Michael Köhlmeier über das Tragisch-Komische

Charlie Chaplin kochte seinen Schuh und ließ sich dabei womöglich von Shakespeare inspirieren, schreibt Michael Köhlmeier in seiner aktuellen Kolumne für die BÜHNE.

von Redaktion, 3. Dezember 2020

Michael Köhlmeier über das Tragisch-Komische
Schriftsteller Michael Köhlmeier schreibt jeden Monat in der BÜHNE über Kulturthemen, die ihn bewegen. Foto: privat

Vielleicht hatte der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom recht, als er sagte, Shakespeare habe das Menschliche erst erfunden. Ich neige dazu, ihm zu glauben. Weil ich dazu neige, der Begeisterung zu glauben; und das, obwohl es ihr eigen ist zu übertreiben – gerade deshalb. Gab es das Tragisch-Komische vor Shakespeare? Fragen wir zunächst: Was ist das Tragisch-Komische?

Manieren bis zum Schluss

In dem Film „The Gold Rush“ aus dem Jahr 1925 sehen wir Charlie Chaplin in einer schäbigen Hütte im tief verschneiten Alaska zusammen mit einem anderen Goldsucher. Es ist kalt, und die beiden haben Hunger, sie sind am Ende, wahrscheinlich werden sie nicht über­leben, sie werden erfrieren oder ver­hungern. Sie teilen das Schicksal tausender Glücksritter aus dieser Zeit.

Charlie, in seiner Verzweiflung, kocht seinen Schuh, immerhin Leder, etwas von einem Tier. Er deckt sauber den Tisch, bindet sich eine Serviette um und beginnt zu essen. Dabei benimmt er sich, als wäre er in einem vornehmen Restaurant. Fachmännisch zerlegt er den Schuh, hebt ihn von der Sohle ab, als wäre das Leder ein Fischfilet. Er zupft die Nägel heraus, leckt die Reste ab, als wären die Nägel Hühner­beinchen. Er rollt die Schnürsenkel um die Gabel wie Spaghetti. Der Hungertod steht ihm bevor, aber er verzichtet nicht auf Manieren. Das ist tragisch und komisch in ein und demselben Akt.

Im Film „The Gold Rush“ verspeist Charlie Chaplin seine Schuhe – und wahrt dabei feinste Tischmanieren.

Lachen oder weinen – oder beides

In Shakespeares Tragödie vom „König Lear“ begegnen uns gleich zwei tragisch-­komische Szenen. Nachdem der König von seinen Töchtern Goneril und Regan verstoßen wurde, irrt er zusammen mit seinem Hofnarren durch ein Unwetter über die Heide. Sturm. „Immer noch Sturm“ (Peter Handkes Stück bezieht seinen Titel von dieser Regieanweisung). Schließlich finden sie eine Hütte, in die sie sich verkriechen können.

Dort treffen sie auf einen Tom-Tom. So wurden die Verrückten genannt, die Irren, die nackt herumliefen und Unsinn redeten und in keine Gemeinschaft aufgenommen wurden, denen aber niemand etwas antun durfte. Dieser Tom-Tom ist Edgar, der Sohn von Gloster, einem Vertrauten von Lear, und er ist gar nicht verrückt. Edgar ist das Opfer einer ­Intrige, die sein Halbbruder Edmund­ gegen ihn gesponnen hat. Edmund hat seinen Vater glauben lassen, Edgar wolle ihn töten. Daraufhin hat Gloster seinen Sohn für vogelfrei erklärt; das heißt, ­jeder, der ihn trifft, darf ihn töten. Um am Leben zu bleiben, hat er sich Dreck ins Gesicht geschmiert und aus sich einen Tom-Tom gemacht.

In der Hütte auf der Heide befinden sich also drei Narren: der Hofnarr, dessen Beruf es ist, Narr zu sein; Edgar, der sich, um zu überleben, zum Narren gemacht hat; und König Lear, der über den Schmerz, von seinen Töchtern ver­stoßen worden zu sein, den Verstand verliert. Wenn die drei sich unterhalten, wissen wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Wir tun beides.

An diese Szene schließt gleich die nächste tragisch-komische an. Gloster, von seinem zweiten Sohn Edmund betrogen, irrt ebenfalls über die Heide. Er ist blind. Regans Ehemann Cornwall hat ihm im Streit die Augen aus dem Kopf gerissen und ihn wie Lear ins Unwetter geschickt. Inzwischen weiß er, dass er seinem Sohn Edgar unrecht ­getan hat. Zu seinem körperlichen Schmerz kommt der seelische dazu.

Edgar, der Tom-Tom, trifft den Vater auf der Heide. Das Mitleid zerreißt ihm das Herz. Er verstellt seine Stimme, tut, als wäre er ein Bauer, und fragt, wohin der Alte denn wolle, ob er Hilfe brauche. Er wolle hinauf zu den Klippen, sagt Gloster, ob er ihn führen könne. Edgar weiß, was der Vater will. Er will sich ins Meer stürzen. Er nimmt den Arm des alten Mannes und führt ihn. Aber nicht auf die Klippe führt er ihn, sondern im Kreis.

Ob es denn nicht längst schon aufwärtsgehen müsse, fragt der blinde Mann. Es gehe doch aufwärts, sagt Edgar, ob er es denn nicht merke. Ja, wenn er das sage, merke er es, sagt Gloster. Ob man denn nicht längst schon die Möwen hören müsse. Aber man höre die Möwen doch, sagt Edgar. Ja, wenn er das sage, höre er die Möwen, sagt Gloster.

Irgendwann bleibt Edgar stehen – mitten auf der flachen Heide –, sie seien angekommen sagt er. Dann solle er zurücktreten, sagt Gloster. Er nimmt einen Sprung – es ist aber nur ein jämmer­licher Hopser, er fällt zu Boden, landet im Gras.

Er meint, er sei gestorben, zerschmettert in den Klüften, im Jenseits angekommen. Edgar verstellt abermals seine Stimme, tut, als wäre er ein Fischer. So etwas habe er noch nie ge­sehen, sagt er, da falle einer von den Klippen und sei unversehrt. Er nimmt den Vater in die Arme, er gibt sich zu erkennen. Die beiden versöhnen sich. Später erfahren wir, Gloster ist in Liebe und Frieden gestorben.

Lachen und Weinen aus einer Quelle

Ich vermute, Charlie Chaplin hat sich intensiv mit dem Werk von Shakespeare auseinandergesetzt. Die Szene in der Goldgräberhütte erinnert an die drei Narren in der Heide. Ob es vor Shakespeare eine vergleichbare Zusammenführung von Tragödie und Komödie gegeben hat? Ich weiß es nicht. Ich habe Ähnliches nicht gefunden. Das ­antike Satyrspiel, das den jeweils drei Tragödien folgte, ist eher derb, und wenn Komisches und Tragisches darin vorkommen, dann nebeneinander und nicht zu einer Szene geflochten.

„Shakespeare hat das Menschliche erfunden. Er hat den Menschen erfunden.“

Michael Köhlmeier

Wie kommt einer überhaupt auf die Idee, Lachen und Weinen aus einer Quelle schöpfen zu wollen? Ich habe mich gefragt, ob sich in meinem Leben jemals eine Situation ergeben hat, die tragisch und komisch zugleich war. Nein. Erst in der Erzählung habe ich, wenn es mir denn gelang, diese beiden Sehweisen auf die Welt in eins zu­sammen­geführt. 

Shakespeare hat das Menschliche erfunden. Er hat den Menschen erfunden. Alle Literatur erfindet den Menschen. Ist das wahr? Ich glaube ja. Den Lear gibt es nur in der Literatur. Auch den Tom Sawyer gibt es nur in der Literatur. Auch die Anna Karenina. Es kann sein, dass wir jemanden treffen, der wie König Lear ist, wie Tom Sawyer, wie Anna Karenina – aber die Vorbilder waren zuerst. Aristoteles meinte, die Kunst ahme die Natur nach, die Tragödie und die Komödie seien dem Leben nach­gebildet. Und wenn er unrecht hatte? Wenn es genau umgekehrt ist?

Michael Köhlmeier

Schriftsteller, 70 Jahre 
Letzte Veröffentlichungen: „Bruder und Schwester Lenobel“, Roman, Hanser Verlag, „Die Märchen“, Hanser Verlag

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