Sarah ­Viktoria Frick: Vom Entwickeln der eigenen Sprache

Seit elf Jahren ist Sarah ­Viktoria Frick im Ensemble des Burgtheaters. Eine Zeit, in der sie gelernt hat, was den Zauber des Theaters für sie ausmacht.

von Sarah Wetzlmayr, 4. Januar 2021

Sarah ­Viktoria Frick: Vom Entwickeln der eigenen Sprache
In Maria Lazars „Der Henker“ stattet sie einem zum Tode verurteilten Mörder (Itay Tiran) einen verführerischen Besuch ab. Foto: Matthias Horn

Auf all den verschiedenen Plattformen, die das Internet zu bieten hat, sucht man die in Liechtenstein geborene Schauspielerin Sarah Viktoria Frick vergebens. Man findet sie weder auf Facebook noch auf Instagram. Oder einem der vielen anderen Kanäle zur Darstellung dessen, was gemeinhin so unter den Begriff „Leben“ fällt. „Mich würde das viel zu sehr stressen, weil ich permanent das Gefühl hätte, auf alles immer sofort reagieren zu müssen“, erklärt sie. Für die BÜHNE macht die Schauspielerin eine Ausnahme, denn wir treffen uns, der Situation geschuldet, für unser Gespräch im Netz.

Zweimal Nestroypreis gewonnen

Das Thema „Internetpräsenz“ überlässt Sarah Viktoria Frick also lieber anderen; dafür ist sie Expertin, wenn es um Bühnenpräsenz geht. Das konnte sie schon in einer ganzen Reihe an Inszenierungen eindrucksvoll unter Beweis stellen. Auch an ihre allererste Rolle am Burgtheater erinnert sie sich noch gut: „Das war vor elf Jahren in Dea Lohers Stück ‚Adam Geist‘, einer Produktion, die David Bösch inszeniert hat.“

Den deutschen Theaterregisseur kennt sie seit ihrer gemeinsamen Stu­dienzeit in Zürich, seither war sie in vielen seiner Inszenierungen zu sehen. „Ich habe erst vor kurzem wieder an das Stück gedacht, weil ich für ‚antigone. ein requiem‘ neuerlich mit Branko Samarovski auf der Bühne gestanden bin. Wie so oft schon“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu. „Es ist natürlich ein Geschenk, wenn man mit so tollen Leuten einen längeren gemeinsamen Weg zurücklegen darf.“

Als Nächstes wäre für Sarah Viktoria Frick, die im Laufe ihrer Karriere schon zweimal mit dem renommierten Nestroypreis ausgezeichnet wurde, eigentlich „Richard II.“ in der Inszenie­rung von Johan Simons auf dem Pro­gramm gestanden. Die Premiere wurde zwar verschoben. Mit ihrer Rolle als Henry Bolingbroke konnte sie sich während der Proben aber schon intensiv auseinandersetzen. 

In einem starren weißen Kleid trotzt Sarah Viktoria Frick in Thalheimers Inszenierung der „Maria Magdalena“ der dunklen Welt um sie herum. Foto: Georg Soulek

Herzblut und Intuition bei Sarah Viktoria Frick

Wenn sie über ihre Arbeit mit dem nieder­ländischen Theater- und Opern­regisseur redet, gerät sie ins Schwärmen: „Johan Simons ist ein Künstler. Er macht Theater mit sehr viel Herzblut und kluger Intuition.“ Warum ihr diese Heran­gehensweise entgegenkommt, wird schnell klar, wenn man sich mit der Schauspielerin über ihre Arbeit unterhält: Herzblut und Leidenschaft für ihren Beruf bringt nämlich auch Sarah Viktoria Frick im Übermaß mit.

Den engen, quadratischen Rahmen eines Ins­tagram-Postings würde sie damit auf jeden Fall schnell sprengen. „Wenn ich etwas mache, sollten schon 100 Prozent drin sein, sonst kann man es auch lassen“, sagt sie und wirkt dabei ebenso überzeugend wie in ihren Theater­rollen.

Ein seltener Moment, in dem sich Bühnenpräsenz und Internetpräsenz einander annähern, und ein Stunt, der wohl auch nur dann gelingt, wenn man Sarah Viktoria Frick heißt. „Ich bin auch dafür, dass man mal etwas gegen die Wand fahren darf. Besser, man geht Risiken ein. Ich will das, was ich mache, gut finden. Man darf es nie allen recht machen wollen“, bringt sie ihre Einstellung gewohnt offenherzig auf den Punkt.

Mit allem Nachdruck fordert Sarah Viktoria Frick in Thomas Köcks Rekomposition des klassischen
Antigone-Stoffes die Bestattung der vielen an den Strand gespülten Leichen. Foto: Matthias Horn

Damit Sarah Viktoria Frick bei einer Produktion hundert Prozent geben kann, müssen sie aber mindestens zwei Sachen daran fesseln. Und es muss insgesamt für sie stimmig sein. „Sonst geht nur der Lappen hoch, und ich habe Geld verdient. Das wäre mir dann sogar richtig peinlich, und ich könnte meinen beiden Söhnen gegenüber nicht rechtfertigen, warum ich sie heute Abend nicht ins Bett bringe. Sie sollen wissen, dass es ein Privileg ist, eine Arbeit ausüben zu können, die man liebt und dass es erstrebenswert ist, so eine zu suchen“, erklärt sie und fügt auch gleich hinzu, dass es alles andere als selbstverständlich ist, in so einer Position zu sein. 

Eigene Sprache, eigene Regeln

Während man im ganz normalen Leben abseits der Bühnen und Theatern viele Dinge einfach mitmachen muss, auch wenn man sie eigentlich als viel zu schnelllebig empfindet, gelten in jenen Welten, die durch Theaterstücke eröffnet werden, ganz eigene Gesetze. „Das Theater kann eine eigene Welt erschaffen mit einer eigenen Sprache, eigenen Spielregeln, eigenen Verhaltensregeln. Beim Publikum entsteht dann im Idealfall eine eigene Logik. Johan Simons hat ein großes Talent für solche eigensinnigen Selbstverständlichkeiten. Es ist richtig und wichtig, dass Spielregeln immer wieder neu definiert werden. Das gilt für jede Welt“, so die Wahl-Wienerin.

Dass dieser Zauber in diversen digitalen Formaten ganz sicher nicht entstehen kann, verlangt kaum nach einer eingehenderen Erklärung. Es ist also Zeit, anzuerkennen, dass die beiden Begriffe „Internet“ und „Präsenz“ einfach nicht zusammengehören. Außer freilich, man trifft sich mit der großartigen Schauspielerin Sarah Viktoria Frick in einem Video-Call. 

„Zruckbliebn bist!“, schreien die Eltern ihre behinderte Tochter Beppi gleich zu Beginn des Stücks „Stallerhof“ an. Foto: Anna Stöcher

Zur Person: Sarah Viktoria Frick

Die 38-jährige Schauspielerin, die mit sechzehn die Schule abbrach, um sich an verschiedenen Schauspielschulen zu bewerben, lernte während ihrer Ausbildung in Zürich David Bösch kennen, der damals gerade sein Regiestudium absolvierte. Seither verbindet die beiden eine intensive Zusammenarbeit. 

Informationen zu Richard II

Weiterlesen: Jan Bülow: Der Popstar des Burgtheaters