Wer gewohnt war, die Abende in Gesellschaft zu verbringen, wurde während der Pandemie gezwungen, tief in den eigenen Lebenswandel einzugreifen. Ich habe stumme Gesellschaft gefunden.

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Wie Millionen andere Menschen habe ich auf YouTube Lehrgänge absolviert: Wie baut man eine Gitarre? Wie renoviert man eine verrostete Axt? Wie restauriert man die geliebten alten Schuhe? Wie bastelt man aus Plastikflaschen, Fahrradreifen, Büroklammern brauchbare Dinge? Wie schleife ich meine Messer richtig?

Ich gebe zu, ich bin begeistert. Nicht selten saß ich bis spät in die Nacht vor meinem Laptop. Die schlauen Damen und Herren, die mir mit dem Hochladen ihrer Videos diese Freude bereiteten, leben auf der ganzen Welt verstreut, sie sprechen Sprachen, von denen ich keine Ahnung habe – ich verstehe sie dennoch. Warum? Die Beiträge sind als Stummfilme gestaltet. Sie haben eine eigene neue, unvergleichliche Ästhetik. Irgendwann, da bin ich mir sicher, werden darüber Dissertationen geschrieben, in Ausstellungen wird man ausgewählte Beiträge besichtigen können. Es werden keine mündlichen oder schriftlichen Bastelanleitungen gegeben, die Bilder erklären alles. Vom Akteur oder der Akteurin sieht man meistens nur die Hände. Ja, ich denke, daraus ließe sich eine neue Art der Kunst kreieren, eine Wiederentdeckung und Erneuerung des klassischen Stummfilms.

Charlie Chaplin und der Tonfilm

Charlie Chaplin war lange überzeugt, der Tonfilm würde sich nicht durchsetzen, und als er es dann doch tat, meinte er, das werde wieder vorübergehen, Produzenten und Publikum würden einsehen, dass der Film eine Kunstform ist, die man nicht auf eine Sprache einengen soll, sei’s Englisch oder Deutsch, Spanisch oder Russisch. Zum ersten Mal ließ er in dem Film „Modern Times“ eine menschliche Stimme erklingen, sehr sparsam vorerst, und er spielte auch mit Geräuschen, zum Beispiel in der lustigen Szene, in der Charlie neben einer vornehmen Dame sitzt, die mit Bauchgurgeln kämpft. Fast könnte man meinen, er hat sich über den Ton im Film lustig gemacht.

Für Chaplin war der Film in erster Linie nicht eine Weiterführung des klassischen Bühnendramas, also der Literatur, er sah die Stammwurzel des Films in der Fotografie und der Malerei. Schon in seiner frühen Jugend, als er in der Theatertruppe des legendären Fred Karno auftrat, brillierte er als Pantomime. Er brauchte keinen Text, ebenso wenig, wie die Mona Lisa von Leonardo da Vinci einen Text braucht. Kintopp, das sind Bilder, die sich bewegen, und nicht Münder, die sprechen, soll er gesagt haben.

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Der Stummfilm wird auf der ganzen Welt verstanden, vorausgesetzt, die Schauspieler können ihre Mimik und Gestik so einsetzen, dass Gesprochenes überflüssig wird. Der Film und die Musik sind universale Künste. Einen Sprechfilm in andere Sprachen zu übersetzen und die Worte einem anderen Schauspieler in den Mund zu legen wären ihm als eine Absurdität erschienen. Noch heute drehen die großen Studios in Amerika lieber einen Film nach, als dass sie einen fremdsprachigen synchronisieren. „The Great Dictator“ war der erste Film, den Chaplin als Tonfilm inszenierte. Er wollte damit einen Beitrag im Kampf gegen Hitler und den Nationalsozialismus leisten und war wohl zur Auffassung gelangt, dies könne allein mit der Kraft der Bilder nicht geschafft werden. Die großartigsten Szenen aber sind stumm. Denken wir an jene, als Hannah beim Friseur, gespielt von Chaplin, sitzt, sie ist verliebt, er ist verliebt, sie unterhalten sich ein wenig, während er sie einseift und rasiert. Oder die vielleicht berühmteste Szene, als der Diktator Hynkel, ebenfalls gespielt von Chaplin, mit der Weltkugel jongliert, einem Luftballon, bis der schließlich zerplatzt.

Die Emanzipation der Dinge

Chaplin behielt nicht recht, und als er das einsah und beim Tonfilm mitmachen wollte, wurden seine Filme – nein, schlecht wurden sie nicht, aber längst nicht mehr so gut wie die alten. In den Filmen auf YouTube – die meisten sind nicht länger als zehn Minuten, manche aber auch eine Stunde oder sogar länger – begegnete mir etwas Neues. Nämlich die Emanzipation der Dinge. Schon vor über dreißig Jahren konstatierte der Medienphilosoph Vilém Flusser, dass die Undinge in unserem Leben die Dinge zu verdrängen beginnen. Die Dinge, deren Aufgabe es gewesen war, eine stabile Umgebung für uns Menschen zu schaffen; die uns Partner waren – oder Widersacher, etwa in den frühen Filmen von Charlie Chaplin, eigentlich in den meisten Slapstickkomödien –, die Dinge sind nicht mehr eigenständig, sie sind nicht mehr, was sie sind, sie werden zu bloßen Trägern von Informationen. Sehr deutlich wird diese „Entseelung“ der Dinge, wenn sie in einem 3D-Drucker hergestellt werden.

Das ist kein Ding mehr, das ist die materialisierte Idee eines Dings – Flusser nennt dieses Gebilde das Unding; er war ein Visionär, den 3D-Drucker gab es damals noch nicht. In den erwähnten Filmen auf YouTube gewinnen die Dinge ihre eigentliche Bestimmung zurück, ihre Würde. Sie sind die Hauptdarsteller. Die Hände, die sich an ihnen zu schaffen machen, sind Komparsen. Da fällt einem ein, was man schon fast vergessen hat, nämlich dass die Würde der Dinge in ihrer Schönheit liegt. Eine Idee kann nur in einer Metapher als schön bezeichnet werden, denn Schönheit appelliert an unsere Sinne; eine Idee riecht nach nichts, schmeckt nach nichts, noch kann man sie hören, und ein Angesicht hat sie auch nicht.

Die Mühen der Hände

Ich schaue mir an, wie ein unansehnliches Ding – mit Fantasie kann man eine Schere erkennen – restauriert wird, wie erst der Rost abgebürstet, dann das blanke Metall herausgeschliffen, wie der Bolzen zwischen den Schenkeln erneuert wird, mit Mühe und Sorgfalt, mit Liebe.

Ich sehe kundige Hände, die halten nach einer halben Stunde eine blinkende Schere in die Kamera. Das ist keine perfekte Schere, ich erkenne die Schrunden, es sind die Altersfalten des Metalls – das Ding ist wunderschön. Sicher haben sich die Hände einige Tage um das Ding bemüht. Im Internet bestellt, hätte eine neue Schere nur wenige Euro gekostet. Aber darauf war es nie angekommen.