Jugendtheater: Wie bekomme ich mein Kind vom Handy weg?

Wie kriegt man unsere Kinder ins Theater? Theater der Jugend-Direktor Thomas Birkmeir antwortet.

von Atha Athanasiadis, 3. September 2020

Jugendtheater: Wie bekomme ich mein Kind vom Handy weg?
Seit 2002 ist Thomas Birkmeir künstlerischer Direktor und Regisseur am Theater der Jugend in Wien. Foto: Lukas Gansterer

Thomas Birkmeir, der Direktor des Theaters der Jugend, lässt das den kleinen William sagen, den Titelhelden in seinem neuesten Theater-Hit „Das große Shakespeare-Abenteuer“. Es ist die fiktive Geschichte von William Shakespeare, der aus dem Dorf Stratford-upon-Avon auszieht, um mit seiner Fantasie die Welt zu bereichern und zu einem schöneren Platz zu machen. Was folgt, ist eine irrwitzige Jagd durch eine Welt voller mächtiger Zauberer, übler Hexen und dümmlicher Ungeheuer.

Grau melierte Locken, wache Augen und Sätze in einer Mischung aus Bairisch und Wienerisch: Das ist Thomas Birkmeir, der Mann hinter dem erfolgreichsten Kinder- und Jugendtheater des deutschsprachigen Raums. Aufgewachsen ist er am deutschen Dorf: „Da hat eine Kuh wiedergekäut, und eine Fliege hat sich auf die Tischplatte gesetzt – das war’s. Und als ich dann mit neunzehn das erste Mal im Theater saß, habe ich mir gedacht: Hui, da wird ja quergedacht …“

Zwei Jahrzehnte Jugendtheater

Der kleine William aus dem Stück und der kleine Thomas aus dem echten Leben – irgendwie hat man das Gefühl, es ist auch ein wenig die eigene Geschichte, die Birkmeir da erzählen will. Die annähernd zwei Jahrzehnte Kinder- und Jugendtheater haben ihn nicht nur zu einem angesehenen Theatermacher, sondern auch zu einem Profi in Sachen „Wie ticken die Kids?“ gemacht. Auch darüber wollen wir heute noch mit ihm reden. 

Vor dem Renaissancetheater in Wiens Neubaugasse war monatelang eine Baustelle. „Wir hatten Glück im Unglück. Wegen Corona mussten wir nicht gegen den Lärm anspielen und unser Publikum nicht ins Theater turnen.“ Birkmeir ist Positivdenker und die Neubaugasse mittlerweile frisch renoviert. Er führt uns durch die Räume unter der Bühne. Es ist ein weitläufiges System von Zimmern und Gängen. Da ein Raum voller Requisiten. Dort ein Aufenthaltsraum für die Schauspieler. 

Das Kind in ihm lässt Birkmeir zu einem roten Megafon greifen. Clown? Direktor? Autor? Schauspieler? Als was genau sieht er sich selbst? „Als eine Mischung aus allem“, sagt er. Und ist das schon sein Erfolgsgeheimnis? „Ich weiß es nicht. Wir versuchen immer, den Weg vom Herzen zum Hirn zu gehen. Das Kind soll merken: Die nehmen mich und meine Welt ernst.“

In der Vorbereitung auf das Gespräch hat das BÜHNE-Team eine kleine Umfrage unter Eltern gemacht. Drei Themenkreise manifestierten sich, die uns der Jugenddompteur be­antworten soll.

Wie kriege ich mein Kind vom Handy weg?

Wie bekomme ich mein Kind ins Theater?

Was antworte ich auf Fragen wie „Warum ist der Himmel blau?“?

Drei bis fünf ­Bewerbungen bekommen Birkmeir und sein Team im Theater der Jugend pro Tag. Foto: Lukas Gansterer

Birkmeir lächelt kurz – wir sitzen jetzt in seinem Büro. Neben ihm einer seiner wichtigsten Mitarbeiter, der Chef­dramaturg des Hauses, Gerald Maria Bauer – er wird uns später etwas sehr Überraschendes zum Thema Handykonsum sagen. Birkmeir: „Ein Kind wird nicht allein an die Theaterkasse gehen, dafür sind die Eltern verantwortlich. Ab dann versuchen wir, Möglichkeiten zur Identifikation zu schaffen. Es gibt kein Schema, denn geplante Kunst ist immer schlechte Kunst.“ 

Hat er, der Kreative, auch eine Antwort auf die „Himmel blau“-Frage?

„Wenn ein Kind eine solche Frage stellt, dann hat es bereits begriffen, dass hinter einem Phänomen ein großes Wunder steckt. Diese Neugierde muss erhalten bleiben – weil irgendwann wird sie uns abgewöhnt. Die Normierung ist viel stärker geworden. Alles, was nicht in eine Form passt, ist nicht normal und muss behandelt werden. Noch nie wurden Kinder so sehr behandelt wie jetzt. Der Punkt ist doch: Es gibt Besonderheiten, Eigenheiten – und die müssen bewahrt werden, das nennt man Charakter. Gleichmacherei führt dazu, dass unsere Gesellschaft immer grauer wird. Was daraus wird, kann man bei ‚Momo‘ nachlesen. Eltern sagen: ‚Mein Kind soll sich frei entfalten – aber so, wie ich es will.‘ Und dann werden diese Kinder zu funktionierenden kleinen Rädern im Getriebe.“

Drei bis fünf Bewerbungen pro Tag

Birkmeir unterbricht sein Plädoyer kurz für die Pippi Langstrumpfs in uns und setzt nach: „Ich für meinen Fall war schon immer interessiert am Sand im Getriebe.“ Und genau nach diesem Prinzip sucht er auch den Schauspieler-Nachwuchs aus. Drei bis fünf ­Bewerbungen bekommen Birkmeir und sein Team im Theater der Jugend pro Tag. Etwa 800 davon dürfen vorsprechen. Eine Handvoll bleibt. „Theater ist eine Sandkastenkunst, bei der Menschen zusammenkommen. Wir suchen daher nicht nur Talent, sondern es muss auch menschlich passen.“ Dutzende Nestroy- und andere Preise zeigen, dass auch hier vieles richtig läuft.

Marius Zernatto, der den jungen William spielen wird, ist ein solches ­Talent. Ebenso Birkmeirs Puck­, der gebürtige Berliner Stefan Rosenthal. Oder ­Victoria Hauer. Sie spielt die Haupt­rolle in der anderen Birkmeir-Premiere „Frühlingserwachen“. Und dann ist da noch Soffi Povo, die Amira aus „Krieg der Welten“. 

Frank Wedekind hat „Frühlingserwachen“ 1891 geschrieben. Birkmeir hat diese zeitlose Geschichte über das Erwachsenwerden in die Jetztzeit übersetzt. Leistungsdruck, Unverständnis der Eltern, die Angst, das Rennen bereits am Start zu verlieren, sind die Themen des Stücks. 

„Erfahrungen sammeln heißt Fehler begehen“

H.G. Wells

Eines der Elternthemen in der Pubertät: Wie bekomme ich mein Kind vom Handy weg? Chefdramaturg Gerald Maria Bauer rückt sich die Brille zurecht und gibt eine verblüffende Antwort: „Es ist besser als früher. Man kann jungen Menschen mittlerweile kom­plexere Themen zumuten. Die Reiz­überflutung hat so zugenommen, dass die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren, stärker geworden ist. Wenn dich etwas interessiert, musst du auch manches ausblenden können – dar­auf sind die Kinder heute besser ‚trainiert‘, und das wollen die Kids bei uns.“

Was wäre der große Appell an die Eltern, wenn er dürfte? Theater der Jugend-Direktor Birkmeir denkt kurz nach und meint dann: „Lasst eure Kinder Erfahrungen machen. Lasst sie auf die Schnauze fliegen. Sprecht ihnen niemals den Mut ab, etwas selber er­leben zu dürfen.“

„Erfahrungen sammeln heißt Fehler begehen“, schrieb H. G. Wells. Sein „Krieg der Welten“ hat ebenfalls im Herbst Premiere. Einer der schönsten Wells-Sätze: „Der Weg des geringsten Widerstands ist der Weg der Verlierer.“

Zur Person
Thomas Birkmeir
studierte Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Schauspiel. ­Er insze­niert, schreibt und ist seit der Saison 2002/2003 Intendant des ­Theaters der Jugend. ­Birkmeirs ­Stücke wurden bereits in mehr als achtzig Theatern ­nachgespielt. 

Theater der Jugend