„Manche möchten schneller sterben oder länger lieben“

Anja Bihlmaier gilt als eine der bedeutendsten Dirigentinnen ihrer Generation. Wie magische, musikalische Momente ihre Technik zu dirigieren ändern können und wie man sich als Frau im Klassikbetrieb durchsetzt, erzählte sie der BÜHNE.

von Julia Schilly, 15. Oktober 2020

„Manche möchten schneller sterben oder länger lieben“
In der Mitte des Klanges: Anja Bihlmaier dirigiert zur Zeit an der Wiener Volksoper die Zauberflöte. Foto: Nikolaj Lund

Wie funktioniert dirigieren? Worauf kommt es im Zusammenspiel mit den Musikerinnen und Musikern an? Und warum gibt es auch heute noch viel weniger Dirigentinnen als Dirigenten? Im Moment gibt es kaum eine bessere Gesprächspartnerin zu diesen Fragen als Anja Bihlmaier. Sie ist eine der bedeutendsten deutschen Dirigentinnen ihrer Generation. Sowohl im Bereich Oper als auch in der nationalen und internationalen sinfonischen Konzertlandschaft feierte sie in den vergangenen Jahren große Erfolge. Ab Sommer 2021 ist sie Chefdirigentin des Residentie Orkest Den Haag. Seit August 2020 ist sie erste Gastdirigentin der Sinfonia Lahti, Finnland.

Zur Zeit dirigiert sie Mozarts Zauberflöte an der Wiener Volksoper. Die BÜHNE traf die 42-Jährigen in einer Probenpause und sprach mit ihr über Mozarts Magie, Proben, die sich wie ein Date anfühlen, Dirigentinnen-Quoten und die körperlichen und mentalen Strapazen des Dirigierens.

Sie haben in den vergangenen Jahren mit wahnsinnig vielen Orchestern und Sängern zusammengearbeitet. Wie ist das, wenn man als Dirigentin das erste Mal die Musikerinnen und Musiker tritt?

Anja Bihlmaier: Es ist wie ein Date. Da ist Vorfreude, man ist gespannt. Aber man bekommt meistens schon nach ein paar Minuten gemeinsamen Musizierens ein Gefühl füreinander. Für mich ist das immer sehr beglückend.

Aber ein Date kann ja auch schief gehen?

Anja Bihlmaier: Ja, schon. Aber ich habe glücklicherweise erst einen schwierigen Moment erlebt. Das war in Sizilien und dort fehlte mir die Disziplin im Orchester. Das war auch das einzige Mal, bei dem ich den Eindruck habe, dass die Musiker nicht daran gewöhnt waren, von einer Frau dirigiert zu werden. Und es war auch das erste und hoffentlich letzte Mal, dass ich eine Probe abgebrochen habe.

„Man muss wissen, wie man Individualisten zu einem Team formt.“

Wie versuchen Sie als Dirigentin auf die Musikerinnen und Musiker zuzugehen?

Anja Bihlmaier: Meiner Erfahrung nach sind beide Seiten daran interessiert, gemeinsam zu musizieren. Wenn man vorbereitet ist und musikalisch etwas zu sagen hat, gibt es kein Problem. Dann spielt es auch keine Rolle, wo man auf der Welt unterwegs ist oder welches Geschlecht man hat. Man muss authentisch sein, wissen wie man eine Gruppe motiviert und Individualisten zu einem Team formt. Dafür braucht es Empathie zu den Menschen, mit denen man arbeitet. Das ist mir wichtig.

Wo liegen für Sie die Unterschiede zwischen Oper und symphonischem Konzert bei der Arbeit?

Anja Bihlmaier: An einer Oper sind viel mehr Menschen beteiligt und auch die räumlichen Distanzen sind viel größer. Das Orchester ist im Graben verteilt und dort ist die akustische Situation oft nicht ideal. Deshalb ist der Dirigent schon allein für dieses Zusammenspiel verantwortlich. Dazu kommt, dass ständig die Bühne mit dem Orchesterklang koordiniert werden muss. Würden die Sänger nur so reagieren, wie sie das Orchester hörten – abgesehen davon, dass man das Orchester auf der Bühne sowieso nicht gut hört – wären sie nämlich zu spät dran.

Können Sie beschreiben, wie Sie eine Oper dirigieren, damit sie nicht „auseinanderfällt“?

Anja Bihlmaier: Ich bin ja diejenige, die in der Mitte des Klanges steht und am nächsten zum Publikum. An meinem Platz muss ich dafür sorgen, dass alles möglichst perfekt und ausbalanciert klingt. Deswegen müssen die Musiker mir vertrauen können. Außerdem ist eine gute Schlagtechnik für das Timing und eine klare nonverbale Kommunikation unerlässlich. Bei der Oper ist es mir zudem sehr wichtig, dass die Sängerinnen und Sänger frei agieren können. Ich möchte nicht, dass sie die ganze Zeit zu mir starren, denn sonst kann sich Musik und Szene nicht verzahnen. Und nur dann entfaltet sich die ganze Kraft und Magie der Oper, die mich so fasziniert. Deshalb ist für mich die Zusammenarbeit mit dem Regieteam und seinen Ideen von großer Wichtigkeit.

„Man muss die Temperatur einer Szene fühlen, flexibel reagieren, ein Gefühl für Dramatik haben, damit sich die Sängerinnen und Sänger sicher fühlen und sich frei entfalten können.“

Wie arbeiten Sie mit den Künstlerinnen und Künstlern in der Oper zusammen?

Anja Bihlmaier: Ich beobachte intensiv, was die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne machen, folge ihnen, führe sie aber auch bei entscheidenden Auftakten. Meistens jedoch begleite ich sie, d.h. ich versuche zu sehen und zu spüren, ob ein Sänger mehr Zeit für seine „Liebesszene“ benötigt oder vielleicht doch plötzlich „schneller sterben möchte“. Man muss die Temperatur einer Szene fühlen, flexibel reagieren, ein Gefühl für Dramatik haben, damit sich die Sängerinnen und Sänger sicher fühlen und sich frei entfalten können.

Wo liegt der Unterschied zu symphonischen Konzerten?

Anja Bihlmaier: Bei sinfonischen Konzerten ist man von vornherein alleine für die Interpretation der Werke verantwortlich. Es gibt kein Regieteam mit dem man zusammenarbeitet und man hat deswegen viel mehr Gestaltungsfreiheit. Die große Faszination besteht darin, dass man sich nur auf die Musik konzentrieren kann, alle Facetten einer Komposition beleuchten und im Konzert sehr sensibel und spontan mit dem Orchester interagieren kann.

Im Sommer 2021 wird Anja Bihlmaier Chefdirigentin des Residentie Orkest in Den Haag. Foto: Nikolaj Lund

Wie gehen Sie mit Überraschungen bei Vorstellungen um?

Anja Bihlmaier: In Repertoirbetrieben ist es teilweise so, dass man Stücke ohne Probe dirigieren muss. Auf diese Weise habe ich auch meine ersten Jobs in Deutschland bekommen. Ein Vordirigieren läuft so ab: In einer ersten ersten Runde probiert man mit einem Orchester kleinere Ausschnitte aus Sinfonik und Oper und in einer zweiten Runde, (wenn man die erste überstanden hat), erhält man die Chance eine reguläre Opernaufführung zu leiten. Hierfür bekommt man lediglich eine kurze Verständigungsprobe mit den Sängern am Klavier und ein Video im Vorfeld, um sich die Inszenierung einzuprägen.

Danach geht es auch schon los, man steigt in den Graben ohne je vorher mit dem Orchester das Stück geprobt zu haben. Vielleicht sogar ohne jemals das Werk überhaupt dirigiert zu haben. Diese Situation muss man möglichst gut meistern. Nur so gewinnt man eine Kapellmeisterstelle.

„Man muss man sich seine Kräfte einteilen können, Überleben ist nur möglich, wenn man die Nerven behält.“

Wie geht man psychisch damit um: Haben Sie da überhaupt noch Zeit Lampenfieber zu entwickeln?

Anja Bihlmaier: Man kennt ja die akustischen Verhältnisse nicht. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser. Psychische Vorbereitung und körperliche Fitness sind entscheidend. Stressresistent muss man sein und eine sehr klare Dirigiertechnik haben, sonst würde man so eine Vorstellung gar nicht schaffen.

Wie bereiten Sie sich mental vor: Haben Sie Techniken?

Anja Bihlmaier: Ich bereite mich so vor, wie das auch Spitzensportler machen: Durch Visualisierung der Situation. Wie wird es sein? Wie reagiere ich, wenn etwas schief geht? Wenn man zu nervös und gestresst ist, hat man anfangs viel Adrenalin, aber eine Oper kann sehr lange dauern, wenn einem die Luft ausgeht wird es schwierig. Man muss man sich seine Kräfte einteilen können, Überleben ist nur möglich, wenn man die Nerven behält. Es war anfangs eine harte Schule, aber ich bin ganz froh darüber, dies durchlaufen zu haben, jetzt stresst mich fast nichts mehr.

Nachdem man das Studium absolviert hat: Wie startet man als junge Dirigentin?

Anja Bihlmaier: Mit wohl überlegten Schritten, viel Fleiß und auch Glück: Ich habe als Repetitorin an einem kleinen Haus angefangen, allmählich habe ich mehr dirigiert. Dann kam die nächste Stelle als Repetitorin mit Dirigierverpflichtung an einem größeren Haus. Dann wurde ich zweite Kapellmeisterin. Und irgendwann bekam ich schließlich eine Stelle als erste Kapellmeisterin an einem A-Haus. Fast jedes zweite Jahr habe ich das Theater gewechselt, um mich weiter zu entwickeln. Dazu gehörte immer dasselbe Bewerbungsprozedere und die dazugehörende Vorbereitung. Meist waren meine Mitbewerber Männer, aber das spielte für mich keine Rolle, da ich daran glaube, dass letztendlich die Qualität und nicht das Geschlecht entscheidend ist.

„Ich denke, dass es kein Nachteil mehr ist eine Frau zu sein. Im Gegenteil, gute Dirigentinnen sind begehrt!“

Wie sieht eine Bewerbung auf eine Kapellmeisterstelle aus?

Anja Bihlmaier: Es bewerben sich je nach Ausschreibung bestimmt bis zu 150 Dirigenten für eine Kapellmeisterstelle. Davon werden vielleicht zehn bis 15 für die erste Runde ausgewählt. Am Ende bleiben dann drei oder höchstens vier übrig, die eine Vorstellung dirigieren dürfen. Und nur einer kann gewinnen. Es ist nicht so einfach, sich da durchzusetzen und man braucht einfach auch Glück.

Warum gibt es noch immer kaum Dirigentinnen, was denken Sie?

Anja Bihlmaier: Als ich angefangen habe, war ich die einzige Frau in unserer Dirigierklasse. Aber heute hat sich das schon sehr geändert und es gibt viel mehr Studentinnen. Im Berufsalltag trifft man allerdings noch immer auf vergleichsweise wenige Kolleginnen. Das hat unterschiedlichste Gründe. Einer ist sicher der, dass man das ganze Jahr unterwegs ist und es sehr wenig Zeit für Privatleben und Familie gibt. Und dann gibt es bestimmt auch noch Vorbehalte gegenüber Frauen, allerdings dort wo ich Chancen bekommen habe, hatte ich bis auf eine Ausnahme nie mit Vorurteilen zu kämpfen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich inzwischen mit sehr guten Orchestern zusammenarbeiten kann und denke, dass es kein Nachteil mehr ist eine Frau zu sein. Im Gegenteil, gute Dirigentinnen sind begehrt!

„Jede Frau am Pult ist natürlich eine Inspiration für junge Musikerinnen, diesen Weg auch einzuschlagen.“

Was halten Sie von einer Quotenregelung im Kulturbetrieb?

Anja Bihlmaier: Ich selbst hatte nie eine Frau als Lehrerin. Nie. In Hannover hatte ich nach zwölf Jahren – im Studium und beruflichen Alltag – das erste Mal eine Frau als Chefin. Karen Kamensek und Simone Young waren überhaupt die ersten zwei Dirigentinnen, die ich während meiner Studienzeit live im Konzert erlebt habe. In Skandinavien gibt es eine Quote für Dirigentinnen. Ich finde die Quotenregelung aber manchmal auch schwierig. Vor einiger Zeit gab es gar nicht genügend Frauen in der gleichen Qualität wie dirigierende Männer, ganz einfach weil es kaum Frauen in den Dirigierklassen gab. Das hat sich mittlerweile sehr geändert. Aber jede Frau am Pult ist natürlich eine Inspiration für junge Musikerinnen, diesen Weg auch einzuschlagen! Und das ist die Voraussetzung für mehr Frauen in entsprechenden Positionen.

Zurück zur Musik: Sie dirigieren an der Volksoper Mozarts Zauberflöte. Macht es das schwieriger oder einfach in der Arbeit, wenn das Werk so bekannt ist?

Anja Bihlmaier: Ich habe grundsätzlich vor jedem Stück Respekt, vor allem vor den Meisterwerken. Aber Respekt heißt nicht, dass ich Angst habe. Ich gehe vorbehaltlos an die Stücke heran und versuche ihr Geheimnis zu erkunden – was Mozart damit sagen, uns fühlen und erleben lassen wollt. Das versuche ich mit dem Orchester, dem Chor und den Solisten so genau wie möglich herauszuarbeiten.

Wie findet man noch Geheimnisse in einem Werk, das so oft aufgeführt wurde?

Anja Bihlmaier: Ich höre das Stück, wie wir alle, seit ich ein Kind bin. Es begleitet mich. Man wächst damit und entdeckt immer neue Facetten. Die Zauberflöte ist ein Stück mit sehr vielen Ebenen. Das kann für Kinder toll sein, weil Papageno so ein lustiger „Vogel“ ist, die Königin der Nacht so hoch singt und Sarastro so tief. Für mich war das als Kind faszinierend, zum ersten Mal die extreme der Stimmfächer zu erleben. Dann ist es natürlich auch philosophisch und mit Symbolik aufgeladen. In der Ouvertüre werden von Experten Parallelen zur Thematik der Freimaurer erkannt. Die Musik soll die Arbeit eines Steinmetzes nachahmen – so die Theorie – wie er aus dem rohen Stein sein Kunstwerk herausschlägt. Es geht um die Frage, was der Mensch überhaupt ist. Wo ist er nobel, was sind seine Fehler? Wonach streben wir?

„Musik kann sich nur dann entfaltet und ins Schwingen kommen, wenn ich vertrauen und loslassen kann.“

Gab es für Sie diesmal auch noch Überraschungen oder etwas Neues in der Beschäftigung mit der Zauberflöte?

Anja Bihlmaier: Für mich ist es diesmal die Szene der Geharnischten im zweiten Finale, wenn diese zwei Männerstimmen in der Oktave singend ihren Choral mit dem Orchesterklang verbinden – ein „neues“ Instrument erschaffen wird. Etwas Nobleres gibt es gar nicht: Die menschliche Stimme als Instrument, das mit dem Orchester verschmilzt. Das ist genial. Wenn dann alles zu schweben beginnt, da denke ich: Der Mensch kann etwas ganz Tolles sein, wenn er sich klug mit der Welt auseinandersetzt, seinen Verstand gebraucht, sein Gefühl zur Natur und zu dem was ihn ausmacht, nicht verliert.

Verändert sich bei solchen Erlebnissen auch schon mal die Art oder Technik zu dirigieren?

Anja Bihlmaier: Ja, zum Beispiel genau in dieser Geharnischten-Szene. Mozart schreibt: „alla breve“ – ich habe davor immer auf 4 Grundschläge pro Takt dirigiert. Wenn man aber in 2 dirigiert, gibt man Impulse für einen längeren Zeitraum. Wenn es längere Bögen sind, ist es architektonisch viel spannender für die Musik. Die musikalische „Welle“ auf der man surft, ist dann eine ganz andere. Das bedeutet aber auch, dass ich sehr viel mehr Vertrauen ins Orchester haben muss, da ich die Musiker länger „allein lasse“ , die Spannung nur suggeriere. Das kann auch riskant sein und die Konstruktion ins Wanken geraten. Deswegen sage ich manchmal „Leute, passt auf, dass ihr nicht in die Haie geratet“.

Zu Anfang meiner Karriere war ich viel mehr aufs Ordnen, Kontrollieren und das Zusammenspiel fixiert. Inzwischen habe ich erfahren, dass Musik sich nur dann entfaltet und ins Schwingen kommt, wenn ich vertrauen und loslassen kann. Deswegen schreibt Mozart die Musik an dieser Stelle genau so. Lasse ich los, dann beginnt sie zu schwingen, zu schweben! Es entsteht eine Unendlichkeit, die ich als magisch empfinde.

Termine und Tickets: „Die Zauberflöte“

ab 17. Oktober, 19 Uhr
volksoper.at

Anja Bihlmaier

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