Tausend Wege – Ein Telefonat: Berührung ohne Begegnung

Interviews fehlt oft der Raum für vertiefende Gedanken. An dieser Stelle gilt daher: eine Frage – und eine ausführliche Antwort.

von Sarah Wetzlmayr, 26. April 2021

Tausend Wege – Ein Telefonat: Berührung ohne Begegnung
Für „Tausend Wege – Ein Telefonat" benötigen die Teilnehmer:innen nur etwas Zeit und ein Telefon. Foto: Cass Sachs-Michaels/600 Highwaymen

„Wenn es gelingt, durch Worte zu berühren, ist in der Regel sehr viel Emotion im Spiel. Oder jemand am Werk, der hauptberuflich Wörter zu Sätzen formt, die sich nicht wie Wassertropfen auf einer mit Teflon beschichteten Pfanne verhalten. In einer Zeit, die Berührungen den Status eines extrem seltenen Superfoods für die Seele verpasst hat, muss plötzlich immer öfter die Sprache herhalten, um diese besondere Form der Wärme zu erzeugen, die durch Reibung entsteht – aber eben auf diese besondere Art und Weise. Stichwort Streicheleinheiten.

Die New Yorker Theatergruppe 600 Highwaymen hat sich diese neue Mehrfachbelastung der Sprache zunutze gemacht und sie mithilfe sehr einfacher Mittel – eines Telefons – in ein Theaterstück verwandelt. Das Volkstheater hat das Stück übersetzt und bringt es als Corona-Projekt zur deutschsprachigen Erstaufführung. Auch bei der Beschreibung des Aufbaus von ‚Tausend Wege – Ein Telefonat‘ braucht man nicht unnötig kompliziert zu werden: Von einer Computerstimme angeleitet, lernen sich zwei einander völlig fremde Personen, die sich während des einstündigen Gesprächs nie mit Namen vorstellen, kennen.

Siehst du mich da draußen in der Welt?

Dass das auf diese Art deutlich einfacher funktioniert als beim unbeholfenen Small Talk vor dem Milchregal im Supermarkt oder sogar beim Speed­dating – Letzteres weiß ich natürlich nur aus Erzählungen einer guten Freundin –, liegt an den geschickt platzierten Anweisungen. Wenn am Ende des Gesprächs die Frage ‚Siehst du mich da draußen in der Welt?‘ mit einem klaren ‚Ja‘ beantwortet werden kann, hat das Experiment funktioniert. Und das, obwohl, wie die Computerstimme erwähnt, Wörter nicht ausreichen, um ein lückenloses Bild zu zeichnen. Berührungspunkte ergeben sich trotzdem – und zwar gar nicht so wenige. So merke ich zum Beispiel, wie ich mit mancher meiner Antworten Er­­innerungen bei der anderen Person auslöse. Und wie bei uns beiden an bestimmten Punkten die Konzentration nachlässt.

Präsenz minus Körperlichkeit

Wie im Bestätigungsmail kurz vor Beginn der Performance ausdrücklich erwähnt wird, hängt das Stück von der eigenen Anwesenheit ab. Das erzeugt Druck, der mich mit dem Gedanken spielen lässt, das Handy unabsichtlich in der unaufgeräumten Wohnung zu verlegen. Gleichzeitig deutet es aber auch auf eine jener Säulen hin, ohne die Theater einfach nicht funktioniert – auf die Präsenz. Minus Körperlichkeit, versteht sich. Es sei denn, die andere Person rückt tatsächlich spür- und greifbar nahe an einen heran. Dafür reicht das Telefon – als Kanal und manchmal auch verklebtes Abflussrohr für mehr oder weniger sinnvoll aneinandergereihte Wörter – dann aber doch nicht so ganz aus. Für eine besondere Art der flüchtigen Begegnung aber schon. Kurze Momente der Berührung inklusive.“

Foto: 600 Highwaymen

Zur Person: 600 Highwaymen

600 Highwaymen (Abigail Browde und Michael Silverstone) wurde von Le Monde als „die Vorreiter des zeitgenössischen Theaters“ und von The New Yorker als „eine der besten unkonventionellsten Theatergruppen New Yorks“ bezeichnet. Neben ihrer Arbeit in den Vereinigten Staaten sind sie auch regelmäßig international tätig – auch in Europa, wo sie u.a. bei den Salzburger Festspielen und beim Festival Theaterformen gastierten. Seit 2009 machen 600 Highwaymen Live-Kunst, die durch eine Vielzahl radikaler Ansätze die Eindringlichkeit der Zusammenkünfte von Menschen beleuchtet. 

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