Sandra Cervik: „Schön, dass ihr wieder da seid“

Sandra Cervik startet mordend in den Herbst. In „Medea“ und „Die Stadt der Blinden“ darf die Schauspielerin komplexe Frauen porträtieren. Beides keine leichte Kost. Und dennoch Grund zur Freude.

Die Antwort folgt prompt. „Es ist herrlich!“, pariert Sandra Cervik die Frage, wie es denn sei, wieder regulär vor Publikum zu spielen. Ganz besonders sei die Stimmung, „ein einziges Gerührtsein“. Auf der Bühne ebenso wie im Publikum. Der Applaus sei nun weniger ein Akt des Wohlwollens als vielmehr eine „Schön, dass ihr wieder da seid“-Bekundung, jeder Abend eine große symbolische Umarmung. 

Und das von einer Frau, die nicht wirklich zu Sentimentalitäten neigt, sondern in ihrem Berufsleben schon genug erlebt hat, um zu wissen, wie man Ausnahmesituationen realistisch einordnet. Im Guten wie im weniger Guten. 

Seit 31 Jahren arbeitet die gebürtige Wienerin als Schauspielerin, 21 davon nun schon als Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Das Repertoire der von ihr verkörperten Rollen ist unendlich lang und reicht von Lady Chiltern in „Ein idealer Gatte“ über Marie in „Liliom“ und Sophie von Rappelkopf in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ bis hin zur Titelrolle in „Minna von Barnhelm“ oder allen Frauenfiguren in Arthur Schnitzlers „Reigen“. Letztgenanntes brachte ihr eine von drei „Nestroy“-Nominierungen ein, seit 2017 darf sich Sandra Cervik, die auch auf eine beachtliche Filmografie blicken kann, Kammerschauspielerin nennen. 

Aktuell wird sie ihrem Ruf, eine der vielseitigsten Darstellerinnen des heimischen Theatergeschehens zu sein, mit zwei neuen Arbeiten gerecht. Zum einen gibt sie am 9. September ihr „Medea“-Debüt, zum anderen ist sie als sehende Frau in „Die Stadt der Blinden“ ab 16. September treibender Motor der dystopischen Handlung. „Mein Gemüt war schon einmal heller und leichter“, bekennt die Mimin augenzwinkernd. „Es macht schon etwas mit einem, wenn man solche Rollen spielt.“

Foto: Astrid Knie

Die ultimative Tragödin

Allein der Klang ihres Namens löst bei allen, die Grillparzer im Deutschunterricht durchexerzieren mussten – und bei jenen, die Euripides im altgriechischen Original zu erleiden hatten –, unschöne Bilder aus. Die rachedurstige Kindsmörderin scheint nicht umsonst in der Liste der beliebtesten Mädchennamen gar nicht auf. Medea. 

In der Josefstadt erwartet das Publikum nun eine spezielle Fassung des Stoffs, Regisseur Elmar Goerden setzt auf das Wesentliche. „Knackig, kurz, ohne unnötiges Beiwerk“, erklärt Sandra Cervik. „Es ist nicht so, dass man schon beim ersten Auftritt die große Tragödin nahen sieht, dieser Erwartungshaltung wird bei uns nicht entsprochen.“ Eher werde es „down to earth, es geht direkt in die Konflikte rein, man ist sofort beim Thema“. 

Einige der neueren Inszenierungen stellen den migrantischen Aspekt des Dramas stark in den Fokus. Auch die Josefstadt? „Das Fremdsein ist natürlich immer ein Thema, aber in dieser Inszenierung nicht das zentrale. Es ist auch so, dass Medea diesen Aspekt nicht wirklich reflektiert. Eher interessiert sie der Verlust ihres Status. Natürlich wird sie als die Fremde, die Andere, die Seltsame wahrgenommen, aber es ist in erster Linie das große Scheitern einer Ehe, der Beziehung zu Jason.“ 

„Ich verstehe auch, warum das lange eine Figur war, mit der sich Feministinnen intensiv beschäftigt haben. Weil sie Selbstermächtigung verkörpert.“

Sandra Cervik über Medea

Wiewohl Medea sich durchaus skrupellos verhält, ihre Familie verrät, das Goldene Vlies an sich nimmt, den Tod des Bruders einkalkuliert und ihre Nebenbuhlerin nebst deren Vater tötet, ist sie Sandra Cervik sympathisch: „Total. Ich verstehe auch, warum das lange eine Figur war, mit der sich Feministinnen intensiv beschäftigt haben. Weil sie Selbstermächtigung verkörpert. Alles, was man Männern in der Literatur ohne Weiteres zugesteht, ist bei Medea, weil sie Frau und Mutter ist, ein Skandal. Ihr Handeln hat aber in allen Fassungen einen triftigen Grund, und der heißt Jason. Das ist ihr Ding, sie hat sich in diese Liebe hineinverstrickt und kommt da nicht mehr heraus.“

Welchen Aspekt auch immer man aber verstärkt, im Zentrum bleibt stets eine Unsäglichkeit: die Ermordung der eigenen Kinder. Wie nähert man sich dieser als Darstellerin? „Das Schlimme ist die Szene davor, in der sich die Kinder entscheiden sollen, zu wem sie gehen möchten, und sich gegen sie entscheiden. Das reißt mir das Herz heraus. Dann legt sich bei ihr einfach ein Schalter um, und sie tut es. Mehr kann man nicht kaputt machen. Es ist ja nicht nur ein Akt der Rache, sie nimmt sich auch selber alles. Das bringt die Geschichte auf einen Nullpunkt. Es setzt einen doppelten Schlussstrich unter diese ganze Tragödie.“ Bemerkenswert aktuell auch die Frauenfeindlichkeit, die Medea so beschreibt: „Der Hass gilt mir, und Jason gilt die Liebe.“

Foto: Moritz Schell

Sehende unter Blinden

Von der griechischen Antike in eine nicht näher definierte Jetztzeit geht es für Sandra Cervik in ihrer nächsten Premiere, der Uraufführung von „Die Stadt der Blinden“ – nach dem Roman von José Saramago, in der Theaterfassung von Thomas Jonigk. 

Ohne vorherige Anzeichen erblindet plötzlich ein Mann. Innerhalb kürzester Zeit verlieren weitere Menschen ihr Augenlicht, wie eine Epidemie breitet sich die Blindheit aus. Die Betroffenen werden in eine Art Lager gesteckt, wo sie von Soldaten bewacht werden und unter unzumutbaren hygienischen Bedingungen sowie Nahrungsmittelknappheit leiden. Die Situation gerät schnell außer Kontrolle, Demütigung ist an Tagesordnung.

„Heldin ist so ein großes Wort. Sie ist eine treibende Kraft, die Blinden sind die Protagonisten, die sehende Frau ist der Antagonist.“

Sandra Cervik

„Was macht eine solche Extremsituation mit uns? In welche Abgründe steigen wir? Wie lange bleiben wir Mensch, und ab wann fallen alle Tabus?“, fasst Sandra Cervik die Essenz des Stückes zusammen. Sie spielt die einzige sehende Frau, die rasch Verantwortung für die Gruppe übernimmt. Inklusive unbequemer Entscheidungen wie der Ermordung des Anführers. Als Heldin sieht sie Sandra Cervik dennoch nicht. „Heldin ist so ein großes Wort. Sie ist eine treibende Kraft, die Blinden sind die Protagonisten, die sehende Frau ist der Antagonist.“ 

Dass am Ende alle wieder sehen können, bedeutet gleichermaßen Hoffnung wie Strafe. „Denn sie wissen trotzdem, was sie getan haben, das ist ja nicht plötzlich weg. Würden sie blind bleiben, würde sich die Schraube immer weiter nach unten drehen. So aber müssen sie das Geschehene bewerten.“ ­Regie führt Stephanie Mohr, mit der Sandra Cervik schon mehrfach gearbeitet hat und die sie für ihren genauen Blick, ihre spezielle Ästhetik und ihren Detailreichtum schätzt. 

Einfach durchhalten

Zweimal führte Sandra Cervik bisher selbst Regie, eine Erfahrung, die sie gerne vertiefen würde. Sie gastierte in Berlin und München, auch das für sie lustvolle Erlebnisse, was man bei aller Treue zur Josefstadt nach 21 Jahren verstehen kann. 

Ärgert es sie, dass sie mit TV-Rollen wie in den „Vorstadtweibern“ oft mehr Aufmerksamkeit lukriert als mit großen Theater­arbeiten? „Nein, das habe ich mir längst abgewöhnt. Natürlich ist es ungerecht, aber es ist eben so.“ Nachsatz: „Film kann einem das Publikum und das Live-Erlebnis aber nie ersetzen.“ 

Und was bedeutet für sie der Begriff Karriere? Sandra Cervik lacht. „Ein erfülltes Berufsleben als Schauspieler ohne längere Phasen der Arbeitslosigkeit zu haben ist schon eine Karriere. Einfach durchzuhalten, das ist eine Karriere.“ 

Foto: Peter M. Mayr

Zur Person: Sandra Cervik

Die Wienerin absolvierte eine Lehre zur Einzelhandels­kauffrau, ehe sie ihr Schauspielstudium abschloss. Zunächst mit TV-Serien bekannt geworden, ist sie seit 1999 Ensemblemitglied im Theater in der Josefstadt. Sie wurde mehrfach für den „Nestroy“ nominiert und 2017 zur Kammer­schauspielerin ernannt.

Alle Spieltermine auf der Website des Theaters in der Josefstadt