Retirada: Die Stadt wird zur Opernbühne

Ist die Welt, in der wir leben, wirklich die beste aller möglichen Welten? Dieser Frage geht die Jugendoper „Retirada“ nach. Und zwar auf ungewöhnlichen Wegen, die mitten durch den ersten Bezirk führen.

„In allen Fiktionen entscheidet sich ein Mensch angesichts verschiedener Möglichkeiten für eine und eliminiert die anderen; im Werk des schier unentwirrbaren Ts‘ui Pên entscheidet er sich – gleichzeitig – für alle. Er erschafft so verschiedene Zukünfte, verschiedene Zeiten, die ebenfalls auswuchern und sich verzweigen“, schreibt der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges in seiner bekannten Erzählung „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“.

Die Kammeroper als Schloss

Zwei parallel existierende Welten eröffnen sich auch den Zuseher*innen der diesjährigen Jugendoper des Theaters an der Wien. Angelehnt an Voltaires „Candide“ entwickelte Regisseurin Sarah Scherer gemeinsam mit dem künstlerischen Leitungsteam und mit 30 Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine musikalische Reise durch den ersten Bezirk. Ein Großteil des Stückes findet auf zwei parallel verlaufenden Routen statt, bei der das Publikum jedoch jeweils die Chance hat, sowohl einen pessimistischen als auch einen optimistischen Blickwinkel einzunehmen. Um zu verstehen, wie das gemeint ist, hilft es, sich die Geschichte Voltaires noch einmal in Erinnerung zu rufen. „Der naive Candide wird von seinem Hausphilosophen Pangloß in der Theorie der Besten aller möglichen Welten unterrichtet. Als er eines Tages aus seinem Schloss vertrieben wird, gerät er draußen – in der echten Welt – allerdings von einem Unglück ins nächste und wird dadurch in seinem Glauben erschüttert“, erklärt Sarah Scherer.

Retirada: Die Stadt wird zur Opernbühne
„Wir dachten uns, dass es schön wäre, die Stadt zur Bühne zu machen,“ so die Regisseurin Sarah Scherer. Foto: Peter M.Mayr

Die Stadt zur Bühne machen

Obwohl „RETIRADA: auf in die beste aller möglichen Welten“ nun eine Parallelwelt mehr enthält als der Text von Voltaire, blieb die skeptische Grundfrage dennoch erhalten. Ist dies wirklich die beste aller möglichen Welten, in der wir leben? „Die Hauptfigur Candide wird in RETIRADA geteilt: in einen Optimisten und einen Pessimisten. Bevor das passiert, befinden wir uns im Schloss – der Kammeroper – und teilen uns dann auf. Sehen wird das Publikum allerdings beide Welten/Wege, die Gruppen treffen sich auch in der Stadt und finden schlussendlich ins Schloss zurück.“, sagt Sarah Scherer, die wir zwischen zwei Probenblöcken vor der Kammeroper treffen.

Es ist einer der ersten wirklich warmen Frühlingstage in diesem Jahr. Bessere Bedingungen für einen Streifzug durch den ersten Bezirk könnte man sich also kaum vorstellen. „Die ursprüngliche Idee ist während eines Lockdowns entstanden“, erinnert sie sich. „Wir dachten uns, dass es schön wäre, die Stadt zur Bühne zu machen, wenn es den Menschen schon nicht möglich ist, ins Theater zu kommen.“

Liebe für die Kunst

Die Regisseurin ist davon überzeugt, dass die Zwiegespaltenheit, die Candide in „Retirada“ empfindet, ein ein Abbild der Gegenwart ist. „Manchmal möchte man an die beste aller Welten glauben, dann hat man wieder das Gefühl, dass die Realität nur existiert, um rasend zu machen“, so Scherer. Als Regieassistentin war sie schon mehrere Male an der Entwicklung der Jugendoper des Theaters an der Wien beteiligt, in diesem Jahr führt sie nun zum ersten Mal selbst Regie.

In den Proben haben sich die gebürtige Italienerin und das Team* intensiv mit den Jugendlichen ausgetauscht. „Wir wollten wissen, welche Themen ihnen am Herzen liegen und wie sie die vergangenen beiden Jahre empfunden haben“, fasst die Regisseurin zusammen. Nach einer kurzen Pause ergänzt sie: „Zwei Jahre lang haben sich unglaublich viele Themen in ihnen angestaut, wirkliche Ventile gab es jedoch kaum“. Aus den Erzählungen und Erinnerungen der Jugendlichen entwickelten sich nach und nach Texte, Szenen und Choreographien, die nun Teil der Freiluft-Oper „Retirada“ sind.

Eines war dem Team allerdings von Anfang an klar – „wie viel Power und Liebe für die Kunst sie ins Projekt mitbringen. Und dass jede und jeder einzelne von ihnen wirklich den Wunsch hatte, etwas zu erzählen.“ 

*Das Künstlerische Leitungs-Team der RETIRADA sind: Marie Huber (Konzept & Projektleitung), Christoph Huber (Musikalische Leitung), Hannah Eisendle (Co-Dirigat), Steffi Wieser (Choreographie), Marika Rainer (Stimmbildung), Mana Szamadeh (Regieassistenz)

Zu den Spielterminen von „Retirada: auf in die beste aller Welten“ in der Kammeroper und im ersten Bezirk.

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