Piotr Beczała über moderne Regie und die „Werther“-Premiere

Tenorwitze, Kuchenrezepte und warum Sänger nie in den Genuss ihrer eigenen Stimme kommen. Der Startenor im Talk über Dinge, die er liebt und über die er nachdenkt. 

von Atha Athanasiadis, 11. Januar 2021

Piotr Beczała über moderne Regie und die „Werther“-Premiere
Piotr Beczała im denkmalgeschützten Salon des Almathea Verlags in Wien-­Landstraße. Der Raum dient auch oft als Filmkulisse. Foto: Philipp Schönauer

Beim ersten Lockdown ist Piotr Beczała über abenteuerlichste Wege aus New York zurück in seine Heimat Polen „geflüchtet“. Den zweiten Lockdown erlebte er jetzt in seiner Wohnung in Wien sowie bei Proben zu gleich drei Stücken: der „Werther“-­In­szenierung, dem „Rosenkavalier“ und „Rusalka“. Die „Werther“-Premiere fand am 27. Dezember ohne Publikum in der Wiener Staatsoper statt und wurde am 10. Januar auf ORF III übertragen. Der Stream kann noch bis 16. Jänner abgerufen werden.

Dem Star ist der Stress nicht anzumerken, als wir uns in den denkmalgeschützten Räumlichkeiten des Amalthea Verlags treffen. Es ist ein Gespräch, das mit einer Serie von sehr lustigen Tenorwitzen enden wird. Begonnen hat das Interview aber ganz seriös.

BÜHNE: Sie haben einmal gesagt: „Es ist die größte Tragödie der Sänger, dass sie nie in den Genuss der eigenen ­Stimme kommen.“ Das verstehe ich nicht. Wie oft haben Sie Sänger gesehen, die die Hand am Ohr haben?

Piotr Beczała: Die Hälfte. Aber das bringt gar nichts. Denn das, was man hört, ist ein bereits produzierter Klang, den man mit Gewalt zurückholen will. Man nimmt vom Output etwas zurück, um es zu kontrollieren. Das ist wie eine Rückkoppelung bei einem ­Mikrofon. Man produziert einen Klang, und dieser wird projiziert. Das kann man nicht hören. Wenn man versucht, den Klang zu hören, wird die Projektion gestoppt oder gestört. Die Instrumentalisten haben dieses Problem nicht, weil sie neben ihrem Klangkörper stehen. Sie können das hören, aber wir nicht. Mein Lieblingstenor aus der Vergangenheit, Jean de Reszke, hat die einzige Aufnahme, die es von ihm gab, zerstört. Weil seine Vorstellung von seiner Stimme vollkommen anders war. 

Wie ist das, wenn Sie Ihre Stimme hören?

(Piotr Beczała atmet pfeifend aus.) Na ja. Ich höre sie, weil ich muss. Ich mache eine Aufnahme, und dann erwartet man, dass ich dazu etwas sage. Aber ich empfinde meine Stimme als einen Fremdklang. Wenn ich einen Mitschnitt einer meiner Aufführungen höre, dann denke ich mir nur, was ich anders hätte machen können. Nicht besser, sondern anders. Weil es ist ja bereits ver­sendet, da kann man gar nichts mehr ­machen. Man muss deshalb das Handwerk so gut beherrschen, dass man überhaupt nicht nachdenken muss, ob der Klang sauber ist oder gesund oder schwingend oder ob die Farbe passt. 

Zurück zur Wiener Staatsoper: Sie treffen­ hier auf einige alte Bekannte wie etwa ­Sergio Morabito, der Sie seit Jahren begleitet – und der auch für ein Regie­theater steht, das Sie gar nicht so sehr mögen.

Wir ­haben uns beim „Maskenball“ kennengelernt, und wie immer bei etwas komischeren Inszenierungen musste ich ein bisschen eingreifen, aber das hat gut funktioniert. Wir haben uns dann wieder bei „Rusalka“ getroffen, einer Inszenierung für die Salzburger Festspiele, für die ich auch Preise ­bekommen habe. 

„Ich habe keine Probleme mit schrägen Insze­nierungen. Aber ich habe eine rote ­Linie, die ich bei Festivals auch einmal überschreite.“

Piotr Beczała

Ist das auch der Grund dafür, dass Sie so gerne in den USA singen, wo kaum die Gefahr besteht, dass Sie bei ausgeflippten Inszenierungen mitmachen müssen?

Ich habe keine Probleme mit schrägen Insze­nierungen. Aber ich habe eine rote ­Linie, die ich bei Festivals auch einmal überschreite. Es ist wie beim Essen. In den USA schmeckt alles gleich, es gibt große Portionen, ohne Chichi. In Europa gibt es mehr Haute Cuisine. Die moderne Regie ist in extremen Fällen wie Molekularküche, Steaks schmecken wie Gurken und umgekehrt, dazu gibt es Lachsforellenbällchen und so weiter. Ab und zu als Abenteuer ist das in Ordnung. Man kann sich aber nicht jeden Tag davon ernähren. Entweder wird man verrückt, oder man verhungert.

Mir hat eine Mitarbeiterin der ­Wiener Staatsoper erzählt, dass Sie immer selbst gebackenen Kuchen mitbringen.

Ja, das ist ein Hobby von mir. Schon als Kind war ich die Küchenmaschine meiner Mama – der Chefkneter. Ich backe auch immer gleich mindestens vier Bleche. Man könnte es zwar auch reduzieren, aber bei Hefe­teig muss es einfach eine gewisse Menge sein, denn sonst macht das keinen Spaß. Unter zwei Blechen geht nichts. Mohnstrudel ist meine Spezialität.

Der Tenor Georges Thill hat gesagt, dass man „Werther“ nicht interpretieren, sondern nur singen kann.

Ich gebe ihm nur bedingt recht. Alles muss man interpre­tieren. Bei „Werther“ muss man viele verschiedene Farben finden, bei Verdi muss man nur einen guten Klang ­produzieren und diesen dann den Abend über halten. Bei „Werther“ wechselt die Stimmung so oft, von Phrase zu Phrase. Gesang ist immer grundlegend zu verstehen: Die Technik ist dafür da, dass man sie nützt. Nur mit Expressivität geht wenig.

Es gibt jetzt auch wieder einen Musik­direktor an der Staatsoper …

Das finde ich sehr wichtig. Die Philhar­moniker sind das beste Orchester, aber auch das braucht einen Chef.

„Unterwürfigkeit interessiert mich nicht, genauso wenig wie divenhaftes Verhalten.“

Piotr Beczała

Ich finde, man hört es, wenn Dirigen­ten vom Format eines ­Philippe Jordan dirigieren.

Das ist richtig. Man sieht es an der Körperhaltung der Musiker – wie sie im Orchestergraben sitzen –, ob es Probleme gibt oder nicht. Die Qualität ist anders, wenn die Disziplin da ist und der Respekt vor dem Dirigenten. 

Bogdan Roščić hat sich im Gegensatz zu anderen Direktoren aber freiwillig mit starken Persönlichkeiten wie Jordan, Schläpfer oder Morabito umgeben.

Das ist gut. Dieses Umgeben mit Mittelmaß kommt aus der Politik. Es ist besser, wenn man in einem Kreis von starken Persönlichkeiten Dinge ausdiskutiert. Das Resultat ist einfach besser. Unterwürfigkeit interessiert mich nicht, genauso wenig wie divenhaftes Verhalten. Ich mag Dirigenten, die von sich sagen, sie seien nur Kapell­meister – die aber in Wirklichkeit die absolute Spitze sind. 

Die Stimme ist ein sehr fragiles Instrument. Hat man als Sänger Angst vor der Endlichkeit dieses Muskels?

Man muss sehr klug mit seine Kräften umgehen, das versuche ich. Aber man darf sich mit solchen Gedanken nicht zu sehr beschäftigen, weil man dann automatisch auf die Bremse steigt. Man muss die Stimme laufen lassen und auch fordern.

Was ist das Verrückteste, das Ihnen je auf der Bühne passiert ist?

Es war in Barcelona. Ich singe eine Arie, und eine Fliege wollte in meinem Mund einparken. Nach einer Minute hat der ganze Chor meinen Kampf mit der Fliege beob­achtet. In der zweiten Strophe habe ich sie dann zu fangen versucht. Und beim letzten Wort habe ich sie zerquetscht.

Man hat mir erzählt, dass Sie Witze über Tenöre lieben …

Das stimmt. Mein Lieblingswitz ist ja eher eine Frage: Wie bekommt man das Gehirn eines Tenors auf Erbsengröße? Die Antwort: indem man es aufbläst.

Zur Person: Piotr Beczała

Der lyrische Tenor hat Wohnsitze in Polen, New York, Wien und der Schweiz. Gerade eben hat er seine ­Biografie ve­r­öffentlicht und Corona überstanden. Er ist seit über zwanzig Jahren mit ­seiner Frau Katarzyna ­verheiratet. Zu seinen engsten Freunden ­gehört Anna Netrebko.

„Werther“ in der ORF-Mediathek

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