Hamlet stirbt, sein treuer Freund ­Horatio will ihm in den Tod folgen und von demselben Gift trinken. Hamlet verbietet es ihm in seinem vorletzten Wort. Warum? In der Übersetzung von Frank Günther:

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Wenn du mich je in deinem Herzen trugst, / Entsag noch vorerst der Glückseligkeit, / Und in der harten Welt hol schmerzhaft Atem, / Mein Leben zu erzählen.

Und schließlich: 

Der Rest ist Schweigen.

Kaum ein Stück Literatur, sei’s Tragödie, Roman oder Gedicht, das so voll ist von Gedanken – „Worte, Worte, Worte“. 

Allein Hamlet spricht beinahe so viel, wie der gesamte „Macbeth“ lang ist. Da kann man leicht etwas übersehen oder überhören oder überlesen, vor ­allem wenn es so nebenhin gesagt ist und die Tränen in den Augen die Aufmerksamkeit trüben. 

In einem völlig anderen Licht

Horatio soll nicht sterben, er soll Hamlets Leben erzählen – wem? Uns. Da zucken wir zusammen. Das heißt doch: Alles, was wir in den vorausgegangenen Stunden gesehen, gehört, was wir gelesen haben, waren die Erinnerungen von Horatio. Hamlets Geschichte wurde also parteiisch erzählt, von seinem innigsten Freund und Vertrauten. Und das heißt: Wir dürfen der Erzählung nur bedingt trauen. Eigentlich gar nicht. Da hat Shakespeare seinem Stück in den letzten Minuten einen Donnerschlag versetzt – einen heimtückisch leisen obendrein. Das ganze Stück müsste gleich nach seinem Ende noch einmal aufgeführt werden. 

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Oder am nächsten Tag nach­gelesen werden. Vieles erscheint in einem an­deren Licht, wenn wir wissen: Das alles berichtet Horatio. 

Hamlet und die offenen Fragen

„Hamlet“ ist – auch – ein Stück über das Gerücht. „Es ist etwas faul im Staate Dänemark.“ Alle Fragen sind offen. Jede Antwort kann mit einer anderen pariert werden. Hamlet begegnet dem Geist ­seines toten Vaters? Wenn er der Einzige ist, der auf diesen Spuk trifft, sollte man dann nicht besser denken, der Prinz halluziniert? Er ist aber nicht der Einzige, der den toten König sieht. Wer noch? Horatio. Aha. Sagt wer? Horatio. Aha.

Claudius, der Onkel von Hamlet, inzwischen König von Dänemark, erfahren wir, hat seinen Bruder ermordet, hat ihm, als er Mittagsschlaf hielt, Gift ins Ohr geträufelt. Warum? Es muss doch ein schwerer Grund vorliegen, immerhin Brudermord. Macht? Ist Claudius machtgierig? Hat er den König getötet, weil er selbst König werden wollte – wie Macbeth? Er erscheint uns eher machtmüde. „O schwere Last!“, ruft er aus. Bald nach dem Tod des Königs heiratet Ger­trud, Hamlets Mutter, ihren Schwager. War es also ein Mord aus Leidenschaft? 

Nichts deutet darauf hin. Gertrud und Claudius wirken wie ein altes Ehepaar, eine Amour fou kann ich hier nicht erkennen. Der amerikanische Autor John Updike spinnt in seinem Roman „Gertrude und Claudius“ eine Parallel­geschichte zu Shakespeares Tragödie. 

Die beiden, erzählt er, waren schon längst vor der Heirat mit Hamlets Vater ein Paar, die Verbindung zum König war eine politisch motivierte Ehe, und jeder wusste es, aber niemand sprach darüber. Also noch einmal: Warum hat Claudius seinen Bruder getötet?

Faule Frevel als Motiv?

Was war Hamlets Vater für einer? Als er in der Nacht seinen Sohn auf den Zinnen der Burg trifft, spricht er von den Qualen, die er im Jenseits erdulden muss, „bis faule Frevel, die ich tat zur Lebzeit, verglüht und ausgebrannt sind“. Das schwächste Wort, diese Schauer zu beschreiben, würde dem Sohn bereits die Seele zerfressen, das Blut würde ihm gefrieren, und die Augen würden ihm aus den Höhlen springen. Wir rechnen damit, dass auch im Jenseits ein akzeptables Verhältnis zwischen Untat und Strafe besteht, also müssen „die faulen Frevel zur Lebzeit“ beträchtlich gewesen sein. Liegt hier die Antwort? Was hat der alte König angestellt, dass ihn dafür sein ­Bruder getötet hat? Vielleicht wusste es Hora­tio gar nicht. Vielleicht wusste er es aber doch. Hamlets letzter Satz – „The rest is silence“ – wird meistens interpretiert als poetische Umschreibung für: Das Leben ist beendet. Christoph Martin Wieland übersetzt: „Es ist vorbey.“ Vielleicht aber ist das Wort eine weitere Anweisung an Horatio: Über den Rest behalte Stillschweigen! Was aber ist dann der Rest?

Alles Spekulation. Gewiss. Nur: Was bleibt dem Zuschauer, dem Leser anderes bei diesem Stück Literatur, dessen heimlicher Protagonist das Gerücht ist? Obendrein, wenn die Erzählung nicht objektiv, sondern subjektiv ist, parteiisch, gewünscht, beauftragt?

Unergründlich bis heute

Die Figur des Hamlet war mir nie sympathisch, meine Bewunderung für das Stück dagegen ist grenzenlos. Was hat dieser Dichter da vor über vierhundert Jahren geschrieben – unergründlich bis heute! Wie viel Material, um die Conditio humana auszuloten, bietet dieses Stück! Der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom nannte den Jesus aus dem Matthäusevangelium und Hamlet die beiden einzigen Charisma­tiker der Literatur. Für uns normale Menschen sind es unstete Wesen, die uns gleichermaßen anziehen und abstoßen, die wir gleichermaßen kritiklos verehren und hassen. 

In der Hälfte des Stücks schickt Claudius Hamlet nach England – vorgeschobener Grund: Nachdem er Polonius erstochen hat, sei es besser, er verlässt für einige Zeit das Land. Claudius gibt ihm als Begleitung die Freunde Rosenkranz und Güldenstern mit. Jedenfalls wären die beiden gern Hamlets Freunde, sie buhlen auf schon fast rührende Weise um seine Zuneigung. Er bestärkt sie einmal in ihrem Wunsch, im nächsten Augen­blick stößt er sie vor den Kopf, eiskalt. Sie haben einen versiegelten Brief bei sich, den sollen sie gleich nach der Landung einem Vertrauten von ­Claudius ­übergeben. Auf dem Schiff entwendet Hamlet heimlich den Brief, liest darin, der Vertraute soll ihn töten. Er schreibt den Brief um: Rosenkranz und Gülden­stern sollen getötet werden. Und das geschieht auch. Diese beiden naiven, treuen Männer sterben, weil sich Hamlet einen Jux daraus macht, mit einem alten Komö­dienmotiv, dem vertauschten Brief, zu spielen. Sympathisch ist das nicht.

Hamlet, der monströse Egomane

Als Hamlet aus England zurückkehrt, trifft er seinen Jugendfreund Laertes. Der ist grundwütend auf ihn, er will ihn töten. Hamlet versteht nicht, war­um. Gut, er hat Polonius, den Vater von Laertes, erstochen, gut, er hat Ophelia, die Schwester des Laertes, so mies behandelt, dass sie sich das Leben genommen hat. Reicht das denn nicht für den Zorn des Freundes? Hamlet versteht es nicht. Wie alle Charismatiker ist er ein Egomane – der hier ist ein monströser Egomane. Sympathisch ist das nicht.

Und dennoch: Wir kommen nicht los von ihm. Er zwingt uns, über ihn nachzudenken, immer wieder.

Michael Köhlmeier

Schriftsteller, 70 Jahre 
Letzte Veröffentlichungen: „Bruder und Schwester Lenobel“, Roman, Hanser Verlag, „Die Märchen“, Hanser Verlag

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