Wie ein brodelnder Vulkan: Händels Saul am Theater an der Wien

Mit Händels Saul kehrt am Theater an der Wien der umjubelte Abschluss der Oratorien-Trilogie von Claus Guth zurück. Florian Boesch beeindruckt wieder als Saul.

von Stefan Musil, 20. April 2021

Wie ein brodelnder Vulkan: Händels Saul am Theater an der Wien
Der Familiensegen hängt schief. Tochter Michal (Giulia Semenzato) sorgt sich um Papa Saul (Florian Boesch), der in den Wahnsinn abdriftet. Foto: Monika Rittershaus

In der Familie ist plötzlich der Wurm drin. Ein heftiger Generationenkonflikt bahnt sich an. David, der strahlen­de junge Held, hat soeben Goliath das Haupt abgeschlagen. Und nun fliegt der blutige Schädel an Saul, dem von Gott erwählten König Israels, vorbei über die fein gedeckte Tafel. „Das Erscheinen von David wird von uns wie in einer Studie behandelt. ­David taucht auf und infiziert die Gruppe wie ein Virus. Das hat beinahe sektenartige Dimension. In diesem Zu­sammen­hang hat mich Pasolinis ,Teorema‘ sehr inspiriert: Da kommt ein junger Mann in eine harmonische Familie hinein, und plötzlich verfallen alle diesem Jüngling. Nach und nach stellt sich heraus, dass unter der Oberfläche Vulkane brodeln. Durch ihn kommt alles zum Ausbruch“, sagt Regisseur Claus Guth im Gespräch mit Yvonne Gebauer für das Programmheft von Händels „Saul“, dieser Erfolgsproduktion des Theaters an der Wien. Sie hatte im Februar 2018 Premiere und war der dritte Streich im Rahmen einer Trilogie von Oratorien, die Claus Guth hier auf die Bühne brachte. 

Saul als Schlüsselwerk

Händels „Messiah“ machte den Anfang, es folgte Schuberts „Lazarus“-Fragment und dann wieder Händel mit „Saul“, einem Schlüsselwerk. Nachdem sich die teure italienische Oper in London gegen Ende der 1730er-Jahre langsam totgelaufen hatte, schwenkte Händel auf englischsprachige Oratorien um. Der „Saul“ aus dem Jahr 1739 steht am Beginn dieses neuen Karriereabschnitts. 

Für Claus Guth bietet sich bei einem Oratorium „die Möglichkeit, nicht nur ganz dem Plot zu folgen, sondern auch immer wieder in Distanz zu gehen und frei zum Stoff zu assoziieren. Das ergibt sich aus der Form des Oratoriums, das nicht geradlinig eine Geschichte verfolgt, sondern immer wieder scheinbare Umwege geht und Exkurse macht, die aber durchaus zielführend sind.“ Dem alternden König Saul geht bald der Reis, als er hört, wie sein Volk den jungen David anhimmelt: „To him ten thousands, and to me but thousands!“, „Saul, wohl Tausend schlug dein Schwert, David schlug Zehntausend gar“. Seine älteste Tochter Merab, die den Jungspund heiraten soll, stößt sich an dessen niederer Herkunft. Doch Sohn Jonathan bietet ihm innige Freundschaft an, und die kleine Schwester wirft gar ein Auge auf ihn. 

Auf der Bühne des Theater an der Wien: Die Familienaufstellung beginnt und das Alte Testament kommt ins großbürgerliche Wohnzimmer. Foto: Monika Rittershaus

Florian ­Boesch brilliert als König Saul

Das Altern, der Neid und der Wahn, in den Saul schließlich abdriftet, sind die großen Themen des Oratoriums. Und sie kommen „als verschiedene Zustände zusammen“, sagt Guth. Vorgeführt natürlich „in alttestamentarischen Kategorien mit Mord und Totschlag, überhöht und sehr groß, aber in der Problematik real und allgemein“, wie Bariton Florian ­Boesch erläutert. Er interpretierte in allen Aufführungen von Guths Oratorien-Trilogie zentrale Rollen. Er ist wieder König Saul.

Guth lässt ihn dem Wahnsinn so sehr verfallen, dass er sich in einem quasi schizophrenen Moment selbst als Geist des Propheten Samuel den Tod weissagt. Ein grandioser dramaturgischer Trick, der Florian Boesch ebenfalls fasziniert: „Ich drehe mich um und singe zu meinem imaginären Saul selbst als Samuel, und das mit einer völlig stabilen vollen Bassstimme. Aber über zwei Akte lasse ich die Figur des Saul davor stimmlich nach und nach verfallen. In dieser Szene ist das, was ich als Saul dann singe, Sprechgesang, wie bei Schönberg.“

Guth spricht vom „Phänomen des Aus-dem-Gleichgewicht-Geratens“, das Händel nicht nur an Saul, sondern an allen Figuren dieser „Familienaufstellung“ exemplifiziert: „Es ist die Geschichte einer Entmachtung. Etwas läuft aus, und etwas Neues kommt. Diesem Kreislauf kann man sich entweder devot hingeben oder sich dagegenstellen.“

Claus Guth inszenierte an allen führenden Häusern. Foto: Monika Rittershaus

Zur Person: Claus Guth 

Claus Guth studierte Philosophie, ­Germanistik, Theaterwissenschaft und Regie. der 57-Jährige arbeitete an allen führenden Häusern. Fürs Theater an der Wien hat er auch Monteverdi, in Salzburg Mozarts „­Figaro“ mit Netrebko und Harnoncourt ­inszeniert. 

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