Herbert Fritsch: Der Mann, der das Theater wieder bunt machte

Vor Herbert Fritsch war Theater grau. Mit ihm wurde es bunt und lustig. Jetzt lässt er den „Barbiere“ ­knallen. Davor ist er mit uns durch die Staatsoper geturnt.

Da liegt er jetzt am Boden des Karajan­gangs in der Wiener Staatsoper und gibt dem BÜHNE-Fotografen Anweisungen – sein Hintern ragt in den Marmorstiegenaufgang, der Rest liegt am alten roten Teppichboden: „Du musst das so fotografieren, dass keiner mehr weiß, was oben oder unten ist …“

Nur fürs Foto schaut er ernst, dann grinst er und turnt keine zwei Minuten später in zwei Meter Höhe am Kaminsims des Schwindfoyers entlang.

Eine Zusatzinformation: Der Mann, der hier durch die Oper turnt und robbt, ist im Jänner dieses Jahres siebzig Jahre alt geworden. Herzlich willkommen bei einem Interview- und Fototermin mit Herbert Fritsch. Er ist Filmemacher, Schauspieler, Regisseur und Bühnenbildner. Alle diese Genres übt er erfolgreich aus, und er setzte mit seiner anarchistischen und bunten Albernheit künstlerische Maßstäbe. Mit und über Herbert Grönemeyer hat er das Stück „Herbert“ produziert. Dann kam Corona.

„Mir passieren viele Dinge und manche Dinge eben nicht.“

Herbert Fritsch

Ein Gespräch mit ihm beginnt im Irgendwo und endet dort, wo man es am wenigsten erwartet hat. Der Themensprung von Drogen zu Clowns und dann zum Witz der Nibelungensage ist ein kurzer. Und er ergibt Sinn. Nach zwei Stunden mit dem Star-­Regisseur glaubt man, seinem Geheimnis auf der Spur zu sein: Herbert Fritsch lässt einfach zu. Oder, wie er sagt: „Mir pas­sieren viele Dinge und manche Dinge eben nicht.“ 

In Augsburg ist er geboren – doch bislang verweigert Wikipedia die Listung seines Namens im Kapitel „Persönlichkeiten“. Roy Black ist dort genannt, Magda Schneider auch und – natürlich – Bert Brecht. „Ach“, sagt er, „das ist oft so. Ich falle durch die Raster. Aber das ist auch mein Vorteil.“ 

Im September inszeniert er „Il Barbiere di Siviglia“ an der Wiener Staatsoper. Gerade eben kommt er von einer Probe. Fritsch wird eine Gassenbühne bauen. Die Bühne sieht aus wie ein Tunnel. Die Seitenkulissen sind hintereinander angeordnet, was Auftritte und versteckte Beleuchtung von der Seite ermöglicht. Im Fall des „Barbiere“ experimentiert Fritsch mit Folien und Farben. Und da wären wir endlich beim Thema.

Ist Ihre Drogenvergangenheit schuld an Ihrer Buntheit?

Ich mag Brüche in der Wahrnehmung, Brüche in der Perspektive. Das ist ein künstlerischer Vorgang, um eine Sache ganz anders erscheinen zu lassen, ganz anders zu sehen. Dafür braucht es letztendlich keine Drogen. Musik an sich ist schon eine Droge, aber eine, die keine Schäden anrichtet. Ich will nicht arrogant sein: Als ich begonnen habe, hat sich die Farbigkeit auf der Bühne zwischen Braun und Grau bewegt. Das war alles antifaschistisch gemeint, aber eigentlich eher in deren Sinn. Richtig knallige Farben sind immer ein Schock. Farben erfordern eine Entscheidung. Wenn du ein Zimmer, sagen wir, blau machst, ist das eine Entscheidung, da lebt man dann drinnen, und die Farbe macht etwas mit einem. Als ich begonnen habe zu inszenieren, wollte ich alles umkehren und dann auch wieder voll in der Tradition zurück. 

Humor ist ein Mysterium

Sie gelten als Meister des Slapsticks. Es ist schon ein wenig ­absurd: Deutscher Humor ist ja nicht wirklich ein Exportschlager.

Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, wie mir das passiert ist. Ich kriege Angst, wenn Sie sagen, dass ich als Slapstick-Experte gelte. Weil Humor ist ein Mysterium. Natürlich kann man hochmathematisch irgendwelchen Slapstick zusammenbauen, aber es würde vermutlich nicht funktionieren. Wesentlich ist: Nicht ich bin der Spezialist, sondern die, die spielen, sind die Spezialisten. Ich kann bei den Proben nur sagen: Bringt mich zum Lachen oder bringt mich zum Weinen. Mit Sängern ist es manchmal einfacher zu arbeiten als mit Schauspielern. Das liegt daran, dass sie extrem auf die Musik eingestimmt sind und das Timing beherrschen. Aber vielleicht habe ich diesen Ruf auch, weil ich kein dröges Zeug mag. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein junger Mensch und gehen in so ein fad inszeniertes Stück rein, dann sind Sie für Ihr Leben geschädigt …

Mit dem „Barbiere“ haben Sie sich eh ein richtig hinterfotzig lustiges Stück ausgesucht. 

Ja. Es ist wunderbar. Alle sind total hysterisch. Und es ist doch so, als würde das Stück nie enden, weil jeder von sich so überzeugt ist in seiner Hysterie, in seiner Liebeshysterie, und alle drehen immer mehr durch.

Die Nibelungensage als Beispiel für deutschen Humor

Liegt es nicht auch an der Musik Rossinis? Die ist doch von Grund auf komisch.

Finde ich auch, und ich kann gar nicht erklären, warum. Das Lachen in Rossinis Musik kommt wie aus einer anderen Welt. Das hat mit der Schnelligkeit und der Perfektion der Musik zu tun. Und da sind wir wieder bei der Komödie: Die soll ja bunt sein und schnell und laut. Die Schnelligkeit ist das Wichtigste, weil das Publikum dann keine Zeit mehr zum Nachdenken hat – denn wenn sie nachdenken, haben sie keine Zeit mehr zum Lachen. Und somit darf man sich auch auf der Bühne keine Sekunde fragen, was die Zuschauer gerade denken, was man da oben macht. Dann ist es vorbei. Nur die extreme Konzentration auf den völligen Blödsinn sorgt für die Kraft und die Energie, die sich auf das Publikum überträgt. 

Ich wurde in der Oper schon mal schief angeschaut, weil ich gelacht habe. 

Manchmal schämen sich auch Menschen, wenn sie im Theater lachen. Vielleicht weil Komiker Dinge machen, die man eigentlich nicht macht. Und Komik bedeutet auch, eine andere Perspektive auf das Geschehen einzunehmen. Darin liegt auch eine revolutionäre Kraft. Deswegen heißt es in Diktaturen zuerst: Kill the Clowns. Der Nationalsozialismus hat hier ganze Arbeit geleistet. Daher ist Humor auch eine Art Vergangenheitsbewältigung: Die Geister wieder zu holen, die uns ganz woandershin weggenommen wurden. Es heißt, die Auferstehung der Clowns zu befördern.

Was ist für Sie deutscher Humor?

Ich finde, das allerbeste Beispiel ist die Nibel­ungensage.

Echt jetzt?

Ja, da ist gnadenloser Witz drinnen. Also wenn der König Gunther zum Siegfried kommt und sagt: „Du hast doch die Frauen gebändigt, meine hat mich aus dem Bett geschleudert und mich dann rumgeworfen.“ Und dann lässt König Gunther den Siegfried seine Frau vögeln, damit er sie bekommt, und sie denkt, das wäre er. Auch dieser Streit zwischen Kriemhild und Brunhilde, das ist doch alles saublöd. Dieser Siegfried ist ja ein totaler Trottel. Wenn Sie mich fragen: Das ist DER deutsche Komiker. Ich hab das alles gelesen und mir gedacht: Das darf doch alles nicht wahr sein!

Foto: Andreas Jakwerth

Zur Person: Herbert Fritsch

Er war Schauspielstar bei Frank Castorf und ist erfolgreich als Filmemacher, ­Regisseur, Bühnenbildner, Fotograf, Performer und Medienkünstler. Vor Corona startete er gemeinsam mit Herbert Grönemeyer das Projekt „Herbert“. Fritsch wurde heuer 70 Jahre alt.

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