Wäre doch gelacht: Maria Happel im Porträt

Für Maria Happel ist unser Gespräch in ihrer Garderobe auch eine Rückkehr in ihr „Wohnzimmer". Mit all den wunderbaren Erinnerungen, die damit verbunden sind.

von Sarah Wetzlmayr, 23. April 2021

Wäre doch gelacht: Maria Happel im Porträt
Maria Happel beim Cover-Shooting für die aktuelle Ausgabe der BÜHNE. Foto: Luise Reichert

Maria Happel ist schon da, als sich unser buntes Trüppchen – frisch getestet, versteht sich – an einem Dienstagmorgen für die Produktion der Coverstory im Burgtheater einfindet. Wobei dieser für ein Bühnenmagazin zugegeben etwas wenig dramatische Einstieg streng genommen nur auf Faktenebene stimmt. Die Kammerschauspielerin mit dem wohl ansteckendsten Lachen der deutschsprachigen Theaterwelt erfüllte bei unserem Eintreffen im Theater nämlich nicht einfach nur die Mindestanforderungen für ein Häkchen auf der zumindest gedanklich vorhandenen Anwesenheitsliste.

Ganz im Gegenteil: Sie begeisterte sofort mit ihrer Präsenz und hauchte den fast menschenleeren Gängen des großen Theaters die wohl erste Ladung Lebensfreude des Tages ein. Wäre das Theater nicht nur bildlich gesprochen, sondern auch nach Maßgaben der Biologie ein lebendiger Organismus, hätte es an diesem Dienstagmorgen bestimmt ein Kribbeln in den eingeschlafenen Gliedmaßen, mit denen sich die ­weitverzweigten Gänge des ­Burgtheaters gut vergleichen lassen, gespürt. Den Unterschied zwischen Anwesenheit und Präsenz muss man im Fall Maria Happels vermutlich nicht näher erläutern.

”Als eine meiner Töchter ungefähr vier Jahre alt war und wir gemeinsam einen kleinen Wanderzirkus besucht haben, meinte sie, dass es nichts Traurigeres gebe als einen leeren Zirkus. Jetzt weiß ich, dass sich das noch steigern lässt. Mit einem leeren Theater.“

Maria Happel

Im Zweifelsfall lachen

Ihren Optimismus lässt sich die Schauspielerin, die am 1. März des vergangenen Jahres die Leitung des Max Reinhardt Seminars übernommen hat, auch in dieser schwierigen Zeit nicht nehmen. Obwohl ihr das Spielen vor vollem Zuschauerraum schon sehr fehlt. Ihre enge Beziehung zum Publikum hätte sich, wie sie erklärt, in eine Fernbeziehung verwandelt. „Wenn man es nüchtern betrachtet, ergreift man diesen Beruf in erster Linie, um dem Publikum zu zeigen, was man in den Proben erarbeitet hat. Als eine meiner Töchter ungefähr vier Jahre alt war und wir gemeinsam einen kleinen Wanderzirkus besucht haben, meinte sie, dass es nichts Traurigeres gebe als einen leeren Zirkus. Jetzt weiß ich, dass sich das noch steigern lässt. Mit einem leeren Theater.“ Trotzdem sei es, wie sie betont, ein großes Privileg, dass trotz der angespannten Situation geprobt werden dürfe.

Ein emotionales Wiedersehen

Für Maria Happel ist unser Termin im Burgtheater auch eine Rückkehr. Ihre Garderobe, die sie als ihr Wohnzimmer bezeichnet, hat sie seit ungefähr einem Jahr nicht mehr betreten. Es ist ein emotionales Wiedersehen. Auch deshalb, weil sich ein Zettel mit Willkommensgrüßen und ein Foto von einer ihrer ersten Produktionen auf ihrem Schminktisch befinden. Es ist ja allgemein bekannt, wie eng die beiden Begriffe „traurig“ und „schön“ beieinanderliegen. Ungefähr genauso eng wie Tragödie und Komödie. „Wer viel lacht, kann auch viel ertragen“, sagt die Schauspielerin und rundet das Thema mit einem Satz ab, den ihr einst eine Freundin in ihr Poesiealbum geschrieben hat: „Oft haben wir kein anderes Schwert, um den Knoten zu durchtrennen, als das Lachen.“ Das gilt auch für absurde Situationen wie den Anruf einer freund­lichen Dame, die Maria Happel kürzlich ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof anbieten wollte. Mehr Wien geht vermutlich nicht.

Auch Claus Peymann, der Maria Happel 1991 ans Burgtheater holte, sprach immer wieder über ihr Lachen. Aber auch über ihren Mut, der allerdings, so die Kammerschauspielerin, nie getrennt von Angst existiert. „Wer keine Angst hat, braucht auch keinen Mut. Wobei dieser Mut in sehr vielen Dingen liegen kann.“ Muss man also mutig sein, um Theater zu spielen? „Nein, man darf nur keine Angst haben“, antwortet Maria Happel schmunzelnd.

Im Glaskasten

Vor dem aktuellen Lockdown stand Maria Happel – leider insgesamt nur zweimal – als Frau Adam im Stück „Automatenbüfett“ auf der Bühne. „Mir ist diese Figur sehr ans Herz gewachsen. Sie ist sehr weit weg von mir, dann aber auch wieder ganz nahe, was sicherlich auch mit der momentanen Situation zu tun hat“, erklärt sie. Letzteres begründet die Schauspielerin mit einer besonderen Setzung, die sich Regisseurin Barbara Frey für das Stück überlegt hat: „Es gibt in dieser Inszenierung einen Musiker, der in einem Glaskasten sitzt und live spielt. Am Ende des Stücks setze ich mich zu ihm in den Kasten. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich mich stellvertretend für die Kunst dort einschließe und darauf warte, dass irgendwann jemand kommt, der eine Münze einwirft, damit die Musik wieder spielen kann.“

Als zweite Premiere in dieser Spielzeit wäre Thomas Bernhards Stück „Die Jagdgesellschaft“ in einer Inszenierung von Lucia Bihler geplant gewesen. „Bernhard ist sowohl körperlich als auch geistig Hochleistungssport“, sagt Maria Happel lachend. „Gegen Ende der Proben haben wir sogar mit der Stoppuhr gearbeitet, um noch schneller und noch besser zu werden.“

Die Kraft des Ensembles

Die Vorzüge eines funktionierenden Ensem­bles hat Maria Happel schon bei ihrem ersten Engagement in Bremen kennengelernt. Diese möchte sie nun auch an ihre Studierenden weitergeben. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir die Gesellschaft widerspiegeln. Man muss nicht neidisch oder eifersüchtig sein, denn wenn es einem selbst gutgeht, kann es auch den anderen gutgehen. Wenn wir das begreifen und wir das auch in die Köpfe der Zuschauer einpflanzen können, gibt es die Chance, dass es uns irgendwann allen gutgeht.“ Was Maria Happel, die meist nur „die Happel“ genannt wird und es damit eindeutig in den Rang der Publikumslieblinge geschafft hat, an ihrem Beruf darüber hinaus noch wichtig ist? „Wir müssen die Menschen berühren, sonst haben wir unseren Beruf verfehlt.“ Hoffen wir, dass das bald wieder möglich ist.

Foto: Luise Reichert

Zur Person: Maria Happel

1991 holte Claus Peymann Maria Happel ans Burgtheater. 1999 wechselte sie mit ihm nach Berlin, aber es zog sie wieder nach Wien zurück. Seit 2002/03 gehört die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin wieder zum Ensemble des Burgtheaters.

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In der Videoserie „Probeneinblicke“ des Burgtheaters gibt es auch ein Interview mit Maria Happel