Der Vorteil von Corona? Zeit zum Reden. Weltstar Elīna Garanča hat der BÜHNE viel davon geschenkt und eines der ausführlichsten Interviews ihrer Karriere gegeben. Der Anlass: ihr Rollen­debüt als Kundry in Wagners „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper. Es ist eine Besetzung wie aus einem Traum: Jonas Kaufmann als Parsifal. Regie: der im russischen Hausarrest sitzende Kirill Serebrenni­kov. Am Pult: Philippe Jordan. Anfang April soll Premiere sein. In unserer nächsten Ausgabe werden wir uns intensiver mit dieser Inszenierung befassen. Heute ist Elīna Garanča unser Gast. 

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BÜHNE: Welche Frage von Journalisten nervt Sie am ­meisten?

Elīna Garanča: Es sind nicht wirklich die Fragen selbst – was mich nervt, sind Journalisten, die nicht primär meine Antwort wollen, sondern nach meiner Reaktion fischen. Stellen Sie sich jemanden vor, der Sie immer überraschen oder erschrecken möchte. Um ganz ehrlich zu sein, wird es nach dem dritten „Boo“ vorhersehbar und macht weniger Spaß.

Debüt an der Wiener Staatsoper

Ich werde mich bemühen und beginne mit etwas Vorhersehbarem: Wie geht es Ihnen in diesen seltsamen Zeiten?

Elīna Garanča: Schritt für Schritt vorzu­gehen und zu warten, was der nächste Tag bringen wird, scheint mir die sicherste Methode zu sein, um diese Tage bei guter psychischer Gesundheit zu überstehen. Meine Kinder sowie die Vorbereitung auf das bevorstehende Debüt und auch die der nächsten Jahre beschäftigen mich. Obwohl wir derzeit in einem großen Schatten der Unsicherheit leben, weigere ich mich, meinen Optimismus aufzugeben. Ich habe aber auch wie jeder andere Tage, an denen nicht alles so einfach scheint.

Wie bereiten Sie sich auf Ihr Rollendebüt vor?

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Elīna Garanča: In dieser Phase liegt der Schwerpunkt auf dem musikalischen Material. Ich studiere meistens allein, verbringe aber auch ein paar Stunden pro Woche mit meinem Lehrer. 

Der Prozess des ­Verstehens und des Aufbaus eines so komplexen Charakters wie Kundry er­fordert Zeit und Konzentration. Ich wünschte jedoch, ich könnte eines Morgens aufwachen und sagen: „Hey, ich verstehe es jetzt – jetzt bin ich Kundry!“ Und das ist ja das Schöne an meinem Beruf – es ist immer alles im Fluss, jede Inszenierung, jeder Regisseur hat die Möglichkeit, eine Partie anders zu interpretieren.

Mystisches Biest Wagner

Was bedeutet Wagners Musik für Sie?

Elīna Garanča: Wagners Musik war schon immer etwas, zu dem ich mit größter Bewunderung und Respekt aufgeschaut habe. Sie ist ein schönes, mystisches Biest. Nicht viele Sänger sind für Wagners Repertoire geschaffen, und ich bin äußerst dankbar, dass die Entwicklung meiner Stimme sowie meine Reife so weit gediehen sind, dass ich ein neues Wagner-Kapitel öffnen kann. Vor fünfzehn Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages dem großen Wagner noch so nahe kommen würde.

Worin liegt der Unterschied für Sie als Sängerin, wenn Sie Wagner oder Verdi singen? Wie ändern sich die Anforderungen an Ihre Stimme?

Elīna Garanča: Die Werke von Verdi und Wagner sind in ihrer Struktur, ihrer Dramatik und ihrem Klang sehr unterschiedlich. Als Sängerin muss ich meine Stimme sowie das Timbre und die Technik der Musik entsprechend anpassen. Und ich bin sehr dankbar und froh, dass ich vorher Mozart und Belcanto ge­sungen habe, weil man sehr viel davon auch bei Verdi ­einsetzen kann.

Verdi schrieb mit Blick auf die Sänger, bei ihm kann man seine Fähigkeiten präsentieren, die schönen, hochfliegenden Melodien genießen – während Wagner die Sänger als gleichwertig mit einem Orchester ansah und daher mehr Kraft, Ausdauer und Volumen einfordert. Bei Wagner, finde ich, wird die Stimme wie eine Schraube in die Weltuhr eingesetzt. 

Sich Wagners Musik hin- und auch ergeben

Wie findet man sich als Sängerin in dem Wagner-­Universum überhaupt zurecht?

Elīna Garanča: Nun – Richard Wagner hat eine außergewöhnliche, monumenta­le Welt geschaffen, in der er alles gerne an seine Grenzen oder sogar darüber hinaus führt. Und dies kann in Bezug auf körperliche, technische oder emotionale Fähigkeiten sehr anstrengend sein. Um sich zurechtzufinden, ohne sich überfordert zu ­fühlen, muss man sich auf bestimmte Weise der Musik hin- und auch ergeben.

Ich habe lange gebraucht, um Wagners Musik zu lesen und zu intonieren, und ich muss zugeben, dass ich sie nur durch permanentes Wiederholen strukturieren konnte und die Schönheit in schwierigen Intervallen und musikalischen Melodien gefunden habe. Wagner ist nicht jedermanns Sache, man muss Geduld haben und darauf warten, bis die Musik mit einem spricht.

Was ist das Besondere an der Rolle der Kundry?

Elīna Garanča: Kundry ist voller Widersprüche und von unerreichbarer körperlicher und geistiger Schönheit. Sie ist eine wahrhaft magische Kreatur und mit Sicherheit nicht die am einfachsten zu verstehende Frau. Und Kundry ist verflucht, die „Frau des Schicksals“ zu sein.

Timing muss bei Rollenauswahl stimmen

Warum haben Sie bis jetzt noch nie diese Rolle gesungen?

Elīna Garanča: Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Mir wurde diese Partie bis jetzt auch noch nie angeboten. Ich bin normalerweise auch sehr vorsichtig bei der Auswahl meiner Rollen. Wenn das Timing nicht stimmt, dann gibt es so viele Dinge, die unnötig schiefgehen können nur aufgrund dieser einen Entscheidung. Aber jetzt bin ich dazu bereit.

Wie würden Sie Ihren Kindern die Figur der Kundry erklären?

Elīna Garanča: Wahrscheinlich würde ich sie als wunderschöne, unschuldige und gutherzige Frau beschreiben, die im Bann eines Magiers schlechte Dinge tat, die sie gar nicht tun wollte, und dann versuchte sie, alles wiedergutzumachen.

Elīna Garanča lebt mit ihrer Familie in Riga, hat aber auch Wohnsitze in Málaga und Wien.

Foto: SARAH KATHARINA PHOTOGRAPHY

Unbegrenzte Emotionen bei Verdi

Wer steht Ihnen emotional näher: Verdi oder ­Wagner?

Elīna Garanča: Mit Verdi ist es bereits eine langfristige Beziehung, wir lieben einander. Seine Musik ist voller theatralischer Dramatik, und sie ist generell sehr einfach zu mögen. Welcher Sänger würde denn die strahlenden Phrasen und unbegrenzten Emotionen nicht lieben?

Wagner ist für mich noch sehr neu, aber ich bin neugierig, was wir einander alles bieten können. Momentan bin ich sehr gespannt, wie ich diese Frage in zehn Jahren beantworten werde. Es ist aber bereits eine Tendenz absehbar (Lacht.), so, wie ich es auch bei anderen Partien gesehen habe – einmal Wagner, dann immer wieder Wagner. Ich muss jetzt aber kurz festhalten: Ich will auch weiterhin eine Carmen oder Santuzza oder Eboli können – bitte, bitte, bietet mir nicht nur Kundry, Brangäne oder Fricka an. (Lacht.)

Glauben Sie, dass nach Corona, die Welt wieder so sein wird wie vorher?

Elīna Garanča: Ja und nein. Es liegt in unserer Verantwortung, welche Art von Ort wir daraus machen werden. Ich selber habe sehr vieles gelernt und erkannt, was alles vorher in einem gewissen Autopiloten gelaufen ist. Es zeigt sich sehr deutlich, was wir für eine Konsumgesellschaft geworden sind: Wir glauben, wir dürfen alles, wir verdienen alles, und uns gehört alles.

Die verrückteste Opernhandlung, in der Sie je mitgespielt haben?

Elīna Garanča: Ich würde nicht sagen, dass es die Opernhandlungen gewesen sind, sondern vielmehr die Regiekonzepte der jeweiligen Regisseure. Aber nach vier- bis sechswöchiger Arbeit, in der der Regisseur dich gehirngewaschen hat, sind sogar die verrücktesten Sachen am Ende ganz normal.

Mit viel Vorbereitung jemand anderer werden

Woran denken Sie, wenn Sie eine Arie singen – an die Musik oder auch noch an andere Dinge?

Elīna Garanča: Normalerweise versuche ich, eine Verbindung zwischen der Arie oder dem Lied und meinen eigenen Emotionen und Erfahrungen zu finden, oder ich stelle mir etwas völlig Fiktives vor, je nachdem, was ich singe. Opernrollen erfordern viel mehr Vorbereitung, da ich wirklich jemand anderer werden und über Details nachdenken muss: Wie bewegt sich diese Person? Aus welchen Gründen wird sie geliebt oder gehasst. Es ist wie in meinem eigenen Walt-Disney-Studio. Es ist eine Art Software-Programm, das in meinem Kopf abläuft, wo dann Technik mit schönen Bildern ausgestattet wird.

Was ist Ihr Lieblingswitz?

Elīna Garanča: Ein Tourist auf der Straße fragt einen Passanten: „Entschuldigen Sie, wie komme ich zur Oper?“ – Darauf der Passant: „Üben. Ganz viel üben!“

Woran erkennen Sie einen Idioten?

Elīna Garanča: Das ist sehr einfach, er hört nie zu und denkt immer, dass er recht hat.

Was ist das Angenehmste, wenn man berühmt ist?

Elīna Garanča: Dass die ganze Welt mein „Spielplatz“ wurde und ich jetzt mit anderen berühmten Leuten ­arbeiten kann. (Lacht.) Wissen Sie, ich habe mich nie als ­Diva betrachtet, die unrealistische Anforderungen oder verrückte Bedürfnisse hat wie 47 ägyptische Baumwolltücher im Backstagebereich oder einen reinweißen Umkleideraum. Eher das Gegenteil, ich bevorzuge und genieße es, mich wie ein gewöhnlicher Mensch zu fühlen. Aber ich muss zugeben, es fühlt sich gut an, wenn ich am Montag in Paris aufwache und frische Croissants zum Frühstück bekomme, am Donnerstag darf ich dann in Mailand handgefertigte italienische Schuhe ausprobieren und am Samstag den Spaziergang in einem herrlich duftenden, dichten lettischen Wald genießen.

Welche Frage möchten Sie gestellt bekommen?

Elīna Garanča: Ich weiß, es könnte eine Herausforderung sein – die Frage, die ich noch nicht beantwortet habe.

Elīna Garanča blickt auf zwanzig Jahre Bühnenerfahrung zurück

Wie sehr beschäftigt Sie negative Kritik?

Elīna Garanča: Nicht mehr allzu sehr. Ich habe mich als Künstlerin, glaube ich, gefunden, und nach über zwanzig Jahren Bühnenerfahrung weiß ich, was ich von mir selbst erwarten kann. Ich setzte meine eigenen Ziele für mich, und bis jetzt sind sie immer größer gewesen als das, was von mir verlangt wurde. Eine Kritik ist eine subjektive Meinung über deine Qualitäten – was auch sehr viel mit dem eigenen, ganz persönlichen Geschmack des Betrachters und Kritikers zu tun hat. Das muss aber nicht mein Geschmack sein. Ich muss dem Kritiker nicht recht geben, nur weil er über mich schreibt. Am Abend gebe ich immer mein Bestes und das voller Hingabe. Freilich: Wenn mehrere Kritiker das Gleiche sagen, sollte man natürlich hinhören, um dadurch etwas Neues zu lernen und dann besser zu werden. Aber ich denke, es ist völlig un­nötig, sich über Dinge, die nicht wie erwartet gelaufen sind, den Kopf zu zerbrechen. 

Was ist das Schrägste, was Sie je auf einer Bühne machen mussten?

Elīna Garanča: Ich bin bis jetzt von allzu viel Schrägheit verschont geblieben. Bei den Proben kann man vieles ausdiskutieren und auch aus­probieren. Aber es war schon sehr lustig und spannend, in „Carmen“ an der Met auf Händen ge­tragen zu werden und dabei auch zu singen – oder bei der Londoner „Carmen“ auf einem Pferd über die Bühne zu reiten!

Gibt es eine Lebenslage, in der Sie nicht singen können?

Elīna Garanča: Bei dem Verlust einer geliebten Person. Meine Stimme verschließt sich dann, mein Herz ist voll dunkler und schwerer Leere.

Was ist der stärkste Charakterzug, den Sie haben?

Elīna Garanča: Ich bin sehr anpassungsfähig, und sehr wenige Dinge machen mir Angst.

Was mag Ihr Mann, der Dirigent Karel Mark Chichon, am wenigsten an Ihnen?

Elīna Garanča: Ich denke, meine Ungeduld. Ich mag es, wenn sich die Dinge vorwärtsbewegen. (Lacht.) Und mich zu wiederholen hasse ich.

Seelen und Stimmen nur mit Publikum frei

Was ist der Charakterzug, den Sie an Ihrem Mann am meisten schätzen?

Elīna Garanča: Ich werde nie aufhören, seine Hingabe zu bewundern und seine Geduld. Ich sage immer, mein Mann und ich sind wie zwei Hunde: Ich bin der nervige Chihua­hua, der immer rumspringt und bellt und alles infrage stellt. Er ist die Dogge, die das alles im englischen Stil erträgt, bis er genug hat. Dann macht er ein tiefes Wau, und damit ist alles wieder gut.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?

Elīna Garanča: Es ist herzzerreißend, so lange Zeit nicht für ein Livepublikum singen zu können. Für uns Künstler ist es schwierig, zu beschreiben, wie sehr wir die Menschen vermissen. Die Energie, die einem entgegenkommt, wenn man auf die Bühne geht, die macht uns Künstler glücklich. Nur dann, wenn wir das Publikum sehen und spüren, sind auch unsere Seelen und Stimmen frei.

Was ist das Besondere an Ihren Konzerten in Göttweig und Kitzbühel?

Elīna Garanča: Alles ist daran besonders! Es bringt immer mein Herz zum Schmelzen. Als ich vor vierzehn Jahren zum ersten Mal auf dem Balkon von Stift Göttweig stand, hat mich die einzigartige Atmosphäre und Energie des Ortes so sehr berührt, dass ich sofort wusste: Dies ist der Ort, an den ich regelmäßig zurückkehren möchte.

Sie suchen mit Ihrer Aktion „Zukunftsstimmen“ nach neuen Talenten: Was sollten junge Sängerinnen und Sänger außer ihrer Stimme zum Casting mitbringen?

Elīna Garanča: Als junger Sänger musst du erst einmal die Technik beherrschen; wenn du weißt, wie ein Auto fährt, dann kannst du auch bei Regen oder Schnee fahren. Viel wichtiger ist aber die Mischung aus Potenzial und Authentizität. Heutzutage gibt es so viele Wunderkinder mit unglaublichen technischen Fähigkeiten, aber oft bringen diese nicht mehr zustande als eine Abfolge von perfekten lauten und hohen Tönen. Technik ist wichtig, aber eine überzeugende Geschichte voller Emotionen ist viel interessanter. Am Ende macht einen die Virtuosität müde. Irgendwann willst du den Menschen kennenlernen und sehen. Es ist, wie wenn man verliebt ist oder wenn man geliebt wird.

Zur Person: Elīna Garanča

Alter: 44 Jahre, Stimmlage: Mezzosopran Familie: verheiratet, zwei Kinder

Mit 21 hatte sie ihr erstes ­festes Engagement. Sie hat zweimal den Klassik-Echo gewonnen und ist seit 2013 Kammersängerin. Studiert hat der Weltstar zuerst in Lettland, dann in den USA, Amsterdam und Wien.

Aktuelle

Ausstrahlung der Staatsopern-Inszenierung

Die Gesamtaufzeichnung der Premierenproduktion ist am 18. April ab 14.00 Uhr europaweit auf ARTE Concert kostenlos verfügbar und dort für mindestens 30 Tage abrufbar.

Radio Ö1 sendet die Aufzeichnung am 17. April 2021 ab 19.30 Uhr

Auf ORF 2 gibt es am Wochenende einen Parsifal-Schwerpunkt:
Die Sondersendung „Der Fall Parsifal" (17. April 2021, 22.00 Uhr)
Die „Matinee am Sonntag" (18. April 2021, 9.05 Uhr) zeigt Portraits der Protagonisten und Weltstars Jonas Kaufmann und Elina Garanca.
Eine umfassende Berichterstattung im „Kulturmontag" (12. April 2021, 22.30 Uhr)

Aktuelle Infos aus der Wiener Staatsoper

Parsifal in der Wiener Staatsoper

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