Ausstattung: Ein künstlerisches Handwerk, das Emotionen weckt

Ohne Menschen wie ihn wäre jede Inszenierung ein Drama. Friedrich Eggert kreiert als Ausstatter Bühnenbilder, entwirft Kostüme und sorgt für das Lichtdesign. Die BÜHNE hat den gebürtigen Berliner im Theater der Jugend besucht.

von Klaus Peter Vollmann, 23. Februar 2021

Ausstattung: Ein künstlerisches Handwerk, das Emotionen weckt
Friedrich Eggert studierte Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, ehe er über eine handwerkliche Ausbildung zu seiner eigentlichen Berufung fand. Philipp Horak

BÜHNE: Was ist konkret gemeint, wenn man am Theater von Ausstattung spricht?

Friedrich Eggert: Es geht dabei eigentlich um alles, was man sieht. Oder auch um alles, was man nicht sieht. Denn auch eine leere Bühne muss gestaltet werden, was übrigens oft viel komplizierter ist. Alles, was man optisch wahrnimmt, ist Ausstattung.

Also Bühnenbild, Kostümbild und Licht?

Friedrich Eggert: Das sind die klassischen Bereiche. Dazu kommt heute oft auch Video oder ein Element, das man gar nicht als gebautes Bild wahrnehmen würde, wie etwa Nebel oder Regen – also eine atmosphärische Komponente, die man natürlich immer mitdenkt.

Ist es üblich, dass – wie in Ihrem Fall – ein Professionist all diese Bereiche erfüllt?

Friedrich Eggert: Es gibt einige, die in mehreren Bereichen gleichzeitig aktiv sind. Aber auch, wenn man nur für eine Sache verantwortlich zeichnet, denkt man die anderen immer auch mit. Ein Bühnenbild kann man nicht ohne Licht denken, oder umgekehrt. Und selbstverständlich interessieren einen, wenn man einen Raum oder eine Welt entwirft, auch die Menschen, die darin agieren. Insofern ist das ohnehin überlappend. Wenn es nicht eine Person ist, die das alles gestaltet, ist die Absprache zwischen den einzelnen Bereichen wesentlich und wichtig, damit es am Ende funktioniert.

Eng dran am Entstehungsprozess

Auf welche Weise erlernt man den Beruf?

Friedrich Eggert: Es gibt verschiedene Bildungswege. Da wären einmal die Studiengänge an den Kunsthochschulen. Die sind tatsächlich in manchen Fällen Bühnenbild und Kostümbild in einem, manchmal aber auch singuläre Ausbildungsgänge – das ist von Universität zu Universität unterschiedlich. Und dann gibt es viele Autodidakten, Menschen, die irgendwie in diesem Bereich gelandet sind, viel assistiert haben, Erfahrungen sammeln konnten und dann selber damit angefangen haben.

Wie war es bei Ihnen?

Friedrich Eggert: Bei mir war es tatsächlich auch so. Ich habe nicht konkret Bühnen- und Kostümbild studiert, sondern Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, also sozusagen eher die Betrachtung des fertigen Produktes als das Erschaffen desselben. Ich habe allerdings zusätzlich am Theater eine handwerkliche Ausbildung gemacht und lange als freier Assistent für unterschiedliche Bühnenbildner gearbeitet, die in der Regel gleichzeitig Regisseure waren, denn auch diese Kombination gibt es. Dadurch war ich sehr eng am ganzen Entstehungsprozess dran.

Wie bekommt man es hin, dass man es glaubt, obwohl alle wissen, dass es nicht so ist

Friedrich Eggert

Kam der Wunsch eher aus Liebe zum Theater oder aus jener zum Handwerk?

Friedrich Eggert: Es ist eine Mischung. Ich glaube, der Bereich Ausstattung hat schon sehr viel mit Handwerk zu tun, weil es bei uns, im Gegensatz zu Mode oder Design, mehr um den Effekt als um die Praktikabilität geht. Das hängt damit zusammen, dass Theater immer auch einen stark abbildenden Aspekt hat. Wir erfinden zwar in jeder Produktion eine neue Welt, Theater bezieht sich aber immer auch auf eine Art von Wiedererkennung. Es ist eine Mischung aus Imitation und Neuschaffung.

Dadurch geht es in den allermeisten Fällen darum, wie bekommt man es hin, dass man es glaubt, obwohl alle wissen, dass es nicht so ist. Da wird der Handwerksaspekt irrsinnig wichtig: Ob das jetzt die richtige Stoffauswahl ist, das richtige Material, die richtige Farbe oder ganz praktische Aspekte. Jedes Bühnenbild muss auch in einen Container passen, und jedes Kostüm muss so änderbar sein, dass jemand, der drei Stunden vor der Aufführung einspringt, da auch noch reinpasst.

Was ist für Sie das Faszinierende an diesem Beruf?

Friedrich Eggert: Das Tolle ist, dass es wirklich jedes Mal neu ist. Ein anderer Ort, ein anderes Theater, ein anderes Ensemble, ein anderes Stück, ein anderer Zusammenhang. Man sammelt zwar Erfahrungen, wie man an bestimmte Aufgaben- oder Problemstellungen herangeht, gleichzeitig kann man sich aber nie auf irgendetwas verlassen. Das ist herausfordernd. Man erlernt nicht etwas, das man dann 40 Jahre lang macht, sondern erlebt jedes Mal einen Neubeginn.

Die Tankstelle im Kopf

Ausstattung benötigt Inspiration. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Friedrich Eggert: Museen und Ausstellungen sind große Inspirationsquellen. Wobei es selten so ist, dass ich etwas sehe und denke, das ist es! Das findet viel unbewusster statt, man speichert einen Eindruck und ruft ihn dann vielleicht ab. Oft sind es ja auch konkrete Dinge, über die man nachdenkt. Wenn es etwa in einem Stück eine bestimmte Verortung gibt oder geben soll, kommen natürlich Bilder zum Vorschein, die man davon im Kopf hat. Egal, ob das ein Wald ist, eine Tankstelle oder eine Ölplattform. Manchmal muss man auch recherchieren, welche Erscheinungsformen es gibt, die auch wiedererkennbar sind, denn das ist ja nicht ganz unwichtig. Sobald es auf der Bühne steht, muss es für den Zuschauer auch erfahrbar sein.

Welche Vorgaben hat man als Ausstatter? Gibt es zum Beispiel immer ein fixes Budget?

Friedrich Eggert: Es gibt definitiv immer ein fixes Budget, das den finanziellen Aufwand und auch den Stundenaufwand begrenzt. Die Frage ist, wie man es einsetzt. Es ist natürlich so, dass Handarbeit in jedem Bereich teurer ist als etwas maschinell Hergestelltes. Wir haben aber an den Theatern sehr viele Möglichkeiten, weil wir eine Gemeinschaft von Spezialisten haben, die bestimmte Dinge können – seien es Schuhmacher, Tapezierer, Perückenmacher oder Theatermaler. Das sind alles Spezialberufe, von denen es viele in der freien Marktwirtschaft gar nicht mehr gibt. Dadurch gibt es Möglichkeiten, Dinge herzustellen, die man nirgendwo kaufen könnte.

Ein guter Fundus ist nur soviel wert, als es jemanden gibt, der weiß, was sich in ihm befindet

Friedrich Eggert

Stichwort Fundus: Spielt der gar keine Rolle?

Friedrich Eggert: Doch, der ist natürlich sehr wichtig. Viele denken aber, man geht einfach in den Fundus und holt sich, was man braucht. Es ist aber meist doch mit einem erheblichen Aufwand verbunden, das anzupassen, und ein guter Fundus ist eben auch nur soviel wert, als es jemanden gibt, der weiß, was sich in ihm befindet. Viele Häuser haben leider ihre Fundi wesentlich verkleinert, weil das Aufbewahren und die Pflege oft aufwendiger sind, als die Dinge neu herzustellen.

Für Gerald Maria Bauers (l.) Inszenierung von „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ musste Friedrich Eggert die Titelfigur um ihren Schatten bringen. Philipp Horak

Sie arbeiten seit Längerem mit dem Theater der Jugend zusammen. Was ist das Besondere an dieser Kooperation?

Friedrich Eggert: Um nur eine wesentliche Besonderheit zu nennen: Für einen Ausstatter ist die Tatsache, dass ein Haus en suite spielt, immer ein ganz großes Geschenk, weil man Lösungen finden kann, die viel individueller – und teilweise auch komplizierter – sind. Im Repertoirebetrieb ginge das nicht. Hier arbeitet ein ganzes Haus unglaublich konzentriert an einem Projekt, um es zur Perfektion zu bringen. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber dem Repertoiretheater. Man kann einfach besser agieren.

Greller. Heller. Bunter.

Eine Ihrer Aufgaben ist Lichtdesign. Wie hat sich das Licht im Theater durch neue Technologien verändert?

Friedrich Eggert: In seiner Funktion nicht unbedingt sehr. Es ist immer noch so, dass alles, was man nicht beleuchtet, auch nicht sichtbar ist. Insofern ist die Grundfunktion immer noch die gleiche, es ist das fokussierende Element, aber die Qualitäten haben sich unglaublich verändert. Allein durch die LED-Technik, die man ja auch aus dem Privaten kennt. Es gibt mittlerweile in jedem Theater hervorragende Beamer, mit denen man etwa bei Videoprojektionen sehr gut arbeiten kann, sodass der Effekt auch beeindruckend ist.

Man hat das Gefühl, dass sich das Lichtempfinden der Menschen geändert hat. Wird das Theater heller?

Friedrich Eggert: Das liegt stark am Effekt des LED-Lichts und an der völlig veränderten Form des Fernsehens, des Films und der Werbung auf der Straße, durch die wir alle beeinflusst werden. Es ist alles wesentlich greller, heller und bunter. Ich bin immer erstaunt, wie kontrastreich Fernsehbilder heute sind. Wenn man sich zurück beamen und in eine Theateraufführung der 80er oder 90er Jahre setzen könnte, hätte man das Gefühl, es wäre unglaublich dunkel, und man würde eigentlich nichts sehen. Auch Handy- und Computerbildschirme verändern unser Sehen, unsere Augen sind mittlerweile so sehr an starke Reize gewöhnt, dass wir, wenn diese Reize nicht kommen, leichter abgelenkt sind.

Können Sie noch unbefangen ins Theater gehen oder steht immer die professionelle Sichtweise im Vordergrund?

Friedrich Eggert: Ich gehe tatsächlich sehr oft ins Theater, das fehlt mir im Moment gerade sehr. Ein Grund, warum ich so gerne in Wien bin, ist, dass man hier so viele unterschiedliche Produktionen erleben kann. Natürlich schaut man, wie es gemacht ist und ordnet es für sich ein, aber ich bin eigentlich recht unbefangen und lasse mich auch gerne überraschen.

Man spürt die Wertschätzung und merkt die positive Relevanz

Friedrich Eggert

Den Wienern wird eine ganz besondere Theaterliebe nachgesagt. Wirkt sich das auch auf Ihren Beruf aus? Fühlen Sie sich in Wien stärker geschätzt als in anderen Städten?

Friedrich Eggert: Es ist natürlich schwer, das zu pauschalisieren, aber ich würde schon sagen, dass Theater in Österreich und speziell in Wien noch einmal einen höheren Stellenwert hat als an anderen Orten. Man spürt die Wertschätzung und merkt die positive Relevanz. Das finde ich auch so wichtig, denn wir müssen die Kultur des Theaters – des Live-Erlebnisses und der Befähigung der vielen SpezialistInnen – erhalten und fördern. Das wird hier schon auf eine besondere Art und Weise gepflegt.

Sie sind vom Lockdown auch nicht verschont, woran arbeiten Sie im Moment?

Friedrich Eggert: Ich bereite verschiedene Produktionen vor, noch für diese, aber auch schon für die nächste Spielzeit, in der es dann hoffentlich endlich wieder Aufführungen geben wird. Momentan hat vieles leider eher mit Reagieren als mit Agieren zu tun, weil sich die Dinge laufend ändern, was zugegeben sehr mühsam ist… aber irgendwann wird der Vorhang wieder aufgehen! 

Zur Person: Friedrich Eggert

Als Bühnen- und Kostümbildner sowie Lichtdesigner für renommierte Häuser wie das Staatstheater am Gärtnerplatz, die Oper Graz, die Wiener Volksoper, das Stadttheater Klagenfurt und die Opéra de Paris aktiv, ist Friedrich Eggert auch regelmäßig am Theater der Jugend tätig.

Aktuelle Informationen:  Theater der Jugend

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