Berliner Theatertreffen: Thiemo Strutzenberger ausgezeichnet

In „Graf Öderland" driftet der gebürtige Oberösterreicher Thiemo Stutzenberger in eine mythische Parallelwelt ab. Dort beginnt er gegen den gesellschaftlichen Status quo anzukämpfen. Für seine Rolle wurde er nun mit dem begehrten 3sat-Preis des Berliner Theatertreffens ausgezeichnet.

von Redaktion, 31. März 2021

Berliner Theatertreffen: Thiemo Strutzenberger ausgezeichnet
Seit 2019 ist Thiemo Strutzenberger Teil des Münchner Ensembles. Foto: Lucia Hunziker

Der in Kirchdorf in Oberösterrreich geborene Schauspieler Thiemo Strutzenberger wurde im Rahmen des Berliner Theatertreffens mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Er erhält den mit 10.000 Euro dotierten Preis für seine Darstellung des Staatsanwalts Martin in Stefan Bachmanns Inszenierung „Graf Öderland“. Strutzenberger interpretiert seine Figur, so steht es im Juryurteil, als „Hochrisiko-Öderland, für den die Trennlinien von Wachtraum und panischer Klarheit längst durchlässig sind“. Entfremdung, kulturelles Unbehagen und zivilgesellschaftlicher Überdruss schlagen bei ihm in pure Aggression um. Kurz zusammengefasst, handelt es sich dabei, so die Jury, um die „traumatische Quintessenz eines Wutbürgers“.

Aus dem schwarzen Trichter

Die Inszenierung ist eine Koproduktion von Theater Basel und Residenztheater München und sei eine „düstere Horror-Revue, die einen Sog ungläubigen Schreckens entfaltet“. Regisseur Stefan Bachmann lasse seine Figuren aus einem schwarzen Trichter taumeln, stürzen und kriechen, so die Jury. Seit 1997 vergibt 3sat als Medienpartner des Berliner Theatertreffens jährlich den begehrten Preis für eine künstlerisch innovative Leistung an eine*n oder mehrere Künstler*innen aus dem Kreis der zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Ensembles.

Im Rahmen seiner Reihe „Starke Stücke“ zeigt 3sat als Medienpartner außerdem drei der zehn zum heurigen Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen in seinem Programm. „Maria Stuart“ vom Deutschen Theater Berlin, „Graf Öderland“, eine Koproduktion von Theater Basel und Residenztheater München, Automatenbüfett vom Wiener Burgtheater. Die Stücke sind ab 15. Mai 2021 außerdem für 120 Tage in der 3sat-Mediathek abrufbar. Die Aufzeichnung von „Automatenbüfett“ wird außerdem mit Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Menschen und mit Untertiteln für taube und schwerhörige Menschen zugänglich sein. 

Als sein Alter Ego „Graf Öderland“ beginnt der Staatsanwalt Martin einen blutigen Feldzug. Foto: Birgit Hupfeld

Zum Stück: Graf Öderland

In „Graf Öderland“, das Max Frisch als sein liebstes Stück bezeichnet, wird ein Kassierer einer Bank zum Axtmörder. Der mit dem Fall betraute Staatsanwalt Martin sieht darin sein eigenes Gefangensein in einer von Pflicht, Gesetz und Ordnung dominierten bürgerlichen Existenz und driftet in eine mythische Welt ab. In dieser Parallelwelt agiert er fortan als Graf Öderland, wird selbst zum Axtmörder und beginnt einen blutigen Feldzug gegen den gesellschaftspolitischen Status quo. Es dauert nicht lange und er wird zum Befreiungshelden, hinter dem sich Benachteiligte und Unzufriedene zu einer großen Anhängerschaft formieren.

Zur Person: Thiemo Strutzenberger

Der Schauspieler wurde 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren. Er absolvierte sein Schauspielstudium am Max Reinhardt Seminar und war bereits während seines Studium Teil des Ensembles des Burgtheaters. Danach spielte er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Theater Neumarkt in Zürich. 2010 wurde er Ensemblemitglied am Schauspielhaus Wien, wo er fünf Jahre lang blieb. Seine Arbeit am Schauspielhaus Wien brachte ihm 2014 eine Nestroy-Nominierung ein. 2015 wechselte er ans Theater Basel. Währenddessen begann er, als Autor Theaterstücke zu schreiben. Seine erste Regiearbeit realisierte er 2017 am Theater Basel, wo er 2018/2019 auch Hausautor war. Seit der Spielzeit 2019/2020 ist Thiemo Strutzenberger Ensemblemitglied am Münchner Residenztheater.

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Das Theatertreffen muss in diesem Jahr leider digital stattfinden. Alle Infos finden Sie hier.