Christian Kircher: Theater in Zeiten der Pandemie

Der Bericht für das Geschäftsjahr 2019/20 der Bundestheater-Holding wäre – wie schon in den Jahren zuvor – eine Geschichte großer Erfolge geworden. Corona hat vieles verändert. Nur eines nicht: die positive Grundhaltung.

von Klaus Peter Vollmann, 12. Februar 2021

Christian Kircher: Theater in Zeiten der Pandemie
Christian Kircher gilt als erfahrener Krisenmanager und wird die Geschicke der Bundestheater-­Holding bis 2026 weiter leiten. Jork Weismann

Hätte. Wäre. Könnte. Mit Superlativen im Möglichkeitsmodus, die das abgelaufene Geschäftsjahr mit noch höheren Auslastungszahlen, neuen Einnahmerekorden und künstlerischen Höhepunkten ausgewiesen hätten, kann Christian Kircher wenig anfangen. 

Der Geschäftsführer der Bundestheater-Holding hat soeben den ­Geschäftsbericht 2019/20 vorgelegt und zeichnet darin das kaufmännische Bild der Pandemie. „Wie alle Unternehmen mussten auch die Österreichischen Bundestheater in den letzten Monaten lernen, mit Covid-19 und einer ‚neuen Realität‘ zu leben. Einer Realität, die keine Rücksicht auf  künstlerische Planung, Wünsche, Möglichkeiten oder Vorhaben nimmt, sondern aus nüchternen – und er­nüchternden – Tatsachen besteht, wie Besucherrückgängen, Rückabwick­lung verkaufter Karten, Stornos von Abonnements, Schließtagen oder ­entfallenen Premieren.“ Das ist leider Fakt. 

Insgesamt 843.029 Besucherinnen und Besucher in 1.008 Vorstellungen verzeichneten die Österreichischen Bundestheater in der Saison 2019/20. Das entspricht einem Rückgang von ca. 40 Prozent in einer auf sechs Monate verkürzten Spielzeit. Mit 100 Werken aus dem Repertoire und 34 Neuproduktionen spannte sich das Angebot über die Genres Oper, Operette, Musical, Ballett und Sprechtheater. 

„Trotz Corona konnten wir viele wichtige Schritte setzen.“

Christian Kircher, Geschäftsführer Bundestheater-Holding

Wie erfolgreich das Jahr geworden wäre, zeigt die Sitzplatzauslastung bis zur Schließung am 10. März 2020. Diese lag bei erfreulichen 80,5 Prozent im Burgtheater, 89,47 Prozent in der Volksoper und 98,59 Prozent in der Staatsoper. Nach Einstellung des Spielbetriebs mussten mehr als 650 geplante Vorstellungen abgesagt und gekaufte Karten rückerstattet werden. 

Die Umsatzerlöse betrugen 2019/20 für den gesamten Bundestheater-­Konzern 53,1 Millionen Euro. Sie waren also um rund 35 Prozent niedriger als im Jahr davor.

Erfreuliche Aktivitäten

Dennoch gibt es auch viel Positives zu vermelden. So wurden etwa die Räumlichkeiten des ehemaligen Café Oper in der Wiener Staatsoper umgebaut und saniert. Im neuen Opernfoyer entstand dadurch ein modernes Besucherzentrum, das nun auch die Bundestheater-Kassen sowie einen Shop und ein Café beherbergt. 

Bedingt durch die Verordnungen der Bundesregierung, die im Juni 2020 die Wiederaufnahme von Ver­anstaltungen unter bestimmten Voraussetzungen ermöglichten, wurden in die Ticketing-Software erfolgreich Abstandsregeln sowie eine Personalisierung der Karten für das Contact-Tracing implementiert. 

Im Burgtheater wiederum konnten einige Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur realisiert werden. Dazu zählt etwa die leichtere Zugänglichkeit zu den Balkonen im Pausenfoyer.

Grund für Optimismus gaben auch einige Neubesetzungen. So wurde Petra Höfinger zur Geschäftsführerin der ART for ART Theaterservice GmbH bestellt. Die Position der künstlerischen Geschäftsführung an der Volksoper Wien wurde mit Lotte de Beer besetzt. 

Ausblicke und Vorhaben

„Die Geschäftsführungen der Bundestheater werden sich in naher Zukunft weiter mit der Umsetzung der zu erwartenden Verordnungen befassen müssen und laufend neue Szenarien berechnen, um verlässliche Planungen zu erstellen“, ist sich Christian Kircher sicher. Leider lassen sich aber Risiken wie eben die Covid-19-Krise nicht im Vorhinein quantifizieren. Auch die Valorisierung der Basissubvention durch den Bund steht buchstäblich in den Sternen – mit eher vorhersehbaren drastischen Folgen als die Pandemie.

Was trotzdem bereits feststeht: Für das Geschäftsjahr 2020/21 ist nach einem mehrstufigen Ausschreibungsverfahren der Vertragsabschluss mit einem neuen Ticketing-Software-­Anbieter geplant. Der Verkauf von Tickets kann dadurch für die Saison 2022/23 mit modernster Software abgewickelt werden. Im neu gestalteten Foyer der Wiener Staatsoper soll in einer zweiten Bauphase nun in den Räumen des ehemaligen „Arcadia“-Geschäfts ein Gastronomiebereich realisiert werden.

Auch im Burgtheater stehen ambitionierte Zukunftsprojekte wie die Klimatisierung des Zuschauerraums oder die Neuorganisation des Parterres an. Die Neubestuhlung soll noch heuer erfolgen. Dank größerer Sitzbreite und mehr Beinfreiheit dürfen sich die Besucherinnen und Besucher also auf erhöhten Sitz­komfort und kühlere Sommerabende freuen. Und – auch das gerade in schwierigen Zeiten eine wichtige Säule: Die Compliance-Kultur soll im gesamten Konzern weiter vertieft und verstärkt werden. 

Zur Person: Christian Kircher

1964 in Spittal an der Drau geboren, arbeitete Christian Kircher mehr als zehn Jahre als Finanzdirektor bzw. Kaufmännischer Leiter des Wien Museums, ehe er 2016 zum ­Geschäftsführer der Bundestheater-­Holding GmbH ­bestellt wurde. 2020 wurde der Kulturmanager in dieser Funktion ab 2021 für weitere fünf Jahre bestätigt. 

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