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Am 12. Mai feiert Martina Gredlers Inszenierung von „Trümmerherz“ Premiere.

Am 12. Mai feiert Martina Gredlers Inszenierung von „Trümmerherz“ Premiere.
Foto: Reinhard Werner

„Trümmerherz“: Boogie-Woogie der Verdrängung

Werk X-Petersplatz

„Trümmerherz“ ist die Geschichte einer Jugend, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs Boogie-Woogie tanzt und gleichzeitig mit der Verdrängung des Erlebten zu kämpfen hat. Martina Gredler bringt den Text von Bernhard Bilek im Werk-X Petersplatz auf die Bühne.

Neues Stück, neuer Ort, neue Spieler*innen – im Grunde reicht diese einfache Aufzählung aus, um zu beschreiben, was Theater so spannend macht. Für Theaterschaffende, aber auch für die Menschen im Publikum. „Es wird nie langweilig“, bringt es Regisseurin Martina Gredler lachend auf den Punkt. Wir sitzen auf einer mit rotem Samt überzogenen Eckbank im Alt Wien. Unser Gespräch wird von einem Klangteppich getragen, der zu neunzig Prozent aus Gemurmel und zu zehn Prozent aus den Geräuschen klappernden Geschirrs besteht. Dass der große Apfelsaft gespritzt in einem Bierkrug serviert wird, passt zu diesem Lokal, in dem die Grenze zwischen Tag und Nacht immer irgendwie zu verschwimmen scheint – das also im besten Sinne zeitlos ist.


Choreografischer Zugang

Martina Gredler kommt direkt von der Probe für „Trümmerherz“, einer Uraufführung, die am 12. März im Werk-X Petersplatz Premiere feiert. Bernhard Bilek, den sie vor etwa zwei Jahren während einer Produktion am Werk X in Meidling kennengelernt hat, hatte die Idee zu dem Stück, das sich auf autobiografische Episoden aus dem Leben seiner Großmutter stützt. „Er kam damals auf mich zu und meinte, dass er etwas geschrieben hat, das er mir gerne zeigen würde“, erinnert sich die Regisseurin. „Es ist die Geschichte einer Jugend, die leben möchte. Die sich auf die Beine stellt und auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges Boogie-Woogie tanzt. Gleichzeitig handelt es sich dabei aber auch eine Generation, die sehr viel des gerade Erlebten zu verdrängen versuchte. Doch der weiße Elefant blieb natürlich die ganze Zeit über im Raum“, fügt sie hinzu. 

Es ist die Geschichte einer Jugend, die leben möchte. Die sich auf die Beine stellt und auf den Trümmern des zweiten Weltkrieges Boogie-Woogie tanzt.

Martina Gredler, Regisseurin

Wenn es um die Form ihrer Inszenierungen geht, orientiert sich Martina Gredler an den Inhalten der Stücke. Eine konkrete Regiehandschrift, die sich durch all ihre Arbeiten zieht, gibt es nicht. Bei „Trümmerherz“ entwickelte sich die ästhetische Form aus der Konzentration auf das Körpergedächtnis jener Menschen, die mit der Gewalt der NS-Zeit konfrontiert waren. „Es ist ein Irrglaube, dass die NS-Zeit nach 1945 schlagartig vorbei war, denn die Gewalt hat sich in die Körper der Menschen eingeschrieben“, erklärt die Regisseurin. Aus diesem Blickwinkel heraus entstand ein auf den Körper fokussierter, choreografischer Zugang. Fast ganz ohne Bühnenbild wird „das Nicht-Gesagte, das Verdrängte auf körperlicher Ebene erfahr-und sichtbar“. Daran anknüpfend hat sich Martina Gredler auch damit beschäftigt, wie gewalttätige oder von Gewalt beeinflusste Verhaltensweisen innerhalb der Familie weitergegeben werden. So zieht sich unter anderem „das gegenseitige Abwatschen“ wie ein roter Faden durch die Inszenierung.

Die Körper der Spieler*innen stehen in Martina Gredlers Inszenierung im Fokus.
Foto: Alex Gotter
Die Körper der Spieler*innen stehen in Martina Gredlers Inszenierung im Fokus.

Achtsamkeit und Respekt

Meist kommt Martina Gredler mit einem Konzept in die Probenarbeit, das so locker gestrickt ist, dass es für Ideen und Entwicklungen, die sich während der Proben ergeben, durchlässig ist. „Ich gehöre nicht zu jenen Regisseur*innen, die eine Arbeit zu Hause am Reißbrett entwerfen. Die Dinge, die in der gemeinsamen Probenarbeit entstehen, sind so viel größer als jene, die die eigene Imagination hervorzubringen imstande ist“, sagt sie. Außerdem sind ihr in der Zusammenarbeit Achtsamkeit und gegenseitiger Respekt wichtig. „Psychische Gewalt, Terror und Angst, wie ich es während meiner Zeit als Regieassistentin manchmal erlebt habe, sind absolute No-Gos für mich. Als Regisseurin kann ich das glücklicherweise selbst steuern.“

Ich gehöre nicht zu jenen Regisseur*innen, die eine Arbeit zu Hause am Reißbrett entwerfen.

Martina Gredler, Regisseurin

Die Bandbreite der Häuser, an denen Martina Gredler schon gearbeitet hat, ist groß. Sie inszenierte unter anderem am Burgtheater, am Schubert Theater in Wien, am Schauspielhaus Graz und am Werk X. Ihr Regiestudium am Salzburger Mozarteum schloss sie mit Albert Ostermaiers „Narkose“ ab, mit dem sie zum Körber Studium Junge Regie eingeladen wurde. „Mir ist es egal, ob ich an einem kleinen Off-Theater oder in einem großen Haus inszeniere. Hauptsache ich kann mit Menschen an Themen arbeiten, die uns am Herzen liegen. Jedes Theater hat seine Besonderheiten“, bringt es die Regisseurin auf den Punkt. Am Schubert Theater, das sich auf Puppentheater spezialisiert hat, lässt sich, fügt sie hinzu, beispielsweise ganz anders experimentieren als an vielen anderen Häusern. „Außerdem mag ich es, dass ich mich an die Gegebenheiten der Theater anpassen muss. Einmal bin ich meine eigene Regieassistentin, dann habe ich wieder zwei Requisiteur*innen in meinem Team“, ergänzt sie lachend.

Foto: Reinhard Werner

Zeitgenössische Theatertexte

Dass sie bisher vor allem zeitgenössische Stücke inszeniert hat, resultiert nicht aus einer generellen Vorliebe, sondern „hat sich eher so ergeben“, sagt Martina Gredler. „Außerdem stimmt es nicht ganz“, fügt sie lachend hinzu. „Für das Schubert Theater habe ich einmal einen chinesischen Roman aus dem 16. Jahrhundert auf die Bühne gebracht. 1500 Seiten, die ich auf eineinviertel Stunden zusammengedampft habe“.

Beim Regie-Studium schon ein bisschen reifer zu sein, hat mir und meiner Arbeit sehr gutgetan.

Martina Gredler

Im Alter von siebzehn Jahren nahm ihr Wunsch, am Theater zu arbeiten, konkrete Formen an. Eine große Rolle spielte dabei ein Jugendclub der Salzburger Festspiele, der es der gebürtigen Salzburgerin ermöglichte, mit Theaterschaffenden in Kontakt zu kommen. „Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass das meine Welt an“, bringt es die Regisseurin ohne große Umschweife auf den Punkt. Nach der Matura fand Martina Gredler nicht gleich den Mut, sich für ein Regie-Studium zu bewerben. Sie studierte zuerst Theater- und Musikwissenschaft, bevor sie sich am Salzburger Mozarteum bewarb. „Eine gute Entscheidung“, stellt sie rückblickend fest. „Beim Regie-Studium schon ein bisschen reifer zu sein, hat mir und meiner Arbeit sehr gutgetan.“

Der Klangteppich, der uns wieder nach draußen, ins frühabendliche Wien, trägt, hat sich ein wenig verändert. Das Gemurmel ist lauter geworden. Vielleicht lässt sich ja daran der Übergang vom Tag zur Nacht festmachen. Wenn das schon nicht der Feierabend als klassische Zäsur tut. Für Martina Gredler geht es nach unserem Gespräch nämlich nochmals zurück in den Text – schließlich wird am 12. Mai die Premiere von „Trümmerherz“ gefeiert.

Zur Person: Martina Gredler

Sie studierte Regie an der Universität Mozarteum Salzburg und davor Theater-, Film-und Medien- sowie Musikwissenschaft an der Universität Wien. Am Burgtheater inszenierte sie u.a. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen”, die Uraufführung des Stückes „Lumpenloretta” von Christine Nöstlinger und 2015 die österreichische Erstaufführung von Sibylle Bergs „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen”. Weitere Regiearbeiten zeigte sie u. a. am WERK X, am Meininger Staatstheater, am Schubert Theater und am Schauspielhaus Graz.


Zu den Spielterminen von „Trümmerherz“ im Werk-X Petersplatz.

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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