Maria Happel: „Theater ist ein Elementartrieb“

Im „Freibrief“ schreiben jeden Monat Menschen aus der Kulturwelt über ihr Leben, ihr Schaffen, ihre Träume. Schauspielerin Maria Happel erzählt über den Bund zwischen Zuschauern und Darstellern.

von Redaktion, 4. September 2020

Maria Happel: „Theater ist ein Elementartrieb“
Burgtheaterschauspielerin Maria Happel über das Max Reinhardt Seminar, Corona und die Macht des Theaters. Foto: Katarina Soskic

„Ein seliger Zufluchtsort ist das – denn hier ist noch alles möglich.“

Maria Happel, neue Chefin des Max Reinhardt Seminars, über eben jenes.

„Wenn man mich in früheren Interviews gefragt hat, warum ich so gerne in Wien bin, dann habe ich oft gesagt, dass Wien für Künstler die Insel der Seligen ist. Hier wird die Kunst gepflegt und gehegt. Meine Kinder wurden aus nämlichem Grund hier eingeschult, um in dieser Tradition aufzuwachsen und vor allen Dingen Herzensbildung zu erfahren.

So sehr freute ich mich über die Anfrage aus der Staatsoper, in Gaetano Donizettis ‚La fille du régiment‘ die Rolle der ­Duchesse de Crakentorp zu übernehmen, zumal ich vor 28 Jahren im Innenraum der Oper ­meinen Mann kennen und lieben ­gelernt habe. 

In den letzten Tagen frage ich mich immer öfter, was aus der Walzerstadt (so ­grüße ich oft auf Postkarten) auf meiner Insel geworden ist.

War am Anfang der Corona-Krise klar, dass es zunächst einmal viel wichtigere Dinge gibt und wir erst einmal zurückstecken müssen, wurde einem nach vier ­Wochen doch langsam unbehaglich zumute. Nach sechs Wochen wurde aber deutlich, dass wir Künstler nicht einmal das Schlusslicht des Zuges sind, sondern unser ­Waggon war zu diesem Zeitpunkt gar nicht angehängt. Wir standen auf dem Abstellgleis.

Gleichzeitig wurde ich in dieser seltsamen Zeit mit der Leitung des Max Reinhardt ­Seminars betraut. Junge, begabte, neugierige, spielwütige Menschen stürzen sich mit aller Kraft in die Ausbildung und träumen von den großen Bühnen dieser Welt.

Ein seliger Zufluchtsort ist das – denn hier ist noch alles möglich.

„Der Bund zwischen Zuschauern und Darstellern wurde erneuert, und das war berührend.“

Maria Happel über ihren ersten Auftritt nach der Corona-Zwangspause.

Wir bereiten uns auf den großen Moment vor, wenn sich der Vorhang endlich wieder heben darf. Wir träumen, denn wir wissen, dass es hinter diesem Vorhang eine Welt gibt, die wir in jedem Moment erschaffen können. Kunst kann in jedem Moment ent­stehen. Am liebsten würde ich sofort auf den Stufen der Albertina die ‚Orestie‘ aufführen – das älteste Theaterstück, das mehr als zweitausend Jahre überlebt hat. „Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters“, sagte Max Reinhardt einst. Theater zu schauen und Theater zu spielen ist ein Elementartrieb des Menschen.

Ich durfte vor zwei Wochen im Theater im Park auftreten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wieder vor Publikum zu stehen, und die Wechselwirkung war enorm. Tränen auf beiden Seiten. Der Bund zwischen Zuschauern und Darstellern wurde erneuert, und das war berührend. In Zeiten, wo wir einander nicht berühren dürfen, ein ganz besonderer Moment. 

Wir Künstler sollen doch Gefühle erzeugen. Die Menschen zum Mitlachen, Mitweinen, Mitleiden bringen. Wenn wir das nicht mehr dürfen, wird es kalt um uns.“

Zur Person

Maria Happel, 57, aus dem Spessart. Die Burg-­Mimin ist die neue Chefin des Reinhardt Seminars und feiert nun in der „Regimentstochter“ ihr Debüt an der Staatsoper.

Termine im Burgtheater

Maria Happel und Michael Maertens sind ab 13. September in „Die Stühle“ zu sehen.

Im Oktober feiert „Automatenbüfett“ Premiere, Termine folgen.