Anna Marboe: Im Theater und in der Musik zu Hause

Anna Marboe ist Theaterregisseurin und Musikerin. Warum es in beiden Fächern immer wieder darum geht, ins kalte Wasser zu springen, hat sie uns im Gespräch erklärt. Ihr aktuelles Album „Notre Dame" präsentiert sie heute im Radiokulturhaus.

von Sarah Wetzlmayr, 26. Mai 2021

Anna Marboe: Im Theater und in der Musik zu Hause
„Was Anna Mabo denkt und dichtet und singt, kommt wie ein Geschoss bei der Hörerin und beim Hörer an", sagt Ernst Molden über die Musik von Anna Mabo. Foto: Thomas Schrenk

„Es kommt, wie es kommt“, sagt Musikerin Anna Mabo, die eigentlich Anna Marboe heißt und am renommierten Max Reinhardt Seminar Regie studiert hat. Wobei das gleichsam beliebte wie überstrapazierte Wort „eigentlich“ in diesem Fall absolut fehl am Platz ist, denn die ausgebildete Theaterregisseurin möchte sich keinesfalls auf eine Sache festlegen. Dass ihre Konzentration in den vergangenen Monaten eher auf der Musik lag, führt sie vor allem auf die Situation der Theater während der Pandemie zurück. „Vor der Pandemie habe ich viel Theater gemacht und hatte weniger Zeit für die Musik, das hat sich dann plötzlich umgedreht. Ich finde es schön, dass die Musik nun mehr Raum bekommt“, erklärt sie.

Ihr zweites Album mit dem Titel „Notre Dame“ hat sie im Lockdown aufgenommen. Wie schon auf ihrem Debüt erzählt sie darauf Geschichten, von denen man auf Basis des bekannten Sprichworts behaupten könnte, dass sie das Leben geschrieben hat. In ihrer Kombination aus Klarheit und Poesie machen sie es einem nämlich ausgesprochen leicht, sich darin wiederzufinden. Ganz korrekt ist diese Aussage aber natürlich nicht, denn es war Anna Marboe, die diese Geschichten aufgeschrieben und jede einzelne von ihnen zu Songs geformt hat, von denen einige großes Ohrwurmpotenzial haben.

Superkräfte

Im Gegensatz zum Debüt, „die Oma hat die Susi so geliebt“, bei dem sie sich noch sehr viel stärker als „Dichterin an der Gitarre“ gesehen hat, kam es bei der Arbeit am zweiten Album immer wieder vor, dass die Musik vor dem Text da war. „Ich habe in meiner Wohnung auf einem alten Keyboard verschiedene Melodien ausprobiert und mir dabei eine Band vorgestellt“, beschreibt die 1996 geborene Musikerin und Regisseurin lachend. Diese Band, bestehend aus Ernst Molden, bei dessen Label „Bader Molden Recordings“ Anna Marboe auch unter Vertrag ist, seinem Sohn Karl Molden, Clemens Sainitzer und Thomas Pronai, hat sie dann auch gefunden.

Ernst Molden hat Anna Marboe vor einigen Jahren bei einem Festival im Waldviertel kennengelernt. „Ich habe ihm einfach einen Song von mir vorgespielt und er fand ihn gut“, erinnert sie sich. „Daraus ist mittlerweile eine gute Freundschaft geworden. Außerdem war es von Anfang an eine Beziehung auf Augenhöhe, bei der ich mich trotz des Altersunterschieds zu jedem Zeitpunkt wirklich ernst genommen gefühlt habe“. Letzteres würde sie sich auch vom Theater wünschen: „Als junge Frau hat man am Theater oft das Gefühl, dafür dankbar sein zu müssen, dass man überhaupt da sein darf. Dabei macht das Alter alleine niemanden automatisch zu einem besseren Menschen. Auch ältere Menschen können viel von jüngeren lernen.“

An der Musik schätzt sie unter anderem die Unmittelbarkeit und die Möglichkeit, die Menschen auf einer emotionalen Ebene zu erreichen. „Das ist im Theater nicht ganz so einfach, weil es meiner Meinung nach ein weniger lustvolles Medium ist, an das man eher intellektuell, manchmal sogar akademisch, herangeht“, fügt sie hinzu. Außerdem braucht es in der Musik meistens nicht viel, um diese besonderen Momente der Berührung möglich zu machen. „In meinem Fall nur eine Gitarre und ein Mikro. Es ist wie eine Superkraft.“

In der Musik und im Theater zu Hause: Anna Marboe. Foto: Thomas Schrenk

Ins kalte Wasser springen

Durch die gemeinsame Arbeit an einer Inszenierung, die in der Regel sehr viel Kommunikation erfordert, entsteht für Anna Marboe ein schöner Kontrast zur Musik, die sie als deutlich intimeres, fast schon in der Einsamkeit angesiedeltes Medium beschreibt. Verbindungen zwischen den beiden Kunstformen ergeben sich trotzdem. Nicht nur durch das Erzählen von Geschichten, sondern auch durch die Tatsache, dass es immer wieder darum geht, ins kalte Wasser zu springen. In gewisser Weise war das nämlich nicht nur bei Anna Marboes erstem Auftritt als Musikerin so, bei dem sie spontan für eine andere Musikerin einsprang, sondern auch bei der Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt Seminar. „Ich bin ganz ohne Erwartungen hingegangen und war dadurch relativ entspannt“, erzählt sie. „Es war nichts, worauf ich jahrelang hingearbeitet habe. Deshalb war die Suche mit der Aufnahmeprüfung auch nicht vorbei, sondern hat mit dem Studium erst so richtig begonnen.“

In die Rolle der Regisseurin ist sie aber im Schultheater schon geschlüpft. Allerdings eher deshalb, weil sie dachte, dass das der Job ist, den die älteren Schüler:innen übernehmen sollten. „Also jene, die verantwortungsbewusst genug sind, die Schlüssel nicht zu verlieren“, ergänzt sie lachend. Am Regiestudium fand sie dann vor allem reizvoll, dass man sich mit der Welt und dem Theater an sich beschäftigt. Es also um Hintergrundfragen und weniger um einen selbst geht.

Neue Regeln und neue Realitäten

Seitdem hat sie ihr Können als Regisseurin unter anderem am Schauspielhaus Wien mit Wilke Weermanns „Angstbeisser“ und Teresa Präauers „Oh Schimmi“ sowie am Landestheater Niederösterreich mit Hermann Hesses „Demian“ unter Beweis gestellt. Außerdem hat sie am Volkstheater David Lindsay-Abaires „Die Reißleine“ und am Landestheater Linz Felicia Zellers „Gespräche mit Astronauten“ inszeniert. Über die Bedeutung des Theaters sagt die Regisseurin im Gespräch mit dem Magazin der Universität für Musik und darstellende Kunst: „Mich fasziniert die Möglichkeit, für jedes Stück eine neue Welt zu erfinden, und die Freiheit zu haben, immer wieder neue Regeln und Realitäten heraufzubeschwören, die auf den ersten Blick vielleicht wenig mit dem Alltag zu tun haben, aber deswegen nicht weniger real sind. Die Realität als eine von vielen Möglichkeiten zu sehen, ergibt jene große Freiheit, die das Theater für mich so besonders macht.“

Eine Aussage, die mit der für sie typischen Klarheit deutlich macht, dass sich Anna Marboe in vielen verschiedenen Realitäten, Welten und Kunstformen zu Hause fühlt. Und bei der auch klar wird, warum dem Wort „eigentlich“ im Kosmos der Anna Mabo keinerlei Bedeutung zukommt.

Foto: Thomas Schrenk

Zur Person: Anna Marboe

1996 in Wien geboren, studierte Anna Marboe, die als Musikerin unter dem Künstlernamen Anna Mabo aufritt, Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar. Sie hat bereits am Schauspielhaus Wien, am Landestheater Niederösterreich, am Landestheater Linz und am Wiener Volkstheater inszeniert. Vor kurzem ist ihr zweites Album mit dem Titel „Notre Dame“ erschienen.

Die Albumpräsentation von „Notre Dame“ findet am 26. Mai im Radiokulturhaus statt.

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Musik von Anna Mabo auf der Website von „Bader Molden Recordings“

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