Kostümwerkstatt im Volkstheater: Geniale Körper-Verpackerinnen

Jedes Teil, das sie schneidern, ist ein Einzelstück. Es passt nicht nur, ­sondern lässt den Bühnen-Charakter wachsen. Ein Besuch bei den Kostüm-­Macherinnen des Volkstheaters mit der Frage: Ist nackt ein Kostüm?

von Atha Athanasiadis, 8. Juli 2021

Kostümwerkstatt im Volkstheater: Geniale Körper-Verpackerinnen
Eingang zur Schneiderei. Schräg gegenüber dem Volkstheater gelegen; durch einen Innenhof kommt man zur Schneiderei des Wiener Volkstheaters. Foto: Peter Mayr

An den Wänden Regale bis zur Decke. Voll­geräumt mit kleinen Schachteln mit Etiketten wie „dicke Armbänder“, „dünne Armbänder“, „Knöpfe“.Mitten im Raum schiebbare Kleiderstangen mit Kostümen, auf denen Zettel geheftet sind, die das Stück beschreiben, das gerade geprobt wird: „Endspiel“, „Black Box“. Links drei Waschmaschinen und zwei Trockner, angeordnet wie eine Kunstinstallation. Dazwischen kleine Tische mit Nähmaschinen. Mit der Marke ist das Österreich der Sechzigerjahre auf­gewachsen: die Pfaff. An einer Wand hunderte Stoffrollen. Kleiderpuppen in Dunkelgrün, Schwarz, Grau. Guten Tag, wir sind zu Besuch in der Schneiderei des Wiener Volkstheaters. Tina Prichenfried ist die Chefin hier, oder „Leitung Kostümwesen“, wie ihr Job im Kulturamtsdeutsch heißt. Was für ein poetischer Begriff, impliziert er doch, dass Kostüme lebendig sind, eine Seele haben. Zu Recht, denn ohne Kostüme bleiben die Körper auf der Bühne nackt. Prichenfried wirkt wie aus einem Gemälde des Existenzialismus gefallen. Cool. Neben ihr Mona Ulrich. Sie trägt Shades und eine Adidas-Latzhose. Ebenfalls cool. Sie ist die „Leitende Kostümbildnerin“ und hat schon in Dortmund unter Kay Voges gearbeitet.

„Ist nackt auch ein Kostüm?“

Die eine entwickelt und bringt die Ideen der Regie zu Papier. Die andere sorgt für die Umsetzung. „Es gibt Regisseure/Regisseurinnen, die wissen, was sie wollen, andere sagen nur: Mach mal“, sagt Ulrich. 30.000 Kostümteile – mindestens – gibt es im Haus an der Zweierlinie. Ein Lager, das nicht nur die Veränderung der Theaterarbeit dokumentiert, sondern auch die der Menschen. „Die Menschen sind größer geworden“, sagt Ulrich. „Die Qualität der Stoffe war früher besser“, sagt Prichenfried. 

Drei Wochen reichen dem Team, um eine neue Theaterproduktion zu „bekleidern“. Beeindruckend. Denn was nicht im Fundus liegt, wird neu gemacht. In Handarbeit, immer an die jeweiligen Schauspieler exakt angepasst. Ist nackt auch ein Kostüm?, fragen wir. „Natürlich, wenn es passt“, sagt Ulrich und grinst. Eine Antwort, die ahnen lässt, dass sie im Ernstfall auch Nacktheit passend machen könnte.

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