Theater der Jugend: Diversität als Priorität

Diversität wird im Theater der Jugend großgeschrieben. Hinter den Kulissen und auf der Bühne. Vom kleinen dicken Ritter bis zu Quasimodo. Und das ist gut so.

Salopp könnte man auch Vielfalt sagen. Alter, ethnische Herkunft, Geschlecht und Geschlechtsidentität, Religion, Weltanschauung oder sexuelle Orientierung: All diese Ebenen berühren die Diversität von Menschen. Ein interpersonelles Minenfeld, auf dem durch Fehlverhalten schon manche Bombe hochging. Auch in der Welt von Kunst und Kultur – und das nicht erst seit #metoo. Das Theater der Jugend hat sich nun einen Diversitätsberater an die Seite gestellt. 

„Dabei geht es um jegliche Form von Diskriminierung und die Frage, wie wir dem vorbeugen und Machtstrukturen hinterfragen können. Ein Diversitäts­beauftragter ist idealerweise nicht am Haus selbst tätig, sondern ausgelagert, sodass sich jede:r, der oder die sich ungerecht behandelt fühlt, vertrauensvoll an ihn wenden kann.“ 

Es handle sich dabei um einen Arbeitspsychologen, der eine große Anzahl von Menschen in unterschiedlichen Betrieben vertrete, konkretisiert Gerald Maria Bauer, Chefdramaturg und stellvertretender künstlerischer Leiter des Theaters der Jugend. „Ihm ist, was die Arbeitswelt betrifft, wirklich kein Konflikt fremd.“ Man müsse überkommene Positionen infrage stellen, auch an sich selber, ist Thomas Birkmeir überzeugt. „Insofern ist das ein Thema, das wirklich Sinn ergibt.“ Umso mehr, als Menschen aus etwa fünfzehn Nationen am Haus beschäftigt seien, die allesamt ein Recht darauf hätten, nicht diskriminiert zu werden. Auch nicht im Scherz. 

Vielfalt bedeutet auch, eine klassische Jungenrolle wie in „Tom & Huck“ ­bewusst mit einem Mädchen zu besetzen. Oder Stücke zu spielen, die jungen Leuten, welche nicht einer vermeintlichen Norm entsprechen, Mut machen. Und darin ist das Theater der Jugend immer schon besonders gut gewesen. 

Dicke Ritter. Starke Mädchen.

Auch in der Spielzeit 2021/22 wird sich daran nichts ändern. Acht Stücke stehen auf dem Plan – alle mit diversen Charakteren und spannenden Konflikten. 

Den Anfang im Renaissancetheater macht am 12. Oktober „Der kleine dicke Ritter“. Thomas Birkmeir liebt das Stück aus den 1960er-Jahren wegen seines anarchischen Monty-Python-Humors. „Ein kleiner dicker Ritter wird auf eine Insel geschickt, um die dortigen Strukturen zu verändern. Er stellt die autarke Macht des Herrschers infrage und stürzt diesen am Ende.“ Dass der Ritter dick ist, sei kein Thema. „Er möchte gar nicht abnehmen, sondern ist mit seinem Körper glücklich“, so Gerald Maria Bauer. Wenn das kein Statement ist. 

Am 14. Dezember feiert „Anne auf Green Gables“ in der Inszenierung von Thomas Birkmeir Premiere. Ein Lieblingsbuch von Astrid Lindgren, das der Regisseur „die amerikanische Heidi“ nennt. „Wesentlicher Bestandteil der Geschichte ist ein starkes, selbstidentes Mädchen, das auch heute noch als role model dient.“ 

„Amadé und Antoinette“ kann man ab 18. Februar 2022 sehen, ein Stück, das Direktor Birkmeir vor fast zwanzig Jahren verfasst hat. Es basiert darauf, dass Wolfgang Amadeus Mozart bei seinem Konzert für Maria Theresia auch deren Tochter Marie Antoinette kennenlernte und ihr die Ehe in Aussicht stellte. „So ist es überliefert, auch wenn es dann anders gekommen ist. Daraus entspinnt sich eine abenteuerliche Geschichte mit viel Lokalkolorit“, freut sich Thomas Birkmeir auf die Neuinszenierung von Nicole Weber. 

Ein Leben ohne Schatten

„Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ über einen jungen Mann, der seinen Schatten verkauft, hat in der Inszenierung von Gerald Maria Bauer am 1. April 2022 Premiere. Dass es aufgrund der Pandemie verschoben werden musste, habe dem Stück gutgetan. „Es war ein Glück, dass ich noch einmal auf dieses Thema schauen durfte. Ursprünglich war es ein Kinderstück, jetzt ist es eines für
11- bis 99-Jährige“, so Gerald Maria Bauer. „Die Frage: Was braucht ein Mensch, um existieren zu können?, kann für Ältere radikaler beantwortet werden.“ 

Das Finale im Renaissancetheater bildet ab 20. Mai 2022 „Das große Shakespeare-Abenteuer“, das schon 2020 einige wenige Aufführungen erleben durfte. 

Genauso wie „Der Glöckner von ­Notre Dame“, mit dem das Theater im Zentrum in der Regie von Jethro Compton am 19. Oktober in die Saison startet. Victor Hugos Sittengemälde, in dem der missgestaltete Glöckner Quasimodo und die Zigeunerin Esmeralda als gesellschaftliche Außenseiter im Zentrum agieren, fasziniert seit beinahe 200 Jahren. Diversität im besten Wortsinn. 

Foto: Rita Newman

Krönender Abschluss: „Supergute Tage“

Ab 14. Jänner 2022 können Jugendliche und Erwachsene Homers „Die Abenteuer des Odysseus“ nacherleben. „Körperliches, kraftvolles Theater mit fantastischen Bildern, in dem der Vater-
Sohn-Konflikt im Mittelpunkt steht“, so Gerald Maria Bauer. 

Krönender Abschluss hier: „Supergute Tage“, ab 26. April 2022, besser bekannt unter dem Originaltitel „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“. Die Geschichte eines Außenseiters, der sich menschlichen Gefühlen anzunähern versucht, indem er Krimis liest. Und schließlich selber in einem solchen landet.

Um auch 2021/22 situationselastisch auf eventuelle behördliche Vorschriften reagieren zu können, hat das Theater der Jugend das ABOflexibel entwickelt: Die Abonennt:innen erhalten die Karten der jeweiligen Kategorie unter dem Jahr und bezahlen diese auch erst kurz vor dem Theaterbesuch statt, wie bisher, gesamt im Herbst. 

Foto: Rita Newman

Zur Person: Thomas Birkmeir

Zunächst als Schauspieler aktiv, machte sich der Münchner als Regisseur an zahlreichen Häusern wie der Staatsoper Wien oder dem Thalia Theater Hamburg einen Namen. Seit 2002 künstlerischer Direktor des Theaters der Jugend. 

Zur Person: Gerald Maria Bauer

Der studierte Philosoph, Theater- und Musikwissenschaftler war u. a. bei den Wiener Festwochen, beim Steirischen Herbst und am Schlossparktheater Berlin engagiert. Seit 2002 ist er stv. künstlerischer Leiter und Chefdramaturg des TdJ. 

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Nähere Infos finden Interessierte auf der Homepage des Theaters

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