Martin Kušej hat den Volksschauspieler ans Burgtheater zurückgeholt, wo er 1995 debütiert hat. Mit der aktuellen Produktion „Geschlossene Gesellschaft“ hat das Duo einen echten Publikumshit gelandet.

Hier geht es zum Spielplan des Bugtheaters!