Präziser Dirigent des Geschehens: Janusz Kica

Er erweckt Texte zum Leben – und das in fünf Sprachen. Janusz Kica ist künstlerischer Dauergast an der Josefstadt und als Regisseur ein Glücksfall für Schauspieler*innen. Nun hat er „Leopoldstadt“, das neue Drama von Tom Stoppard, inszeniert. Ein Mammutprojekt.

„Wer soll das aufführen können?“ Fragt Janusz Kica zu Beginn des Gesprächs – und hat auch gleich die Antwort parat. „Herbert Föttinger ist ein Träumer und so vom Theater besessen, dass er das versucht“, lobt er den hohen Anspruch des Direktors. Die Rede ist von „Leopoldstadt“, dem 2020 am Londoner Wyndham’s Theatre uraufgeführten Stück von Tom Stoppard, indem dreißig Charaktere das Schicksal einer in Wien ansässigen jüdischen Familie von 1899 bis 1955 nacherzählen. Dieses große Ensemble ist in Zeiten der Pandemie natürlich ein besonderes Wagnis. Vorsichtig ausgedrückt. Eines, das sich allerdings, orientiert man sich am Erfolg in Großbritannien, auch lohnen dürfte.

Erfolgsautor Daniel Kehlmann schrieb die deutsche Fassung. Mit ihm hat Janusz Kica Erfahrung, inszenierte er doch 2018 auch dessen Stück „Reise der Verlorenen“, das ebenfalls eine jüdische Tragödie zum Inhalt hat. „Zuerst einmal ist ‚Leopoldstadt‘ ein sehr komplexes und für Tom Stoppard ungewöhnliches Stück. Es war ein Schlüsselerlebnis für ihn, als er erst 1999 vom Schicksal seiner jüdischen Familie erfahren hat. Vor allem von den Opfern des Nationalsozialismus, die in den KZs ermordet wurden“, erklärt Janusz Kica. „Das Stück ist insofern autobiografisch, als es darin eine Figur gibt, Leo, dessen Schicksal man durchaus mit dem von Tom Stoppard vergleichen kann.“

Präziser Dirigent des Geschehens: Janusz Kica
Janusz Kica im Theater in der Josefstadt. Foto: Philipp Horak

Jener Leo kommt 1955 als junger Mann aus England nach Wien, das er als Kind verlassen und an das er kaum Erinnerungen hat, zurück, lernt hier seine einzigen zwei überlebenden Verwandten kennen und erfährt von den vielen Toten der Familie. „Auch Stoppards Mutter hat ihm seine wahre Herkunft verschwiegen, weil sie Angst davor hatte, dass die Nazis nach England kommen könnten.“ Das Stück ist sehr politisch und behandelt zwei Weltkriege. Einen Aktualitätsbezug zum Krieg in der Ukraine möchte Janusz Kica nicht herstellen. „Wir machen das Stück sicher nicht aus diesem Anlass“, stellt er klar, „aber natürlich liegt es auf der Hand, dass wir durch die Ereignisse, durch das brutale Vorgehen in der Ukraine, eine Verbindung haben. Welches Stück könnte man denn machen, um dem, was dort passiert, auch nur annähernd gerecht zu werden? Wahrscheinlich müsste man auf die Bühne kommen und schweigen.“

Für Janusz Kica ist die Frage nach der jüdischen Identität, die Tom Stoppard gewohnt intelligent abhandelt, ein zentrales Thema. „Was heißt es, Jude zu sein? Gesellschaftlich? Spirituell? Was zeichnet diese Gemeinschaft aus, und was bedeutet Assimilation? Darüber wird tiefsinnig diskutiert, und es ist ja auch unsere Aufgabe, zum Sinn dieser Debatten vorzudringen. Tom Stoppard schafft ein Sittenbild, das zuweilen auch eine gewisse Leichtigkeit und einen speziellen Humor ausweist.“

Liebe zum Schauspiel

Janusz Kica ist gebürtiger Pole, er emigrierte Anfang der 1980er-Jahre nach Deutschland und inszeniert in ganz Europa. Seit 1999 regelmäßig auch am Theater in der Josefstadt, für das er seit seinem Debüt mit „Das Leben ein Traum“ rund zwanzig Produktionen schuf. Routine verspürt er dennoch nicht. „Für mich ist jedes Stück eine neue Chance, ein neues Leben, eine neue Perspektive. Sonst würde ich es nicht machen. Ich bin hier zu Gast und lerne immer wieder neue Kollegen, neue Schauspieler kennen. Und für mich sind es die Schauspieler, die im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen. Ich behaupte übrigens, dass das Haus, das Herbert Föttinger leitet, eine enorme Entwicklung vollzogen hat, es bleibt beharrlich am Puls der Zeit, inhaltlich und formal. Ich kann mich glücklich schätzen, immer noch dazuzugehören.“

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„Professor Bernhardi“. Arthur Schnitzlers 1912 geschriebenes Stück über die Funktionsweisen von Politik und Intrige war 2017 an der Josefstadt ein großer Erfolg. Im Bild: Janusz Kica bei den Proben mit Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Foto: Sepp Gallauer

Er findet, um ein guter Regisseur zu sein, müsse man empathisch sein. „Man sollte Menschen gerne haben, sich für Figuren interessieren. Und persönlich finde ich es wichtig, dass ein Regisseur auch ein musikalisches Gefühl hat. Auch Geduld ist eine erwünschte Gabe, weil die Prozesse lang dauern. Zudem Offenheit; ja nicht engstirnig nur auf sich selbst zurückgeworfen bleiben.“ Schließlich funktioniere Theater nur im Team, gemeinsam mit den Verantwortlichen für Bühne, Kostüm, Licht, mit den von ihm so sehr geschätzten Akteuren. „Schauspieler tun so viel für einen, wenn man sich gut mit ihnen versteht. Wichtig ist es auch, zu wissen, dass wir keine Archäologen sind“, sagt er und schmunzelt. „Wir arbeiten im Hier und Jetzt, im Moment. Wir stehen mitten im Leben.“

Professionell in fünf Sprachen

Wenn Janusz Kica inszeniert, kennt er keine Freizeit. Das ist anstrengend. Noch immer macht er durchschnittlich vier Inszenierungen im Jahr. „Drei wären gut, zwei ideal“, meint er. „Regie zu führen ist ein Kraftakt, eine sportliche Angelegenheit.“ Das will er nicht als Beschwerde verstanden wissen, sondern als Tatsache. „In der Probenzeit gibt es kaum Privat- leben. Man ist in der Zentrifuge der Produktion, für die man Verantwortung trägt. Regie ist kein Regime. Auch wenn es ähnlich klingt. Es ist schön, wenn etwas allmählich durch einen gemeinsamen Kraftakt entsteht.“

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„Leopoldstadt“. Tom Stoppards Stück behandelt das Schicksal einer jüdischen Wiener Familie über einen Zeitraum von fast sechs Jahrzehnten. Marianne Nentwich – im Bild mit Janusz Kica – übernahm die zentrale Rolle der Großmutter. Foto: Philine Hofmann

Er inszeniert in fünf Sprachen. „Wo kann man Sprachen auch besser lernen als am Theater, wo alles dauernd wiederholt wird? Die deutsche Sprache finde ich unheimlich stark, sehr bühnentauglich. Manche Sprachen entwickeln auf der Bühne eine ungeheure Kraft. Andere nicht. Shakespeare zum Beispiel ist auf Deutsch griffig, fleischig, lebendig. In manchen Sprachen bleibt er sehr auf dem Boden. Zumindest energetisch, im Sinne der Musikalität.“

Nach „Leopoldstadt“ wird er „Am Ende Licht“ von Simon Stephens in Zagreb und Thomas Vinterbergs „ Das Fest“, Anton Tschechows „Onkel Wanja“ sowie William Shakespeares „Wie es euch gefällt“ in Ljubljana machen. Außerdem „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee in der Schweiz. Das wären dann schon fünf Stücke. Janusz Kica lacht „Solange es geht … man wird ja nicht jünger. Auch das ist keine Beschwerde. Sondern ein Fakt.“

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„Reise der Verlorenen“. Daniel Kehlmanns Stück, 2018 mit Roman Schmelzer, Raphael von Bargen, Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller (im Bild) u.v.a. uraufgeführt, zeigt er- schütternd die Irrfahrt von 937 Juden 1939 in die vermeintliche Freiheit. Foto: Sepp Gallauer

Zu den Spielterminen von „Leopoldstadt“ im Theater in der Josefstadt!

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