Eleganz trifft auf Distanz: Die Wiener Staatsoper zeigt „Liebeslieder“

In „Liebeslieder“ kombiniert das Wiener Staatsballett ab 14. Jänner Choreografien von Jerome Robbins, Lucinda Childs und George Balanchine.

Mit einem „anderen Draufschauen auf Wien“, nämlich dem Blick eines US-amerikanischen Choreografen, auf der einen Seite, einem Stück der „Queen of Minimalism“ auf der anderen sowie einem vor Natürlichkeit sprühenden Werk eines Stil-Chamäleons präsentiert das Wiener Staatsballett seine zweite Staatsopern-Premiere der Saison. Namensgebend ist George Balanchines Choreografie „Liebeslieder“, die der Meister des neoklassischen Balletts 1960 für das New York City Ballet zur Musik von Johannes Brahms schuf. Martin Schläpfer, Direktor des Wiener Staatsballetts, beschreibt das Werk als „sehr musikalisch und tänzerisch“. In der Sichtweise des New Yorker Choreografen zeigt sich das eingangs zitierte neue Draufschauen auf hiesige Gepflogenheiten, „mal mit großer Eleganz, gleichzeitig aber mit Distanz“. 

Wiener Walzer als Inspirationsquelle

Denn es ist der Wiener Walzer, der hier wichtigste Inspirationsquelle für Balanchine war. „Liebeslieder“ mutet zuerst wie eine Soirée an, auf dem einerseits vier Sängerinnen und Sänger zur Musik von zwei Pianisten singen, andererseits vier Tanzpaare das Gehörte in Schritte fassen. Was für Balanchines Tänzer damals, als die Uraufführung 1960 vorbereitet wurde, eine Herausforderung war. „Ihr wisst nicht, wie man Walzer tanzt,“ soll er seinen Mitwirkenden damals gesagt haben. Heute sind es seine ehemaligen Solisten Maria Calegari und Bart Cook, die mit den Tänzerinnen und Tänzern des Wiener Staatsballetts die Choreografie, die den Wiener Gesellschaftstanz mit neoklassischem Schrittmaterial zu einem Ikone gewordenen Werk verwob, einstudiert haben.

„Mr. B [Balanchine, Anm.] war sehr eingenommen vom Walzer und von allem Wienerischen“, sagt Cook in einem Video-Interview des Staatsballetts. „Er hat sich jede Möglichkeit angeschaut, wie Walzer präsentiert werden kann. Er hat ihm eine Emotionalität verliehen und die Beziehungen in die Bewegungen eingearbeitet. Die Persönlichkeiten der Tänzer werden stärker gewichtet, was das Publikum spüren kann“. „Liebeslieder“ ist quasi zweigeteilt, erst wird in Tanzschuhen und Satin getanzt, später schlüpfen die Damen in Spitzenschuhe. Von Balanchine selbst stammt die Beschreibung, dass im ersten Teil Menschen, im zweiten aber ihre Seelen tanzen. Schon 1977 bis 1991 war „Liebeslieder“ fixer Bestandteil des Repertoires der Wiener Staatsoper, nun kehrt es zurück. Mit von der Partie sind auf Tänzerseite Claudine Schoch, Roman Lazik, Denys Cherevychko, Maria Yakovleva und andere, unter den Sängern sind Johanna Wallroth und Hiroshi Amako, beide aus dem Opernstudio der Wiener Staatsoper.

Liebeslieder an der Wiener Staatsoper
Concerto (Choreografie: Lucinda Childs): Laura Cislaghi, Daniel Vizcayo, Natalya Butchko Foto: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Neue Wechselwirkungen

Eine Verbindung zu Balanchine hat auch das Werk, das den Premierenabend des Wiener Staatsballetts eröffnet. Der amerikanische Tanzgroßmeister war es, der den Multi-Stilisten Jerome Robbins, auch bekannt für seine Arbeit an „West Side Story“ und „On the town“, einst ans New York City Ballet holte. Dort schuf Robbins 1976 ein Pas de Deux namens „Other dances“ zur Musik von Frédéric Chopin für Mikhail Baryshnikov und Natalia Makarova. Nun tanzen es die neue Erste Solistin des Wiener Staatsballetts, Hyo-Jung Kang, und Davide Dato. Robbins kombiniert darin klassisches Ballettvokabular mit Folklore-Elementen. „Robbins, der in so vielen verschiedenen Stilen zu Hause ist, hat hiermit ein Werk von großer Natürlichkeit und Virtuosität geschaffen“, wie Martin Schläpfer beschreibt. 

Zwischen die Arbeiten der beiden großen amerikanischen Choreografen stellt Schläpfer Lucinda Childs „Concerto“. Die „Königin des Minimalismus“ hinterfragt darin tänzerisch, was passiert, wenn eine Bewegung stetig, aber in unterschiedlichen Situationen wiederholt wird. Sie setzt sich mit geometrischen Bewegungsmustern und Strukturen auseinander und variiert Themen. Allerdings, wie sie selbst beschreibt, gehe es „nicht nur um Wiederholung um der Wiederholung willen, sondern um ein subtiles Abenteuer in der abstrakten Welt von Thema und Variation“. „Concerto“ zur Musik von Henryk Mikolaj Górecki wurde 1993 mit Lucinda Childs eigener Tanzkompanie uraufgeführt. Es ist das erste Werk der Choreografin, das die Wiener Staatsoper zeigt. Er erwarte sich aus der Kombination dieses Werks, das „mit großem Drive Tanz pur zeigt“, mit Balanchine und Robbins „neue Wechselwirkungen.“

Die Premiere von „Liebeslieder“ am 14. Jänner wird via Livestream übertragen, der unter play.wiener-staatsoper.at 72 Stunden lang abrufbar sein wird.

Bühne Einzelhefte

Kennen Sie schon das Bühne-Magazin? Jetzt kennenlernen! Ausgabe verpasst? Einfach online bestellen!
Jetzt direkt versandkostenfrei nach Hause liefern lassen.https://www.magazinabo.com/at/buehne/einzelhefte/