Die letzten Tage der Spielzeit verbringt Marie-Luise Stockinger zu großen Teilen mit dem Stück „Die letzten Tage der Menschheit“. Die in Oberösterreich aufgewachsene Schauspielerin gehört zu jenem siebenköpfigen Ensemble, mit dem Dušan David Pařízek gerade das von Karl Kraus geschriebene Monumentalwerk für die Salzburger Festspiele und im Anschluss für das Burgtheater erarbeitet.

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Es ist früher Nachmittag, auf der Probebühne im Arsenal ist es ziemlich ruhig, die Welt wird hier wohl erst morgen wieder auf die Probe gestellt. Ein paar Fahrräder stehen noch in den dafür vorgesehenen Fahrradständern, darunter auch jenes von Marie-Luise Stockinger. Für die Schauspielerin ist es der letzte große Streich dieser Spielzeit, für den vielfach ausgezeichneten Regisseur war die Arbeit an dem mehr als 200 Szenen umfassenden Stück mit Sicherheit vor allem eines – eine große Streichaktion.

Seine Fassung konzentriere sich auf sieben Positionen aus dem umfangreichen Kosmos des Stückes, erklärt Stockinger. Sie selbst spielt die Rolle der Journalistin Alice Schalek, die in ihren patriotischen Frontberichten das Kriegsgeschehen verherrlichte.

„Sie war der perfide, kriegsverherrlichende Sprechapparat des Ersten Weltkriegs. Grausame Schlachten verglich sie mit ‚eingelernten Theaterstücken‘“, so die Schauspielerin. „Im Zusammenhang mit der Figur interessiert mich vor allem die Frage nach der Rolle der klassischen Presse heutzutage. Was soll sie leisten? Was könnte sie leisten? Wir erleben gerade eine Welt der multiplen Wahrheiten, gemeinsame Nenner verschwinden. Wer liest denn noch Zeitung? Wir erleben, wie die analogen, klassischen Medien ausbluten und Tech-Unternehmen deren Platz einnehmen. Social Media kann viel schneller, gezielter Information streuen, steuern und emotionalisieren. Kriegspropaganda passiert heutzutage auf den unterschiedlichsten Kanälen von Telegram bis YouTube.“

Marie-Luise Stockinger
Die letzten Tage der Menschheit: Mit seiner mehr als 200 Szenen umfassenden Tragödie schuf Karl Kraus zwischen 1915 und 1922 ein ebenso scharfsinniges wie absurd-komisches Panoptikum des Ersten Weltkriegs. Er schöpfte dabei aus dokumentierten Begebenheiten und zufällig aufgeschnappten Dialogen. „Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate“, schreibt er im Vorwort zum Stück.

Foto: Marcel Urlaub

Sprache schafft Realität

Erst 1928 gab Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“ für die Bühne frei. Das Stück, von ihm selbst als unaufführbar bezeichnet, ist sowohl eine Anklage gegen den Krieg als auch eine scharfsinnige Analyse der menschlichen Natur. Die beinahe schmerzhafte Aktualität des Texts liegt unter anderem in seiner teilweise grotesken und absurd-komischen Auseinandersetzung mit Desinformation, Patriotismus, Gewalt und Mitläufertum.

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„Dinge, die wir heute lesen und hören, stehen eins zu eins bei Karl Kraus: Regierungen, Bürger*innen, die Nationalbewusstsein und militärische Stärke einfordern. Neue Rekorde bei Rüstungsausgaben als Schlagzeilen. Revisionsgelüste verschiedenster Nationen gepaart mit wirtschaftlichen Interessen“, hält Marie-Luise Stockinger fest.

Darüber hinaus ist „Die letzten Tage der Menschheit“ auch einer der wichtigsten Texte, wenn es um das Gefahrenpotenzial von floskelhaftem Sprechen geht. Die Trockenlegung des Phrasensumpfes beschäftigte Karl Kraus sein ganzes Leben lang. Für Marie-Luise Stockinger, die schon Stücke von Elfriede Jelinek, Peter Handke, Ödön von Horváth und Thomas Bernhard gespielt hat, ist die Auseinandersetzung mit Sprache einer der wichtigsten Aspekte ihres Berufes.

Warum das so ist, beantwortet die Schauspielerin mit der für sie typischen Klarheit: „Sprache schafft Realitäten und ein gemeinsames Verständnis für die Welt. Wenn ich darüber nachdenke, warum es Krisen gibt, stelle ich fest, dass es immer auch Krisen des Erzählens sind. Wir Menschen richten unser Verhalten nach Ideen aus. Beispielsweise der Klimawandel: Wir haben für ihn keine allgemeingültige Erzählung gefunden, die uns proaktiv macht. Stattdessen begegnen uns ständig Schlagworte wie Entbehrung oder Wohlstandsverlust. Meiner Meinung nach hat da die Politik desaströs versagt. Dazu kommt ein neues beunruhigendes Sprachphänomen, dass wir, obwohl wir vom selben sprechen, etwas vollkommen Unterschiedliches meinen können: Freiheit. Tradition. Kultur. Demokratie. Politische Positionen haben die Sprache vereinnahmt und eine gemeinsame Verfügung erschwert.“

Marie-Luise Stockinger
Seit einiger Zeit steht vor dem Gebäude, in dem die BURG ihre Probebühnen beheimatet, ein Fotoautomat.

Foto: Marcel Urlaub

Gemeinsamer Denkraum

Sie sei sehr froh, mit Dušan David Pařízek an diesem Text arbeiten zu dürfen, so Stockinger. „Weil er immer von der Intelligenz des Publikums ausgeht, es in unseren Diskurs auf der Bühne miteinbezieht und nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt.“ Nach einer kurzen Pause setzt sie ihr Loblied auf den Regisseur fort: „Außerdem schafft er es, aus Kolleg*innen, die man seit Jahren kennt, irrsinnige Töne hervorzulocken, er befreit einen schnell von Scham, ist selber ein Freak vor dem Herrn und schafft eine Gemeinschaft innerhalb seiner Projektarbeiten, die man am Tag nach der Premiere schon wieder vermisst.“

Der dokumentarische Charakter des Kraus’schen Pandämoniums, das zu einem Viertel aus Originalzitaten besteht, schließe eine sinnlich-diskursive Auseinandersetzung mit den darin verhandelten Themen nicht aus, hält Marie-Luise Stockinger fest. „Viele der in sich abgeschlossenen Szenen haben auch Sketch-Charakter, nur dass der Sketch einen über das Dargestellte kotzen und schaudern lässt.“

Unsere Krisen sind immer auch Krisen des Erzählens.

Marie-Luise Stockinger

Das Theater ist für die Schauspielerin, die keine Lust hat, es sich in ihrem Beruf in irgendeiner Weise bequem zu machen, im Idealfall ein gemeinsamer Denkraum. Und auch ein Ort, der sie als Spielerin im besten Fall zu einer Überforderung und einer Überwindung von Ängsten bringt. „Pragmatismus und Routine im Alltag – gut; auf der Bühne sind sie der Tod. Da kann ich dann gleich etwas Vernünftigeres machen“, sagte sie in unserem letzten Interview, in dem wir über Karin Henkels „Hamlet“-Inszenierung sprachen. Oder auch: „Einfach reinspringen, man wird schon irgendwo aufschlagen.“

Bei den „Letzten Tagen der Menschheit“ bestehe die Überforderung auch darin, sich immer wieder mit der Frage zu konfrontieren, wie man als Österreicherin, aber auch als Deutsche oder Schweizerin von Krieg erzählen kann.

„Meine Kollegin Elisa Plüss hat diese Frage aufgeworfen. Ich finde, das hehrste Ziel, das wir haben können, ist, einen Raum zu öffnen, um uns als Gesellschaft einen Abend lang unangenehme, schmerzhafte Fragen zu stellen. Im sicheren Rahmen einer Theaterveranstaltung. Es ist definitiv ein anderer Anspruch, auch deshalb, weil so viele Menschen im nächsten Umfeld von Kriegen betroffen sind. Ich habe ukrainische, israelische, iranische Freunde. Das ist deren Lebensrealität und nichts, was sie, im Gegensatz zu uns, theoretisch betrachten können.“

Marie-Luise Stockinger
Aus dem Fotoautomat: Die vielen Gesichter der Marie-Luise Stockinger.

Foto: Marcel Urlaub

Ein Ziel wäre, das Publikum auf sehr unmittelbare Weise erleben zu lassen, wie der Erste Weltkrieg in Europa stattgefunden hat und wie schnell Krieg stattfinden kann, wenn Nährboden gegeben ist, erläutert Marie-Luise Stockinger.

„Die faktische Wucht, die Kraus in den ‚Letzten Tagen‘ montiert, über einen Krieg, den Österreich begangen hat, möglichst direkt und eindrücklich ans Publikum abzugeben – das muss meiner Meinung nach unser Anspruch sein.“

Kraft und Klarheit

Die Liste der Regisseur*innen, mit denen Marie-Luise Stockinger am Burgtheater bereits gearbeitet hat, liest sich wie das Who’s who der deutschsprachigen Theaterszene. Als besonders prägend empfand sie unter anderem die Arbeit mit Frank Castorf. „Mit ihm kommt man in ganz unbekannte Regionen seiner selbst“, hielt die auf den ersten Blick eher zierliche Schauspielerin während der Proben für „Heldenplatz“ fest.

Und auch, dass sie nach ihrem ersten Stück mit dem Berliner Regisseur darauf angesprochen wurde, wie viel Kraft sie nicht hätte. Die hatte sie jedoch immer schon, „nur wollte das niemand sehen“. Überhaupt gebe es im Vergleich zum Film am Theater viel mehr Möglichkeiten, dem zu entkommen, was man gemeinhin als „Type“ bezeichnet, merkt sie an, bevor sie sich wieder auf ihr Fahrrad schwingt.

Fix ist: Marie-Luise Stockinger schmeißt sich gerne kopfüber in für sie unbekannte Gewässer. In den von Karl Kraus in seinem Stück ausgestellten Phrasensumpf springt sie jedoch nur, um ihn mit aller Kraft – und davon besitzt sie sehr viel – trockenzulegen.

Hier zu den Spielterminen von "Die letzten Tage der Menschheit" im Burgtheater!