Was Lotte de Beer mit der Volksoper vorhat – ein Ausblick

Sie tritt erst im September 2022 als Direktorin an. Aber schon jetzt haben zwei BÜHNE-Leserinnen Lotte de Beer in die Interview-Mangel genommen. Ein spannender Zukunfts-Talk auf Augenhöhe.

von Atha Athanasiadis, 14. Juni 2021

Was Lotte de Beer mit der Volksoper vorhat – ein Ausblick
Um am Wiener Theaterparkett bestehen zu können, muss man die Balance halten können. Lotte de Beer auf dem Dach der Volksoper beweist mit diesem Foto: Sie ist standhaft – und schwindelfrei. Foto: David Payr

Es ist Freitagfrüh, Lotte de Beer sitzt entspannt in einer der Probebühnen der Volksoper. Durch eine große Glasfront schaut man in gerade richtiger Höhe über den Gürtel – und zwar so, dass man die Blech­kolonnen der Autos nicht sieht, dafür aber die architektonische Schönheit der Gürtelbögen. Die Aufregung in den Volksopern-Fan-Zirkeln der Stadt ist groß. Was war geschehen? Ein paar misanthrope Kulturfeuilletonisten hatten Gerüchte zu Wahrheiten verdichtet und so bei Volksopern-Fans für gehörige Verunsicherung und Angst um „ihr“ Haus gesorgt. Was also plant Lotte de Beer wirklich? Untergang? Auferstehung? Oder ganz etwas anderes? Weil Reden die Menschen zusammenbringt, haben wir zwei Volksopern-Fans und ­BÜHNE-Leserinnen – Sylvia Archmann und Christine Piswanger-Richter – gebeten, einen Fragenkatalog zusammen­zustellen, der Klarheit bringen und so für mehr Verständnis sorgen soll.

Zwei Dinge vorweg: Lotte de Beer war nicht nur berührt und begeistert ob der harten, jedoch von Wertschätzung getragenen Fragen, sondern hat auch einer der Forderungen der beiden ­BÜHNE-Leserinnen spontan zugestimmt: der Gründung eines „Publikums-Think-Tanks“, um den Austausch mit dem Publikum auch in Zukunft zu suchen und zu pflegen.

Leserfrage 1: 

Welchen Stellenwert hat für Sie Repertoire-Pflege?

Ich nehme das Repertoire sehr ernst. Es gibt zum Beispiel eine wunderbare „La Bohème“-Produktion von Harry Kupfer. Ich will das Stück nehmen und mir überlegen: Was können wir machen, um es wieder neu zu erfinden? Wie können wir das mit neuen technischen Mitteln updaten? Können wir jemanden finden, der in der Originalproduktion mit Kupfer dabei war, der genau weiß, warum die Sachen so gespielt wurden? Wo hat das Staub angesetzt? Wie können wir es wieder neu und magisch machen – so wie die Produktion bei der Premiere war? Ich bin niemand, der sich denkt: Ich habe ein Repertoire und spiele es ab. Daher will ich ein Ensemble, das jeden Tag die Inspiration, Ruhe und Energie hat, auch bei Repertoire-Stücken tausend Prozent geben zu können. Das will ich hinbekommen! Ich hoffe, dass ich, wenn ich fünf Jahre am Haus gewesen bin, am Ende des fünften Jahres wirklich künstlerisch stolz sein kann auf jeden Abend, den man gesehen hat. Auf diese Weise will ich das ganze Repertoire ernst nehmen und nicht nur denken: Da ist das Reper­toire, und wir spielen es, weil es da ist. Gemeinsam mit meinem Team und dem zukünftigen Musikdirektor Omer Meir Wellber gehe ich gerade Stück für Stück durch, und wir überlegen, wo wir was optimieren könnten. Wir versuchen das Haus, das unglaubliche 280-mal im Jahr spielt, auf ein noch höheres künst­lerisches und technisches Niveau zu bringen. Dafür arbeiten wir sogar mit einem 3D-Computermodell des Hauses – dort können wir neue Ideen schneller aus­probieren als auf der Bühne. Das spart Probezeit. Es ist zwar nicht wie in der Realität, aber es hilft.

„Eine der Besonderheiten der Volksoper ist die enge Beziehung zu ihrem Publikum.“

Lotte de Beer

Leserfrage 2: 

Wie wäre es, einen Publikumsrat zu gründen? Das Publikum hat grundsätzlich Vertrauen in Ihre Fähigkeiten, fühlt sich aber durch die Änderungen, die nur via Massenmedien bekannt wurden, vor den Kopf gestoßen. 

Welch eine tolle Idee! Ich habe schon lange den Gedanken gehabt, eine Art Publikums-Think-Tank zu gründen. Eine der Besonderheiten der Volksoper ist die enge Beziehung zu ihrem Publikum – es gibt zum Beispiel einen wunderbaren Förderkreis. Wie schön wäre es, diese ­Beziehung zu vertiefen! Ich will eine Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes – für so viele Wiener:innen wie möglich. Dieser Think-Tank könnte aus Menschen bestehen, die schon seit Jahren zum Publikum der Volksoper gehören, und jungen Menschen – am besten eine diverse Gruppe von Menschen aus Wien und ganz Österreich, die sich irgendwie verbunden fühlen mit der Volksoper. Das ist eine Idee, die ich gerne annehme.

Werden in einer angespannten Zeit, wie sie aktuell besteht, ­Verträge mit Solisten ­beendet, bevor sie Gelegenheit hatten, in Vorstellungen ihr ­Können zu zeigen?

Wir haben eine ganz klare Vorstellung, wie wir ab September 2022 den künst­lerischen Weg gehen wollen. Dazu gehört auch, dass wir Stimmen und Persönlichkeiten suchen, die zu diesen Plänen passen. Ich habe immer gesagt, dass ich das noch vor diesem Sommer ­machen möchte, denn alle Künstler haben das Recht, früh genug zu wissen, wie es mit ihnen weitergeht und ob ihre Verträge verlängert werden. Ich hatte ursprünglich geplant, eine große Anzahl an Vorstellungen zu besuchen – mit dem Ziel, alle Sänger:innen in mindestens zwei repräsentativen Rollen zu sehen. Das war wegen Corona und der geschlossenen Theater nicht möglich. Mit dem Vorsingen haben wir eine faire und trans­parente Vorgehensweise gefunden. 

Lotte de Beer auf der Feuerleiter der Wiener Volksoper.
Im September 2022 übernimmt sie die Direktion von Robert Meyer. Foto: David Payr

Leserfrage 4: 

Warum muss das Publikum auf ­geschätzte Sänger:innen in Zukunft ver­zichten und damit ­sicherlich auch in ­vielen Fällen auf beliebte Produktionen?

Wir haben eine ganz bestimmte Vorstellung davon, was Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten wollen, können sollen. Das hat natürlich und vor­rangig mit der gesanglichen Qualität zu tun, aber es geht auch um den Gesamt­eindruck – um eine besondere Energie und Ausstrahlung, wie jemand spricht und sich bewegt. Das ist ein sehr sensibles Zusammenspiel von Können und Persönlichkeit. Und nur so kann es dann zu der perfekten Zusammenarbeit kommen, und nur so können wir am Ende unser Publikum bezaubern. Ich glaube, mit Veränderung verliert man manches, man gewinnt aber auch Neues. Man hat sich entschieden, mich zu engagieren, und wusste, dass ich etwas anderes machen werde. Ich glaube, für die Kunst ist es gut, hie und da etwas frische Luft reinzu­blasen. Ich kann nur das machen, wofür ich brenne, woran ich glaube. Aber ich sage auch, dass ich immer sehr genau schaue, was das Haus sehr gut kann, was die Geschichte des Hauses ist, wer das Publikum ist und wer das potenzielle neue Publikum sein könnte. Die Volksoper hat immer eine sehr, sehr wichtige Rolle gespielt, und mit mir wird jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen.

„In einem Ensemble will man so viel Vielfalt in Stimmarten, Alter und ­Typen wie möglich. Dabei braucht man die bestmögliche sängerische Qualität.“

Lotte de Beer

Leserfrage 5: 

Nach welchen Kriterien werden ­Ensemblemitglieder ausgesucht ­respektive nicht verlängert?
Es kann nicht nur der Gesang sein, speziell wenn an viele Rollen in ­Operetten gedacht wird. 

Ich glaube nicht, dass man Operetten schlechter singen sollte als Opern – im Gegenteil, würde ich sagen. Operet­ten muss man sehr hochklassig besetzen. Lassen Sie es mich so formulieren: In einem Ensemble will man so viel Vielfalt in Stimmarten, Alter und ­Typen wie möglich. Dabei braucht man die bestmögliche sängerische Qualität. Und natürlich spielt in einem Haus wie diesem die Darstellungskraft und Dialogkompetenz eine große Rolle. Es gibt Künstler:innen, bei denen stimmt das Gesamtpaket. Ich nenne sie die „Renaissance-Leute“ – da springt der Funke einfach über. Sie haben das gewisse Etwas: neben einer hervorragenden Stimme ­Intelligenz, eine fantastische freie Kreativität und tolle Teamplayer-Eigenschaften. Ich freue mich auf ein Ensemble mit vielen, vielen wunderbaren Künstler:innen, die für die Volksoper brennen und begeistern. Das ist unser Ansatz.

Leserfrage 6: 

Wie wird die wienerische Komponente, die in vielen Werken an der Volksoper essenziell ist, sichergestellt? 

Wien ist auf der ganzen Welt bekannt als eine Stadt, die nicht nur in Selbstbetrachtung verharrt und nur Kunst für Wiener, von Wienern und über Wiener macht. Ich will, dass hier an der Volksoper Dinge passieren, die wirklich in die Welt gehen können. Es gibt hier an der Volksoper – und das finde ich großartig – ein sehr engagiertes Publikum, das viel weiß und sich bestimmte Sachen erwartet. Ein Teil des Repertoires ist und wird wienerisch bleiben, aber bedenken Sie immer: Die großen Stücke aus Wien sind nicht hier in der Stadt geblieben, sondern haben die Welt erobert. Wenn man „Die lustige Witwe“ macht, muss der Regisseur nachdenken: Wie kann man das hier an diesem Haus, in dieser Stadt machen? Das braucht sehr viel Empathie und Verständnis. Aber andererseits muss man auch sagen: Dieses Werk und auch andere haben Jahrhunderte überlebt, weil sie weit über die Geschichte und die Stadt hinausgehen und einfach Weltqualität haben.

Das sind und werden die zwei entscheidenden Komponenten sein: die Wiener Tradition und die Wichtigkeit dieses Genres für die Welt. Und diese beiden Dinge würde ich gerne verknüpfen. Das ist ein Ziel, das wir uns als Team gesetzt haben.

Zur Person: Lotte de Beer

Sie studierte in Maastricht und Amsterdam, inszenierte am Theater an der Wien, München, Kopenhagen usw. Sie setzte sich gegen 33 Mitbewerber:innen durch und übernimmt ab September 2022 die Volksoper.

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