Fritzi Wartenberg über „Gib mir ein F“ und Theater auf Augenhöhe

Das feministische Stück „Gib mir ein F" wurde von Fritzi Wartenberg und den Schauspielerinnen Runa Schymanski, Benita Martins und Hannah Rang entwickelt und ist ab 7. Juni im Kosmos Theater zu sehen.

von Sarah Wetzlmayr, 8. Juni 2021

Fritzi Wartenberg über „Gib mir ein F“ und Theater auf Augenhöhe
Was Fritzi Wartenberg am Regieberuf besonders schätzt? Dass sie ihr eigenes Kopfkino auf die Bühne bringen kann. Foto: Rafaela Pröll

„In der Theaterwelt findet gerade ein Umbruch statt, allerdings passieren viele Dinge nur an der Oberfläche“, so Fritzi Wartenberg, die seit 2018 am renommierten Max Reinhardt Seminar Regie studiert. Auch wenn bereits wichtige Schritte in Richtung Chancengleichheit und Gleichberechtigung gesetzt wurden, deuten die Spuren, die sie in den Theaterbetrieben hinterlassen haben, bisher eher auf Babysteps hin. „Ich denke, dass es noch ein bisschen dauert, bis solche Entwicklungen tatsächlich zu den grundsätzlichen Strukturen, die das Theater aufrechterhalten, durchsickern. Der wirkliche Feminismus lässt sich in den Nuancen erkennen, in den Gesprächen in der Kantine oder bei einer Zigarette nach Probenschluss“, fügt die 1997 geborene Regisseurin hinzu, deren feministische Stückentwicklung „Gib mir ein F“ seit 7. Juni im Kosmos Theater gezeigt wird.

Feminismus als Eintrittskarte

Außerdem beobachtet sie, dass es oft „Frauenthemen“ sind, mit denen es Frauen gelingt, im Theaterbetrieb Fuß zu fassen. Vor allem dann, wenn es um die Besetzung der Regieposten geht. Feminismus als Eintrittskarte in den Regieberuf, sozusagen. Geht es nach Fritzi Wartenberg, sollte auch das keinesfalls ein Dauerzustand sein. „Es muss absolut möglich sein, dass man als Frau auch Klassiker inszeniert. Und sich dabei nicht den Kopf darüber zerbrechen muss, wie man das Ganze feministisch verpackt. Sondern tatsächlich einfach ein Stück macht, weil man seine geschlechterunabhängigen, individuellen Themen hineinbringen möchte.“

„Es muss im Grunde genommen alles möglich sein, damit überhaupt theatral experimentiert werden kann.“

Fritzi Wartenberg

„Gib mir ein F“ entstand in Zusammenarbeit mit den Schauspielerinnen Runa Schymanski, Benita Martins und Hannah Rang. „Eigentlich genau in der Anfangszeit der Pandemie“, erklärt Fritzi Wartenberg lachend. Der Großteil der ersten Besprechungen musste also per Videokonferenz stattfinden. „Wir haben lange im Dunkeln gefischt“, erinnert sich die Regisseurin. „Zwar war uns klar, dass wir ein feministisches Stück machen wollen, haben lange Zeit aber nur aufgewühlt, was ohnehin schon da war. Erst als wir uns zum ersten Mal live getroffen haben, ist der Knoten geplatzt.“

Ein bezeichnender Moment, wie Fritzi Wartenberg betont, denn Theater muss ihrer Meinung nach vor Ort stattfinden, da es ansonsten nicht ausreichend Raum für Möglichkeiten gibt. „Es muss im Grunde genommen alles möglich sein, damit überhaupt theatral experimentiert werden kann“, bringt sie es auf den Punkt.

Im Zwiespalt

Nach und nach hat sich bei der gemeinsamen Arbeit an „Gib mir ein F“ immer stärker herauskristallisiert, dass es auf keinen Fall darum gehen sollte, mit dem eigenen Feminismus zu prahlen und von „B wie Beauvoir“ bis „K wie Kristeva“ ausschweifendes Namedropping zu betreiben. „Wir haben festgestellt, dass wir uns alle gerade in einer Phase befinden, in der wir nicht so wirklich wissen, wo wir als Frauen und Feministinnen eigentlich stehen. Und aus genau diesem Zwiespalt ist letztendlich das Stück entstanden“, fasst Fritzi Wartenberg die Arbeit an dem Stück zusammen.

„Man muss auch als Feministin nicht auf alles eine Antwort und zu allem eine Meinung haben. Denn in Wirklichkeit sind wir alle auf der Suche.“

Fritzi Wartenberg

Daher rührt auch, dass „Gib mir ein F“ zu hundert Prozent auf persönlichen Erfahrungen fußt, die allesamt Produkte dieses fortwährenden eigenen Zwiespalts sind. „Man muss auch als Feministin nicht auf alles eine Antwort und zu allem eine Meinung haben. Denn in Wirklichkeit sind wir alle auf der Suche“.

Aus diesen Unsicherheiten und dem Ansprechen von Themenbereichen, die üblicherweise als „Tabuthemen“ klassifiziert werden, ist ein Stück entstanden, das „an allen Ecken und Enden imperfekt ist“. Doch Fritzi Wartenberg ist davon überzeugt, dass in genau diesem jugendlichen Idealismus auch sehr viel Charme liegt. Aus der Euphorie nach der ersten Vorstellung entwickelte sich rasch das Kollektiv „FTZN“, das gerade die Arbeit an einem weiteren Stück – zum Thema Liebe – aufgenommen hat.

Das Kollektiv „FTZN“ bestehend aus Benita Martins, Hannah Rang, Runa Schymanski, Fritzi Wartenberg. Foto: Tina Graf

Theaterarbeit auf Augenhöhe

Der Regisseurin ist es außerdem wichtig zu betonen, dass bei „Gib mir ein F“ ruhig auch gelacht werden darf. Sogar gelacht werden soll. „Ich halte es für essenziell, dass man sich auch als Feministin selbst nicht so ernst nimmt. Gerade bei Stücken, die in den Programmbüchern als feministisch beschrieben werden, neigt man oft von vornherein dazu, eine ernste Miene aufzusetzen. Und genau das wollen wir nicht. Dieser Zweispalt zwischen Feminismus und einem internalisierten Sexismus ist schließlich auch mit einer wahnsinnigen Komik verbunden“, merkt Fritzi Wartenberg an. Und fügt lachend hinzu: „Wenn man da nicht lacht, wird man verrückt.“

Vor ihrem Studium dachte Fritzi Wartenberg lange, dass sie Schauspiel studieren möchte. „Das hatte auch damit zu tun, dass ich mir als Frau zunächst der Möglichkeit nicht bewusst war, dass ich nicht nur auf der Bühne, sondern auch vor der Bühne, also inszenierend, etwas bewirken kann“, erklärt sie. Dann war es, wie sie betont, jedoch die beste Entscheidung ihres Lebens.

Ein höherer Frauenanteil in der Theaterregie hätte, so die Regisseurin, vielfältige Konsequenzen: „Ich denke, dass all jene Frauen, die gerade ihren Weg ins Theater finden, fruchtbaren Boden für eine Theaterarbeit auf Augenhöhe schaffen. Und gutes Theater kann meiner Meinung nach nur in einem Raum entstehen, in dem gegenseitiger Respekt herrscht. Ist das nicht gegeben, kann man vielleicht einen technisch ausgeklügelten Theaterabend zeigen, aber für mein Gefühl steckt dann oft kein Herz dahinter. Insofern ist Feminismus auch für die Theaterstrukturen wichtig“. Fasst man das mit wenigen Worten zusammen, könnte man auch sagen: „Ein Theaterwunder geht nur zusammen.“

Foto: Rafaela Pröll

Zur Person: Fritzi Wartenberg

Fritzi Wartenberg wurde 1997 in Köln geboren und wuchs in Salzburg auf, wo sie das musische Gymnasium besuchte. Sowohl dort wie auch am Salzburger Landestheater und der freien Szene sammelte sie erste Bühnen- und Regieerfahrungen. Seit 2018 studiert sie Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar.

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