Marie-Luise Stockinger über „Das Himmelszelt“ und die weibliche Perspektive im Theater

In Lucy Kirkwoods Stück „Das Himmelszelt“ ist Marie-Luise Stockinger Teil eines fast ausschließlich weiblichen Ensembles.

von Sarah Wetzlmayr, 26. September 2020

Marie-Luise Stockinger über „Das Himmelszelt“ und die weibliche Perspektive im Theater
Marie-Luise Stockinger Foto: Marcella Ruiz Cruz

In Lucy Kirkwoods Stück „Das Himmelszelt“ ist Marie-Luise Stockinger Teil eines fast ausschließlich weiblichen Ensembles. In der Rolle der Sally tötet sie ein Mädchen und muss sich anschließend dem Urteil einer Matronenjury stellen. Obwohl das Stück im Jahr 1759 spielt, könnten
viele der Themen, die darin vorkommen, nicht aktueller sein.

Das Himmelszelt von Lucy Kirkwood hat am Sonntag im Wiener Burgtheater Premiere.

BÜHNE: Sally Körper steht ja im Mittelpunkt des Stücks. Was macht das mit der Rolle?

Marie-Luise Stockinger: Ihr Köper ist Gemeingut , ein Spielplatz der Männer, der Gesellschaft, die sie umgibt. Ihr wird in jeder möglichen Form Gewalt angetan. Und dann wird sie moralisch abgestraft. Ein perfides System der doppelten Stigmatisierung. Sie geht jedoch nicht ins innere Exil. Sie greift das System dieser Dorfgesellschaft an. Indem sie den geschütztesten Körper darin tötet: den eines kleinen Mädchens. Sie setzt ein Fanal.

Können Sie das noch etwas genauer ausführen?

Marie-Luise Stockinger: Der Mord an dem Mädchen ist ein Attentat auf das bestehende System, ein Akt der Emanzipation, ein Befreiungsschlag aus der Unterdrückung. Das Opfer ist die Tochter des einflussreichsten Mannes der Stadt: ein Harvey Weinstein-, Jeffrey Epstein- Charakter. Anschließend läuft Sally mit einem Haarzopf als Trophäe, einem blutigen Kleid und einem Hammer durch die Stadt.

Für die Frauen, die gemeinsam im Gericht eingesperrt werden, um als Matronenjury ein Urteil zu fällen, ist es wie eine Stunde Null. Durch Sally erkennen sie die Matrix der Welt, in der sie leben. Es geht also nicht nur um schwanger oder nicht schwanger, um schuldig oder nicht schuldig, sondern um das Unrecht das ausgeübt wird, das für diese Frauen ein gemeinsames Unrecht ist.

In Lucy Kirkwoods Stück steht ein fast ausschließlich weibliches Ensemble auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Neben Marie-Luise Stockinger sind unter anderen Sophie von Kessel, Barbara Petritsch, Stefanie Dvorak, Sabine Haupt und Stacyian Jackson zu sehen.

Foto: Marcella Ruiz Cruz

„All female sollte keine Ausnahmeerscheinung mehr sein.“

Erinnern Sie sich noch an Ihre Gedanken beim ersten Lesen des Stücks?

Marie-Luise Stockinger: Das Stück kommt anfangs unverfänglich, niedlich daher. Ein Kniff. Schrauben werden gesetzt, die brutal eingedreht werden. Beinhart wird dann durchexerziert, wie eine Frau durch ein Rechtssystem gejagt wird, das nicht für ihr Geschlecht gemacht wurde.

Das Stück wird ja von einem fast ausschließlich weiblichen Ensemble gespielt. War das für Sie eine neue Erfahrung?

Marie-Luise Stockinger: Eigentlich will ich nicht darüber sprechen, dass wir „all or almost female“ sind, weil das keine Ausnahmeerscheinung mehr sein sollte. Und zugleich, spüre ich eine andere Beobachtung und Erwartungshaltung, die auch nervt. Eine schizophrene Situation.

„Es geht um das weibliche Zuhause, um unseren Körper, der so lange von Männern beschriftet und verhandelt wurde.“

Fänden Sie es richtig, wenn ein Mann bei diesem Stück Regie führt?

Marie-Luise Stockinger: Richtig? – Warum? Nein. Es geht um das weibliche Zuhause, um unseren Körper, der so lange von Männern beschriftet und verhandelt wurde. Jede von uns auf der Bühne ist da auch in einer Form persönlich anwesend. Wer bestimmt unser Narrativ? Im Beruf? Im Öffentlichen? Im Privaten? Und warum? Und wie holt man sich das Narrativ zurück? Mit solchen Fragen müssen wir untereinander unbequem, schonungslos sein. Punkt.

Leider werden die Geschichten von Frauen immer noch viel zu selten erzählt …

Marie-Luise Stockinger: In der Vergangenheit hatten einfach viel mehr Männer die Chance zu schreiben. Dadurch gibt es weniger Frauenrollen, Frauenperspektiven. But they are coming. Und sie sind schon da. Man sehe sich die Neuerscheinungen der letzten Jahre an.

Marie-Luise Stockinger in „Das Himmelszelt“. Foto: Marcella Ruiz Cruz

„Ich als Frau muss lernen mich zu wehren.“

Frauen wird ja häufig vorgeworfen, sie würden einander nicht unterstützen. Wie sehen Sie das?

Marie-Luise Stockinger: Es gibt eine Bilderreihe von der Malerin Miriam Cahn „Mir zuschauen beim Lachen“. Sie beschreibt ein Phänomen. Einer Frau passiert etwas Unangenehmes und wir – Frauen- lachen. Für sie ist es aber kein Lachen, sondern ein Zähne zeigen, wie bei Tieren, die Lefzen werden gefletscht und dann wirft man sich doch auf den Rücken und ergibt sich dem Stärkeren. Ich als Frau muss lernen mich zu wehren. Mich mit anderen zu verbinden, um dann Missstände anzusprechen, die mich als Einzelne isoliert halten.

Sie waren schon oft die jüngste Schauspielerin im Ensemble. Wie geht es Ihnen damit?

Marie-Luise Stockinger: Gerade beginnt meine sechste Saison am Burgtheater, an Erfahrungen fühle ich mich nicht mehr so jung. Am Anfang war ich überzeugt, ich muss mir eine Rüstung zulegen, cool und nicht verletzbar sein. Das ist aber das Letzte, was mich am Theater interessiert. Berührbar bleiben. Und unruhig.

„Himmelszelt“ am Burgtheater

Voraufführung am 26. September, 20:00
Premiere am 27. September, 19:00
29. September, 19:30
30. September, 19:30

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