Kay Voges über Eigentore im Fußball und Theater

Kay Voges, das Wunderkind des deutschen Theaters, ist der neue Chef des Volkstheaters. Die Bühne war mit ihm am Fußballplatz.

von Atha Athanasiadis, 14. August 2020

Kay Voges über Eigentore im Fußball und Theater
Volkstheaterregisseur Kay Voges sitzt in einer Umkleidekabine des SC Viktoria in Wien-Meidling. Foto: Lukas Gansterer

„Geldsäcke“ steht auf dem Schild in der ­Kantine, das den Bereich für die VIPs markiert. Die Umkleidekabinen sind rustikal. Rund um den Platz stehen Gemeindebauten. Hier ist das Reich des besten Fußballvereins von Meidling. Trainer ist Fußballlegende Toni Polster. Multi-­Entertainer und Alkbottle-Sänger ­Roman Gregory ist der Präsident. Auf Platz sieben der Regionalliga Ost hielt die Wiener Viktoria beim Corona-bedingten Abbruch nach dem 18. Spieltag. 

Theaterbaustelle übernommen

Eher Bier als Prosecco will der Mann, den wir hier gleich treffen, für sein Theater. Ein Ansatz, der ihn mit der Viktoria-Philosophie eint. Er, das ist Kay Voges, und er ist gleich standesgemäß mit der wildesten U-Bahn Wiens angereist, der U6.

„Geil hier“, sagt er. „Gefällt mir.“ Er trägt ein Motörhead-T-Shirt unterm Sakko und sieht aus wie der junge Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten. Kay Voges, das Wunderkind des deutschen Theaters, der mit digi­taler Sinnsuche („Die Parallelwelt“) das Theater Dortmund in die kulturelle Champions League schoss, übernimmt das Volkstheater, die größte Theaterbaustelle des Landes. „Des is ka Haus, des is a Häusl“, würde man hier in Meidling sagen. 

Aber nicht, wie Kay Voges aus dem Häusl wieder ein Haus machen will, interessiert die Wiener Salons, sondern warum Kay Voges das nicht schaffen wird. Nicht schaffen kann. Nicht schaffen darf.

Kay Voges auf der Ersatzbank der Wiener Viktoria. Foto: Lukas Gansterer

Weltenumarmer Kay Voges

Das Erste, was der Wiener – frei nach Falco – über einen Neuen zu sagen weiß, ist: „Was ist er denn? Was kann er denn? Was red’t er denn? Wer glaubt er, dass er is’?“ Aber wenn er dann dranbleibt, Respekt hat und in die Stadt hineinhört, dann lässt sich der Wiener gerne erobern. Roman Gregory rappt den Text, und Kay Voges wippt mit dem Kopf dazu. „Danke“, sagt er.

Respekt fängt beim Zuhören an. Kay Voges kann zuhören, und er will erobern: Wien, das Pu­b­likum und alle, die es zulassen. Voges ist das, was man einen Weltenumarmer nennt. Der Düssel­dorfer sagt viele kluge Dinge. Über Fußball, zärtliche Menschenführung, die Sinnsuche und auch über seine Zeit, als er mit einem Holzkreuz in Amsterdam missioniert hat. „Lasst uns reden“, sagt er. Aber vorher will er noch etwas erledigen.

Kay Voges dämpft seine Zigarette aus und drischt noch einmal den Ball übers Feld und ins Tor. Dann setzt er sich entspannt in die Kantine, bestellt einen Espresso, zündet sich die nächste Zigarette an und erklärt uns, warum von ihm sicher kein Catenaccio-Theater zu erwarten ist.

„Defensivfußball ist mir genauso zuwider wie Defensivtheater.“

Kay Voges über Sportlichkeit am Platz und auf der Bühne

Mir ist dieser hässliche Defensivfußball zuwider, genauso wie dieses Defensivtheater, das eigentlich nur aus der Angst resultiert, dass bloß kein Kritiker was Schlechtes sagt. Dieses Angsthasentheater inter­essiert mich nicht. Meine Deckung soll nicht dumm sein – aber lieber kriegt sie einen rein, als dass man mir sagt, wir hätten nicht versucht, haushoch zu
gewinnen. Ich stehe nicht auf diese Superstar-Aufstellungen. Mich interessiert Egoismus überhaupt nicht, weder am Fußballplatz noch auf der Bühne. Wir müssen da als Team stehen, und wir müssen einen Auftrag haben, und der heißt nicht: ‚Werde ich danach ein Filmangebot ­bekommen?‘, sondern: ‚Werden wir als Team siegen?‘.“

„Der Plan ist: Wir wollen durch unseren Mut und durch unsere Waghalsigkeit Schönheit produzieren – und Schönheit ist das, wofür man ins Stadion und ins Theater geht.

Foto: Lukas Gansterer

Das Vorgespräch mit Kay Voges haben wir auf einer Nebenbaustelle des Volkstheaters geführt. Dort – nahe der Neustiftgasse im siebten Wiener Gemeindebezirk – soll eine Factory entstehen, in der unter anderem Presse, Marketing, Video und Kostüme kreativ miteinander arbeiten können. Damals hat uns Voges gewarnt: „Über Fußball und Theater kann ich ewig reden.“ Stimmt. 

„Wenn du Theater wie Fußball siehst – gegen wen spielt ihr dann? Gegen das Publikum?“ Roman Gregory fragt und lehnt sich zurück. Er mag Voges, das merkt man. „Ich hab scho glaubt, du kommst mit so einem alten, dicken Theaterschnösel daher“, wird er nachher zu mir sagen. 

„Wir spielen für die Utopie einer besseren Welt.“

Kay Voges über das Theater

„Wir spielen nicht gegen, sondern immer für etwas: Wir spielen für die Schönheit, den Glauben an den Humanismus und die Freiheit der Kunst, und wir spielen für die Utopie einer besseren Welt. Und es ist immer ein Dafürspielen, für den Sieg statt gegen den Abstieg. Mein Spruch, den ich dem gesamten Theater mitgebe, ist: Lasst uns ins Gelingen verliebt sein. Lasst uns vom Sieg träumen und dafür alles geben, und das ist eine offensive Ausrichtung. Ich finde, Verliebtsein ist ein schöner Begriff, weil es geht doch immer um Leidenschaft und um Liebe, die man kriegen möchte. Und nicht um Funktionalität und Runterarbeiten.“

„Wir haben im Volkstheater keine so große Auswech­selbank. Bei uns muss spielen, wer spielt. Wir gehen aufs Feld, und wenn wir nicht gewinnen können, dann treten wir denen zumindest den Rasen platt. Das ist Stolz. Das einzige Problem ist, dass wir am Theater mehr Eigentore schießen als beim Fußball.“

Direktor ohne Haus

Ein paar Kilometer weiter, am Arthur-Schnitzler-­Platz 1, stehen Baucontainer. Um knapp 30 Millionen Euro wird das Volkstheater saniert. Neue Eingänge. Ein Café dort, wo früher das Karten­büro war. Orte wie die Rote Bar werden bespielt. Klimaanlage, dazu neue Technik auf und hinter der Bühne. Das Dach wird saniert, also neben der negativen Nach­rede auch noch Direktor sein ohne Haus? Voges sieht das positiv, weil er mit der baulichen Sanierung auch die internen Strukturen neu aufsetzen will. 

„Im November werden wir ein Trainingslager mit dem ganzen Ensemble und den ganzen Gewerken ­aufbauen: Technik, Ton, Maske und so weiter. Es ist derzeit nicht so, dass zum Beispiel die Tontechnik mit der neuen Anlage klarkommt. Das muss alles eintrainiert werden. Im Spielbetrieb muss jeder wissen, wem er den Pass zuspielen soll und wem nicht. Derzeit ist es so, dass ein neues Team auf ein System mit Mannschaftswart trifft. Deswegen gibt es das Trainings­lager, wo man Spielzüge, Abläufe und eine Idee kreiert, was wir eigentlich ­wollen. Im Dezember werden wir dann die ersten ernst gemeinten Proben machen, um im ­Jänner zu starten.“ 

„Inhaltlich wird’s eine Mischung geben aus Übernahmen, die von anderen Häusern kommen und die hier mit dem neuen Ensemble gespielt werden. Wir nennen die Spielzeit ‚under construction‘.“

Wir kommen wieder zurück zu dem Theater, das Voges seit vielen Jahren in Dortmund macht und das viele Wiener skeptisch sein lässt. Voges spielte Stücke zeitgleich in Berlin und Dortmund – Schauspieler auf den jeweiligen Bühnen spielten simultan mit ihren Kolleginnen. „Theaterlabor“ nannte es „Die Welt“. „Klingt anstrengend“, sage ich. Und: „Der Mensch umgibt sich den ganzen Tag mit offenen Fragen, bekommt er bei Ihnen die Antwort?“ Kay Voges nippt am Espresso.

„Die Komplexität muss uns nicht Angst machen. Widersprüchlichkeit ist ein Reichtum, das macht diese Welt aus.“

Kay Voges

„Als junger Mensch meinte ich zu wissen, wie die Welt funktioniert. Ich war extrem gläubig und habe auf der Straße missioniert. Ich war selbstherrlich. Die Erkenntnis, dass es verschiedene Perspektiven gibt und dass aus verschiedenen Perspektiven auch verschiedene Wahrheiten entstehen, hat mich eigentlich zur Kunst gebracht. Und da sind wir bei der Schönheit der Komplexität. Die Komplexität muss uns nicht Angst machen. Widersprüchlichkeit ist ein Reichtum, das macht diese Welt aus. Das Theater kann nicht predigen und Wahrheiten verkünden. Es kann das Suchen beschreiben. Nicht ich erzähle der Welt, wie sie funktioniert – sondern der Zuschauer fängt beim Betrachten an, sich seine eigene Welt zu erzählen. Wer meint, Wahrheiten von der Bühne herunter gepredigt zu bekommen, soll in die Kirche gehen und nicht ins Theater.“ 

Das Interview ist zu Ende. Smalltalk. Voges redet mit Gregory übers Bier. Voges liebt Pils, fand aber noch keine Marke, die ihm schmeckt. Der Wiener Gregory empfiehlt eine kleine oberösterreichische Brauerei. „Aber pscht, sag’s net weiter …“

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