Die Oberspielleiterin der Staatsoper als Krisenmanagerin am Bühnenrand

Diese Frau hat das Repertoire der Wiener Staatsoper im Kopf: Oberspielleiterin Katharina Strommer ist zugleich historische Expertin und lösungsorientierte Praktikerin.

von Julia Schilly, 2. Mai 2021

Die Oberspielleiterin der Staatsoper als Krisenmanagerin am Bühnenrand
Oberspielleiterin Katharina Strommer kennt nach 17 Jahren beinahe jeden Winkel der Wiener Staatsoper. Hier sitzt sie auf der Bühne, die gerade umgebaut wird. Foto: Peter Mayr

Schnell. Ein Eigenschaftswort, das auf Katharina Strommer zutrifft. Aber es wäre viel zu kurz gefasst, die Oberspielleiterin der Wiener Staatsoper und ihre Arbeit nur mit einem Wort zu beschreiben. Alles, was man auf der Bühne sieht und nicht mit Musik zu tun hat, fällt in die Verantwortung der 39-Jährigen. In einer Spielzeit stehen rund 350 Vorstellungen auf dem Spielplan. Damit alles – zumindest für die Augen des ­Publikums – glatt läuft, braucht es jemanden wie Strommer, mit akribischem Wissen und einem Zug zum Tor. Probleme werden bei ihr nicht endlos zerredet, sondern sofort gelöst: notfalls am Bühnenrand während einer laufenden Vorstellung.

Diese Schnelligkeit zeigt die Nieder­österreicherin auch beim ­coronakonformen Spaziergang rund um das Haus am Ring. Mit Strommers Geh- und Sprechtempo muss man erst mal Schritt halten können. Interviews im Sprinttempo anstatt gemütlich bei einem Kaffee. Diese endlose Pandemie macht wenigstens fit. Als Oberspiel­leiterin vereint sie die ­sieben ­Regieassistenten unter sich. „Und ich ­bewache die Repertoire­pflege“, ergänzt Strommer. Das macht sie mit großer Leidenschaft fürs Detail: Dazu gehört, dass die alten Inszenierungen genau so bleiben, wie sie konzipiert wurden. Bei den neuen Produktionen ist ­Strommer ebenfalls involviert: „Dann weiß ich gleich, wie es geht – für die Zukunft.“ Bei rund 50 Stücken hat Strommer bereits ­assistiert, bei vielen ist es schon die zweite oder dritte Produktion. „Wenn ich einmal selber dabei war, habe ich die Opern im Prinzip im Kopf“, sagt sie.

Rote Lippen und unrasierte Männer

In Wahrheit fällt aber viel mehr als Regieassistenz in den Bereich einer Oberspielleiterin an einem Haus wie der Staatsoper. Vom Licht bis zur Perücke: Es gibt zwar für alles eine Abteilung und rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, „am Ende muss aber ich die Antwort geben, wenn etwas nicht funktioniert“, sagt Strommer. Denn primär ist, die Stücke im Sinne der Zeit, des Konzepts oder des Regisseurs weiterzu­tragen. „Das ist mein Job. Da geht es gar nicht darum, ob das meinen eigenen Geschmack trifft“, sagt sie und ergänzt: „Wir sind halt in der Wiener Staatsoper. Und wenn irgendwo jedes Detail stimmen muss, dann hier.“

Der Teufel steckt im Detail, und er kann die Wirkung einer ganzen Vorführung verändern – sei es die Sängerin im „Nabucco“-­Gefangenenchor, die einen roten Lipgloss trägt (Strommer: „Das ist ein armes, vertriebenes Volk. Die Frauen hatten sicher keinen roten Lipgloss!“) oder der Sänger mit der Rokokoperücke, der einen Bart stehen lässt („Das ist historisch einfach falsch, damals gab es keine Bärte!“). Auch ein beliebter Fehler: Die Menschen bekreuzigen sich in der falschen Reihenfolge. In der orthodoxen wird anders als in der katholischen Kirche nach Stirn und Brust zunächst die rechte Schulter berührt. 

Zur Oberspielleiterin entwickelt man sich also durch langjährige Erfahrung und ein gutes Gedächtnis. Seit 17 Jahren arbeitet Strommer nun in der Staatsoper: ­„Angefangen habe ich als Hospitantin schon während meines Musikwissenschaftsstudiums. In so einem Repertoire-Flaggschiff wie dem unseren steht und fällt sehr viel ­damit, dass man die Stücke kennt und mit ihnen mitwächst.“

Katharina Strommer vermittelt zwischen den Gewerken und verliert dabei kein Detail aus den Augen. Foto: Peter Mayr

Offene Wände und Nerven aus Stahl

Und dann gibt es die menschlichen Hoppalas während der Vorstellungen. „Ich sehe es oft schon, bevor es passiert“, sagt Strommer und lacht. Sie meint damit die kleinen Kostümunfälle: wenn eine Hose reißt, sich eine Tasche löst oder etwas verloren geht. Das kann man sich dann wie einen Boxenstopp bei der Formel 1 vorstellen. „Es ist schon vorgekommen, dass wir am Bühnenrand notdürftig etwas abgesteckt haben, während die Vorstellung lief.“ Eine sportliche Herausforderung wird es, wenn eine Requisite vergessen wurde und dann unauffällig vom Bühnenende an den -anfang vorgereicht wird. „Wenn man es geschickt macht, merkt so etwas kein Mensch im ­Publikum“, sagt Strommer.

Und was macht man im Worst-Case-­Szenario? Wenn eine gesamte Produktion ausfällt oder eine Titelpartie krank wird? Strommer reagiert auf die Frage gelassen. Man merkt: Auch davon lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. „Es gibt Vorstellungen, die wir fast ungeprobt spielen können: ­‚Liebestrank‘, ‚Tosca‘ oder die alte ‚Butterfly‘.“ 

Wenn jemand am Vortag absagt, versucht man, mit der Zweitbesetzung noch zwei, drei Stunden Proben einzuschieben. Falls es sich etwa um eine Oper wie Wagners „Lohengrin“ handelt, die insgesamt fast vier Stunden Spieldauer hat, müsse man eben in der Pause nach dem ersten Akt den zweiten besprechen. Wenn „Leute mit Nerven einspringen“, so die Oberspielleiterin, könne man zudem währenddessen viel „von der Seite richten“. Ziel sei es, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer nie merken, ob es mehrere Bühnenproben oder keine gegeben hat. Dafür werden hinter den Kulissen schon mal alle Hebel in Bewegung gesetzt. Bei der „Arabella“ von Richard Strauss zum Beispiel: Da schaffte es das Team aus Zeitgründen in der Probe nur bis zum zweiten Akt. Strommer stand am Abend am Bühnenrand, nur einen Meter entfernt, sodass das Publikum sie nicht sehen konnte. „Wir ­haben im dritten Akt einfach die Wand offen gelassen, und die Sängerin hat alles auf meine Zeichen hin gemacht. Das hat großartig funktioniert.“

Die Kunst der Diplomatie 

Und wann wirft Strommer die Nerven weg? „Das kommt nicht oft vor“, sagt sie und lacht so überzeugend, dass man es ihr sofort glaubt. Es seien eher die Kleinigkeiten. Selbst wenn nach acht Stunden intensiver Klavierprobe persönliche Befindlich­keiten auftreten, dann tritt die vermittelnde Strommer in Erscheinung, die die hohe Kunst der Diplo­matie beherrscht: „Wenn man einen langen Zwölfstundentag hatte, bei dem vieles schiefläuft, ich aber viele Probleme so lösen kann, dass das ganze Haus etwas davon hat – das ist schon cool.“

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