7 Fragen an Veronica Kaup-Hasler: Wie bitte geht Kulturpolitik?

Für manche Kulturkritiker ist sie der personifizierte Reibebaum. Aber was treibt Veronica Kaup-Hasler an? Wie versteht sie Kultur, was plant sie in der Vorstadt, und bekommt Alexander Pschill ein größeres Theater? Die Antworten.
  1. Spielen wir „Sendung mit der Maus“ und starten mit Grundsätzlichem: Wie geht Kulturpolitik überhaupt?

Gute Kulturpolitik nimmt die große Vielfalt in den Fokus, die in Wien gelebt wird, die tradiert ist und sich auch weiterentwickeln muss, und versucht, das zeitgenössische Kulturleben mit der maximalen Öffentlichkeit zusammenzubringen. Das bedeutet, in unterschiedlichen Formaten denken zu können und auch die Stadtentwicklung mit in den Blick zu nehmen. Eine Stadt wie Wien hat über Jahrhunderte der Kulturentwicklung hinter sich, und vieles hat sich im Zentrum konzentriert. Jetzt wächst die Stadt, wird größer, wird diverser, und das muss man mitdenken, wenn man gute Kulturpolitik machen will.

2. Will man nicht die ganze Kultur im Zentrum spielen lassen, muss man raus in die Bezirke. Was tut sich dort?

Ausgesprochen viel! Bei allen kulturellen Aktivitäten und Initiativen ist uns wichtig, dass sie ohne koloniale Geste à la „Da habts was, bewundert es“ auskommen. Es müssen Arbeiten sein, die im Dialog mit der Geschichte eines Bezirks und den Menschen dort entstehen. Wir haben beispielsweise in jedem Bezirk ein Bezirksmuseum. Diese wollen wir wissenschaftlich aufladen, wir bieten ihnen eine Anbindung an das Wien Museum. So arbeiten bei der Gestaltung von Dauerausstellungen junge Kurator*innen mit tollen, über große Schätze an Wissen verfügenden Freiwilligen vor Ort zusammen.

Auch architektonisch hat sich viel verändert, etwa in der Art, wie Gemeindebauten errichtet werden – das macht etwas mit den Menschen und den Bezirken. Dann gibt es die sogenannten Ankerzentren, wo kulturelle Akteur*innen tätig sind, die den Bezirk kennen und nach dem Prinzip arbeiten: Jetzt engagiere ich mich lokal und beziehe meine Nachbarschaft mit ein. Es geht um das Schaffen von sozialen Räumen mit den Mitteln der Kultur. Dafür braucht es ein Auge, das nicht beobachtet – was eh passiert –, sondern seinen visionären Blick nach vorne richtet.

3. Wie geht der Spagat zwischen Innenstadt-Theatern und Hochkultur und den Bezirken? Zerreißt es da einen nicht intellektuell?

Ich bin eher angetriggert. Es ist eine Arbeit, die niemals zu Ende ist. Man kann nicht ein paar Projekte machen und diese dann abhaken. In dem Optimismus, dass Kultur etwas bewirken kann, darf man nicht lockerlassen. Die Ziellinie verschiebt sich permanent. Wenn man wie beim Lueger-Denkmal nicht nur mittels Facebook-Geste kommentiert, sondern mit Kunst ein permanentes Zeichen setzt, um langfristig eine maximale Öffentlichkeit zu erreichen – dann ist garantiert, dass weiter über die Thematik gesprochen wird. Mit einer Leerstelle –also wenn man das Denkmal wegreißen würde – kann das nicht gelingen. Über Kunst, die herausfordert, allerdings schon.

4. Kann man sich den Job nicht auch einfacher machen?

Es gibt Menschen, die sind gekommen, um zu bleiben, und solche, die kommen, um etwas zu bewegen. Ich versuche zu bewegen: etwa etablierte Institutionen dazu zu animieren, in die Bezirke zu gehen, um sich auch mit neuen Publikumsschichten auseinanderzusetzen. Das ist eine Bewegung von innen nach außen. Der Rabenhof wird jetzt beispielsweise eine Kooperation mit den Volkshochschulen machen, das Volkstheater mit Wiener Wohnen. Das ist wie ein Blutkreislauf. Man muss schauen, dass in den – metaphorisch gesprochen – städtischen Kulturkörper immer genug kreatives Blut fließt und in alle Körperteile gepumpt wird. Nur so kann er gesund wachsen.

5. Ist Rabenhof in den Bezirken ein Ersatz für das Volkstheater in den Bezirken?

Nein, das gibt es zusätzlich. Wir haben zwei Themen: Einerseits gibt es Erfolgsproduktionen des Rabenhofs, die irgendwann Platz machen müssen für Neues, und anderseits Menschen in den Außenbezirken, denen es zu mühsam ist, weit zu fahren. Ein Beispiel: Die „Herr Karl“-Produktion mit Andreas Vitásek findet in der Vorstadt sicher ihr Publikum. Mit großen Namen wie diesem lässt sich schon einmal gut ein Anfang machen. Und von Kay Voges gibt es weitere Überlegungen und neue Ideen, wie das traditionelle Publikum des Volkstheaters in den Bezirken erreicht, aber gleichzeitig auch ein jüngeres gefunden werden kann.

6. Welchen Platz hat in Ihren Plänen Vorstadt-Theater wie das Gloria Theater von Gerald Pichowetz in Floridsdorf, der dort ein echtes Stammpublikum hat?

Das Gloria Theater spielt eine wesentliche Rolle im kulturellen Leben des Bezirks, und das soll auch so bleiben, aber ich habe Gerald Pichowetz bei einem Treffen auch dazu ermuntert, dass auch er sich bewegt und seine Türen öffnet – etwa für die freie Szene. Gut, dass Sie mich daran erinnern – ich werde einmal nachfragen, ob sich da schon etwas getan hat. (Lacht.)

7. Bei anderen Vorstadt-Theatern steht aus Altersgründen der Macher*innen ein Generationswechsel an. Das Team um Alexander Pschill hätte sich mit seinem Bronski & Grünberg und seinen Erfolgen mehr als nur empfohlen …

(Lacht.) Dieses Team hat einen sehr, sehr spannenden Weg gefunden, Innovation und Klassikerbearbeitung mit einer großen Spielfreude in Balance zu bringen, und ich habe sie bereits diversen anderen etablierten Theatern sehr ans Herz gelegt. Das Bronski hat ja ein Theater im 9. Bezirk, das ich sehr schätze. Aber: Sie sind – wie alle anderen übrigens auch – herzlich dazu eingeladen, in dieser Stadt Räume zu kapern und mir Ideen dazu zu schicken. Und die bestehenden Theater sollten mehr auf Kreative zugehen und sagen: Lasst uns gemeinsam arbeiten und eine Win-win-Situation herstellen. Wie gesagt: Wir alle müssen uns bewegen, denn Stillstand ist keine Alternative für mich.

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