Die Decke der Zivilisation ist dünn. Dieses sehr verkürzt dargestellte Zitat des deutschen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der als Jude vor den Nazis fliehen musste und sich später um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen verdient gemacht hat, wird an der Josefstadt bühnengerecht verifiziert.

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Der komponierende Theatermagier Franz Wittenbrink hat sich Hans Falladas 1947 veröffentlichten Romans „Jeder stirbt für sich allein“ angenommen und erzählt die historisch verbriefte Geschichte des Ehepaars Otto und Elise Hempel – im Stück Otto und Anna Quangel –, die nach dem Tod ihres einzigen Sohnes an Hitlers Front zu Widerstandskämpfern im Dritten Reich werden, als emotional verdichtetes musikalisches Schauspiel.

Ein Kaleidoskop an überzeugten Nazis, Mitläufern, Bevorteilten und Gegnern, das wie ein Sittenbild fungiert und Totalitarismus in seiner Alltäglichkeit begreifbar macht. „Ist irgendjemand frei von Schuld? Wer weiß“, heißt es in einem Lied. Damit soll aber nicht dem österreichspezifischen „Eh wurscht“ – übrigens debütierte Wittenbrink mit einem Stück selbigen Titels 2010 an der Josefstadt – das Wort geredet werden, sondern es zeigt, dass Schwarz und Weiß manchmal doch näher beieinanderliegen, als uns lieb wäre. Die Hauptrollen in „Jeder stirbt für sich allein“ spielen mit Susa Meyer und Michael Dangl zwei hochmusikalische Stützen des Theaters.

Hans Falladas Roman zeigt die Alltagskultur eines diktatorisch menschenfeindlichen Systems, dessen Raffinement darin besteht, die Bevölkerung durch Erpressung, Gewalt, Beobachtung und Bestechung bei der Stange zu halten. Das zarte Gebilde der Demokratie ist nicht in erster Linie durch dumpfbackige Rechte in Gefahr, die auf der Straße zuschlagen, sondern durch die Drahtzieher dahinter, die gefinkelten Populisten, die auch genau kalkulieren, welchen Preis für die Macht sie zahlen müssen“, erklärt Franz Wittenbrink seinen Zugang.

Solange die Leute genug zu essen hätten und ein Mindestmaß an Unterhaltung bekämen, funktioniere das System über die Generationen hinweg erstaunlich gut, wie auch der aktuelle Kriegszug Putins gegen die Ukraine zeige. „Es kippt erst dann, wenn die eigenen Söhne eingezogen werden und umkommen“, ergänzt Susa Meyer. Auch die von ihr gespielte Anna Quangel ist, genauso wie ihr von Michael Dangl verkörperter Ehemann Otto, keine Lichtgestalt. „Sie haben auch Hitler gewählt und waren wahrscheinlich überzeugt davon, dass es nun mit der Wirtschaft aufwärtsginge. Der Auslöser zum Umdenken war bei ihnen sicher der Tod des Sohnes.“

Michael Dangl und Susa Meyer
Rosen für die Regie. Michael Dangl und Susa Meyer vor dem Aufzug. Sie haben gerade mit Regisseur Josef E. Köpplinger geprobt. „Er ist goldrichtig“, so Dangl, „denn er kann ein großes Ensemble dirigieren und den Figuren Dimension und Tiefe verleihen.“

Foto: Lukas Gansterer

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192 Postkarten

„Mich hat an meiner Figur interessiert, was mit einem Menschen passieren muss, damit er sagt, jetzt geht’s nicht mehr, das halte ich nicht mehr aus, jetzt muss ich etwas tun“, erzählt Michael Dangl. „Ich persönlich glaube ja, dass alles schon in uns angelegt ist und bestimmte Auslöser braucht, um zum Vorschein zu kommen. Bis dahin decken Angst, Gewohnheit und die Hoffnung, dass Schreckliches vorbeigehen möge, diese Impulse zu.“ Otto Quangel treibe auch die Furcht an, seine Frau Anna könne am Schmerz über den Tod des Sohnes zugrunde gehen. Dazu käme die Kriegserfahrung im Ersten Weltkrieg, die auch seinen naiven Kinderglauben zerstört habe.

Das gemeinsame Tun lässt diese zwei traumatisierten Menschen wieder zusammenwachsen, sodass Franz Wittenbrinks dramatisierte Fassung am Ende – und das Ende bedeutet Hinrichtung – auch eine Liebesgeschichte ist. Otto und Anna schreiben Postkarten, auf denen sie ihre Umwelt vor dem Irrglauben an Hitler warnen, und verteilen diese heimlich. Sie wollen zum Nachdenken anregen und hoffen, mittels Schneeballeffekts etwas auszulösen, das tatsächlich mithelfen könnte, die Diktatur zu stürzen.

„Hans Fallada war selbst ein Getriebener zwischen Aufbegehren und Anpassung. Er wollte Deutschland nicht verlassen und musste sich auf seine Weise arrangieren“, zieht Michael Dangl biografische Parallelen, die den Autor möglicherweise auch zum Roman veranlassten. „Er hat ihn 1946 in nur 24 Tagen geschrieben, es ist sein letztes Werk und Vermächtnis, ein Denkmal für aufrechten Gang und Menschlichkeit.“

Swing, Jazz, Tango, Blues

Franz Wittenbrink wuchs mit zwölf Geschwistern in einer katholisch geprägten Familie auf. Sein Onkel Alfons Goppel war bayerischer Ministerpräsident. Er selbst ist Mitbegründer einer „kommunistischen Sekte“ – so bezeichnet er selbst seine unrühmliche politische Vergangenheit, deren Verblendung, die für viele Menschen durchaus konkrete Auswirkungen hatte, ihn bis heute umtreibt und die er auch nicht zu beschönigen trachtet. Wiewohl hochbegabt und bei den Regensburger Domspatzen – „wo ich auch die Schattenseiten durch Missbrauch und, in meinem Fall, körperliche Züchtigung, erlebt habe“ – frühzeitig musikalisch gebildet, studierte er zunächst Soziologie und Volkswirtschaft, ehe er als Klavierbauer, Maschinenschlosser, Müllfahrer und Drucker arbeitete.

Das zarte Gebilde der Demokratie ist nicht in erster Linie durch dumpfbackige Rechte in Gefahr, die auf der Straße zuschlagen, sondern durch die Drahtzieher dahinter, die gefinkelten Populisten.

Franz Wittenbrink, Komponist und Regisseur

Erst mit 30 Jahren wurde er in einer Bar am Klavier für das Theater entdeckt. Dann aber ging es rasant in Richtung musikalische Leitung und Komposition. „Ich kann mich noch an sein Stück ‚Sekretärinnen‘ in Hamburg erinnern“, so Susa Meyer, „das war Stadtgespräch, jeder hat versucht, dafür Karten zu bekommen.“ Auch sie, die schon in „Acht Frauen“ – der Dramatisierung des François-Ozon-Films – im Theater in der Josefstadt Wittenbrink-Songs zum Besten gab, „diesen großartigen Kerl mit seinem herrlich verrauchten Lachen, der so viel positive Energie in sich hat“, aber erst jetzt persönlich kennenlernte. Michael Dangl schloss indes bereits im Rahmen von „Eh wurscht“ Bekanntschaft mit ihm.

Bei „Jeder stirbt für sich allein“ bedient sich Franz Wittenbrink nicht, wie er das manchmal tut, bekannter Melodien, sondern hat die gesamte Musik neu komponiert. Je nach Situation fließen in ihr die unterschiedlichsten Stile zusammen.

Franz Wittenbrink
Später Musikmagier. Franz Wittenbrink begann seine Karriere erst mit 30 Jahren und zählt mit Arbeiten wie „Denn alle Lust will Ewigkeit“ adt) heute zu den erfolgreichsten Musiktheaterschaffenden im deutschsprachigen Raum.

Foto: Hans-Peter Hoesl

Ist es schwierig, Schauspieler*innen zu finden, die stimmlich in der Lage sind, seine Kompositionen umzusetzen? „Als ich begonnen habe, wurde in den Schauspielschulen eher Gesangsvermeidung unterrichtet“, lacht er. „Das hat sich zum Glück geändert, gerade bei den Jungen gibt es viele, die mit ihrer Stimme als Instrument umgehen können. Ich arbeite deshalb so gerne mit Schauspieler*innen, weil ihre Stimmen, anders als in der Oper, nicht vorgenormt sind. Dadurch ist da auch keine Schutzmauer, und ich komme viel besser an das Innere, das Gefühl des Menschen heran.“ Susa Meyer und Michael Dangl seien diesbezüglich ohnehin Glücksfälle.

„Es ist sehr schön an den Charakteren der Figuren entlangkomponiert“, gibt Michael Dangl das Kompliment umgehend zurück. „Ich singe wahnsinnig gerne, wenn das im Rahmen des Möglichen passiert. ‚La Cage aux Folles‘ war bisher gesanglich sicher meine größte Herausforderung. In ‚Jeder stirbt für sich allein‘ hält die Musik gewissermaßen die Balance, um die drohende Schwere des Ganzen aufzufangen, transportiert zugleich aber eine Emotionalität, wie sie das Schauspiel allein nicht könnte.“ Und Susa Meyer muss man sowieso als Sängerin bezeichnen, die sie neben dem Schauspiel auch kraft ihrer Ausbildung ist.

Nachrichten-Detox

Zum Ende des Gesprächs noch ein wenig Lebenshilfe: Was tun die beiden, um ob ihrer beruflichen Herausforderungen und des allgemeinen Zustands der Welt nicht zu verzweifeln? „Ich konsumiere immer wieder ganz gezielt keine Nachrichten“, so Susa Meyer, „man kann reduzieren und trotzdem informiert bleiben. Das, worauf man sich konzentriert, wächst. Wenn man also permanent Negatives konsumiert, greift das auf einen selbst über.“

Michael Dangl, leidenschaftlich: „Es herrscht das Diktat des Sich-schlecht-fühlen-Müssens, das natürlich eine gezielte Strategie des Kapitalismus ist, um uns in den Konsum zu zwingen. Ich habe aber keine Lust, mir mein kurzes Erdenleben ständig schlechtreden zu lassen, und ich werde einen Teufel tun, meiner Tochter das Gefühl zu geben, dass wir in einer schrecklichen Welt leben. Gott sei Dank sind wir gerade am Theater immer wieder aufgefordert, kreativ an das Gute im Menschen zu glauben.“

Zu den Spielterminen von „Jeder stirbt für sich allein“ im Theater in der Josefstadt!