Peter Konwitschny schlägt mit Thaïs am Theater an der Wien Funken

Peter Konwitschny erklärt, wie man Jules Massenets fiebrig orientalisches Opernstück „Thaïs“ wieder genießbar macht. Die Premiere am Theater an der Wien wurde ohne Publikum aufgezeichnet.

von Stefan Musil, 29. Januar 2021

Peter Konwitschny schlägt mit Thaïs am Theater an der Wien Funken
Peter Konwitschny bei der Arbeit auf der Probebühne des Theaters an der Wien Ende Dezember 2020. Foto: Werner Kmetitsch

Er gilt manchen als Regietheater-Schreck. Andere begeistert er mit seinen hintergründigen und originellen, nie am musikalischen Fundament rüttelnden Neubefragungen alter Opernstoffe: Peter Konwitschny setzte Aida aufs Sofa, machte die Ketzerverbrennung in Verdis „Don Carlos“ zur Live Video-Pausenerregung und schickte Verdis Attila-Personal im Rollstuhl über die Bühne des Theater an der Wien. Dort hat er mit Massenets „Thaïs“ soeben erneut bewiesen, wie man aus einem problematischen Stück grandios Funken schlägt. Vorerst nur für die Kameras, bald hoffentlich auch für Publikum. Die Bühne hat mit ihm vorab gesprochen.

Bühne: Ab wann ist etwas Kitsch für Sie? Und was ist guter Kitsch?

Peter Konwitschny: Kitsch hat natürlich eine reale Herkunft. Die Postkarten wo Sonnenuntergänge drauf sind, gäbe es nicht, ohne die wirklichen Sonnenuntergänge, die wir aber lieben. Wenn es dann jedoch vermarktet und zum Objekt gemacht wird, dann ist es Kitsch.

Für mich bestand daher die Frage, wie gehe ich mit dieser Oper um, die hauptsächlich durch die Inszenierungsgeschichte so kitschig geworden ist. Das Werk ist in den letzten Jahrzehnten so gut wie nicht gespielt worden. Vor 30 Jahren hat mir eine Sängerin in Graz das Stück gegeben und gesagt, das wäre doch interessant, sie würde das gerne singen. Damals habe ich gedacht, dass darf nicht wahr sein, das ist ja wirklich der letzte Husten. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert.

Der Urgrund des Stückes, der Grundkonflikt ist, dass Männer und Frauen ein denkbar bedenkliches Verhältnis in unserer Zivilisation haben. Das gilt bis heute. Dazu hat mich sehr interessiert, wie ich verhindern kann, dass dieses Stück, auch durch seine Musik, kitschig rezipiert wird.

Aber gerade die Musik von Massenet ist doch ungemein süffig. Mit der „Méditation“ ist Massenet ein vielstrapazierter Wunschkonzert-Hit gelungen. Wie schafft man das unsentimental für heutige Augen und Ohren genießbar zu machen?

Nun wissen wir, dass man eine Musik anders hört, wenn man etwas anderes dazu sieht. Sie werden auch erstaunt sein, wie unkitschig die Musik zu dem klingt, was bei uns abläuft. Ausstatter Johannes Leiacker und ich haben diesmal die Dramaturgie selbst gemacht. Bei uns gibt es fünf statt sieben Bilder bzw. Tableaus, wir haben das vorletzte zum großen Teil gestrichen. Und Johannes Leiacker hat für jedes eine sehr reduzierte optische Entsprechung gefunden: Im ersten Bild ist es ein Sandhaufen, im zweiten Bild ein Model-Laufsteg, im dritten ist es ein Sofa, und im fünften sieht man dann den Rest vom Schützenfest, also alles, was an Requisiten liegen geblieben ist.

Das ist ganz gleich wie bei „La bohème“. Wenn man den Dachboden und dieses Pipapo sieht und weiß, das ist alles nur Pappe, dann verschwinden die Menschen in diesen nebensächlichen Dingen. Bei uns stehen die Menschen im Zentrum. Dann kommt es darauf an, wie die Beziehungen und Konflikte zwischen ihnen inszeniert und gespielt werden. Ich freue mich jedenfalls sehr über das Ergebnis. Aber wir haben auch großartige Sänger und einen großartigen Chor.

Nicole Chevalier in der Titelrolle der Thaïs und Josef Wagner als Athanael: Die Premiere der Oper stand ohne Publikum statt, aber wurde für Fernsehen und Radio aufgezeichnet. Foto: Werner Kmetitsch

Wenn Geld und Ideologie die Welt verpesten

Thaïs und Athanaël driften eine ganze Oper lang diametral aneinander vorbei. Sie flieht ihrem sündigen Leben als Prostituierte ins Kloster, tut Buße, bis sie daran zu Grunde geht. Er versucht, sie zu bekehren, verfällt ihr aber immer mehr, entdeckt Liebe und Lust, verwirft seinen Glauben. Wie sehr spielen Religion und Fanatismus, wenn Athanaël etwa den Palast von Thaïs abfackelt, in ihrer Interpretation eine Rolle?

Peter Konwitschny: Dass er den Palast anzündet, kommt daher, dass sein Verhältnis zu den Frauen gestört ist. Die Politik im Kleinen hängt mit der im Großen ganz stark zusammen, wie immer. Er ist ein Betonkopf. Ich würde sagen, einer von uns. Das Schöne am Schluss ist, dass deutlich wird, dass der Glauben nicht seine Wahrheit ist. Er sagt Thaïs dann auch, ich habe dich belogen. Ich liebe dich.

Bei ihr ist es schlimmer. Sie hat nie wirklich gelebt. Sie war ein Objekt und hat sich verkauft. Dann kippt sie um und wird selber betonköpfig. Am Ende merkt sie gar nicht mehr, wo sie ist. Da sagt sie: Ich sehe Gott. Das eigentlich Traurige ist, dass sie ein gutes Paar wären. Wenn da nicht diese Welt wäre, die von Geld und Ideologie verpestet ist.

Die Libretto-Vorlage, der Roman von Anatole France ist eine scharfe, satirische Kritik an der Kirche. Merkt man davon etwas bei Massenet oder in Ihrer Inszenierung?

Wir wissen, dass Gott in Frankreich mit der Revolution gestorben ist. Es gab natürlich ein paar Nachläufer. Gegen die ist France sehr stark vorgegangen. Wenn man das liest, das ist wirklich eine Satire. Aber nur vier Jahre später schreibt Massenet die Oper, und hier erkennen wir den Unterschied zwischen der normalen Welt und der Opernwelt. In der Opernwelt darf so etwas nicht sei. Da will man Illusionen, will in Musik Schwelgen, da hat Ironie oder gar Zynismus überhaupt keinen Platz. Obwohl wir wissen, dass Massenet, was seine politische Haltung betraf, nicht reaktionär war, hat er aber als guter Geschäftsmann darauf verzichtet, diese Ironie mit reinzunehmen.

Nicole Chevalier brilliert in der Titelrolle der Thaïs am Theater an der Wien. Vorführungen mit Publikum sollen nach dem Lockdown nachgeholt werden. Foto: Werner Kmetitsch

Ein Busenblitzer bei der Uraufführung

Wo verorten Sie das Werk? Zeigen sie Anspielungen auf den Schauplatz Ägypten, den Exotismus der Oper?

Peter Konwitschny: Nein. Es gibt schöne einfache Kostüme, dazu noch ein paar Models mit aufwendigen Gewändern, groß und bunt, mit Flügeln und Federn. Damit sind aber nicht irgendwelche Engel gemeint. Thaïs ist ein Revuegirl. Das Ganze ist keineswegs heutig festgelegt, aber eben auch nicht historisch.

Thaïs das Revuegirl. Massenet schrieb die Titelrolle für seine Geliebte Sibyl Sanderson. In der Uraufführung erregte dann ein Busenblitzer besondere Aufregung. Nackte Revuegirls sind längst Normalität. Was kann heute überhaupt noch aufregen auf der Bühne?

Da sprechen sie die Stelle an, an der unsere ganze Kultur am empfindlichsten gestört ist. Also was regt auf? Durch die Werbung zum Beispiel ist das auf die Spitze getrieben. Wir merken auch an den Zeitungsbildern, man kann es nicht mehr weitertreiben. Es bleibt nur noch Zynismus übrig. Noch zynischer, als es schon ist.

Die Zeit ist vorbei, wo man jemanden mit einem nackten Busen hinterm Ofen hervorgeholt hat. Das Einzige, was wirklich von Wert ist, ist die Wahrheit. Und die Wahrheit kann schon mal ein nackter Busen sein. Aber das ist selten. Dieses Stück gewinnt nicht an Wahrheit, wenn wir einen nackten Busen der Tänzerinnen zeigen. Das lenkt höchstens ab.

Geld für Autos statt für Schule und Kultur?

Das heißt die Wahrheit schockiert heute mehr als Nacktheit?

Darum geht es mir auch immer bei meinen Inszenierungen. Die Wahrheit hier ist nicht, dass Athanaël am Ende alleine zurückbleibt und sie einfach stirbt, sondern dass ein solches Paar sehr wertvoll für die Gemeinschaft wäre, wenn die Potenzen nicht vertan würden durch eine Politik und eine Gesellschaft, die nicht mehr am Leben interessiert ist. Mit am Leben meine ich jetzt wirklich die Umwelt zum Beispiel. Dass alles so weitergeht, obwohl bekannt ist, dass es das Ende von uns allen bedeuten kann. Es wird aber nichts dagegen getan, dass Menschen in ihren Wertvorstellungen derart verunsichert werden. Dann nämlich würden sie zusammenfinden.

Sie haben mitten in der Pandemie geprobt, die Sänger sogar oft mit Schutzmasken. Fürchten Sie, dass sich die Situation nachhaltig auf die Kultur, auf die Theater und Opernhäuser auswirkt?

Ich kann nur sagen, was ich hoffe: Dass die Situation vielleicht sogar bei vielen das Bewusstsein schärft, wie wichtig Kultur und vor allem Theater für die Menschen ist. Was ich aber befürchte ist, dass sich das Theater nicht mehr richtig erholt davon. Der Staat wird weiterhin die Autofirmen finanzieren, wodurch für Schulen und Theater noch weniger Geld bleibt. Es kann aber auch sein, dass das eigentliche Theater wiederbelebt wird. Nämlich das ohne Kostüme, ohne große Dekoration.

Zur Person: Peter Konwitschny

Peter Konwitschny ist einer der wichtigen heutigen Opernregisseure. Er studierte in Ost-Berlin Opernregie und war dann neun Jahre Regieassistent am Berliner Ensemble. Theatergeschichtliche Bedeutung erlangten seine szenischen Interpretationen der Werke von Händel, Mozart, Schonberg, Verdi, Wagner, Tschaikowski, R. Strauss, Berg und Nono. 1991-2001 entstanden sieben Arbeiten an der Oper Graz (Intendanz Gerhard Brunner), 1998-2005 elf an der Staatsoper Hamburg mit Ingo Metzmacher, 2003-07 drei an der Komischen Oper Berlin mit Kirill Petrenko. 2008-11 war er Chefregisseur der Oper Leipzig. Jüngste Arbeiten sind u.a. Dessaus Lanzelot in Weimar, Meyerbeers Les Huguenots in Dresden, Schoecks Penthesilea in Bonn/Linz und Zimmermanns Soldaten in Nürnberg. Er unterrichtet an deutschen und internationalen Hochschulen. Am Theater an der Wien inszenierte er Verdis Attila, La traviata und zuletzt Egks Peer Gynt.

Hinweis: Ö1 sendet diese Neuproduktion unter der musikalischen Leitung von Leo Hussain mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien am 20.02.2021 um 19:30. 

Das Theater an der Wien plant „Thaïs“ noch diese Spielzeit dem Wiener Opernpublikum zu zeigen und hofft, dass dies entweder (mit reduzierten und getesteten Publikum) in den letzten Februartagen oder zu Saisonende im Frühsommer möglich ist. 

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