Tonangebend: Musik in Theaterinszenierungen

Beiwerk oder tragende Rolle? Der Status von Musik am Theater ändert sich laufend. Wir haben mit Musiker Anton Spielmann über seine Erfahrungen im Theaterbetrieb gesprochen.

von Sarah Wetzlmayr, 24. Februar 2021

Tonangebend: Musik in Theaterinszenierungen
Anton Spielmann in „Romeo und Julia" am Thalia Theater. Foto: Armin Smailovic

Es ist alles andere als ein mühseliger Kraftakt, sich Eigenschaften zu überlegen, die auf Theateraufführungen und Rockkonzerte gleichermaßen zutreffen. Auf beiden Bühnen geht es um Sprache in Verbindung mit Unmittelbarkeit und Körperlichkeit – manchmal bis hin zur absoluten Verausgabung. Es verwundert also nicht, dass sich Theaterregisseurinnen und -regisseure in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt darum bemüht haben, beide Welten auf einer Bühne zu verschmelzen. Schon in den achtziger Jahren arbeitete Robert Wilson mit populären Musikern wie Tom Waits oder Lou Reed, aber auch mit dem Komponisten Philip Glass zusammen. Die Volksbühne Berlin leistet sich seit 1996 mit Sir Henry (John Henry Nijenhuis) einen eigenen Theatermusiker und -komponisten. Schorsch Kamerun, Sänger der Punkband „Die Goldenen Zitronen“, begann nach einigen Arbeiten am Theater selbst Theaterstücke und Opern zu inszenieren. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Enge Zusammenarbeit

Trotzdem wird Musik am Theater vielfach immer noch als Beiwerk verstanden. Als Beilage, die wie ein selbstgemachter Kartoffelsalat, das emotionale Empfinden gegenüber dem Hauptgang verstärkt oder leicht verfremdet. Je nach Gewürzmischung und Geschmack. Glücklicherweise gibt es aber auch zahlreiche Gegenbeispiele. So kam der Musik, komponiert von Anton Spielmann und Anja Plaschg, in Jette Steckels Inszenierung der „Antigone“ am Burgtheater eine Rolle zu, die die Inszenierung in entscheidendem Ausmaß stützte, statt sie nur zu unterstützen. Anton Spielmann, Künstler und Gründungsmitglied der Punkband „1000 Robota“ erinnert sich noch gut an die Zusammenarbeit. „Ich habe vor allem die Arbeit mit dem Tongewerk des Burgtheaters als unglaublich toll in Erinnerung. Eigentlich ist die Tontechnik ja kein wirklich künstlerischer Bereich, am Burgtheater hatten die Tontechniker und -technikerinnen aber eine unfassbar herzliche Nähe zum künstlerischen Team.“

Eine gute Basis, um aufwendige Dinge möglich zu machen, wie der Musiker erläutert: „Für eine bestimmte Szene haben wir eine Musikanlage in einen der zahlreichen unterirdischen Gänge des Burgtheaters gestellt und damit eine Bassfrequenz erzeugt, die im Zuschauerraum nicht hörbar, für die Zuschauerinnen und Zuschauer in ihren Sitzen aber deutlich zu spüren war. Es handelte sich dabei um eine Szene, in der zwar keine reale musikalische Setzung denkbar war, zu der aber ein Gefühl fehlte. Gelöst haben wir das dann über diese Bassfrequenz.“

Das erste Album seiner Band „1000 Robota“ erschien 2008. Wenige Jahre später arbeitete er zum ersten Mal für ein Theater. Foto: privat

„So was von da“

Wie Anton Spielmann betont, ist es nicht selbstverständlich, dass der Musik ein solch großer Stellenwert im Theater zugemessen wird. Oft ist sie, wie der Künstler erklärt, nur passives Beiwerk und manipulatives Mittel. „Wenn es so ist, dass Musik in einer Inszenierung nur als Designmittel gesehen wird, dann ist das nichts für mich. Dann bin ich schon raus.“ Begonnen hat die Theaterarbeit für Anton Spielmann 2012 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Er komponierte damals mit seiner Band die Musik für die Bühnenfassung des Romans „So was von da“.

„Über diese Inszenierung bin ich dann mit recht jungem Alter im Schauspielhaus gelandet. Damals wusste ich zwar, dass Musikerinnen und Musiker auch am Theater arbeiten, aber was Theater für die Gesellschaft bedeutet und was es auch für mich als freier Musiker bedeuten kann, hat sich erst im Laufe der Jahre für mich herauskristallisiert.“ Nach diesem ersten Abstecher in die Theaterwelt hat für Anton Spielmann eines zum anderen geführt. Gemeinsam mit Anja Plaschg komponierte er unter anderem die Musik für „Romeo und Julia“ am Thalia Theater Hamburg und für „Antigone“ am Burgtheater. Für das Thalia Theater schrieb er außerdem die Musik für eine Inszenierung von „Kasimir und Karoline“.

Gemeinsam mir Anja Plaschg (hier im Bild) komponierte Anton Spielmann die Musik für Jette Steckels „Romeo und Julia“. Foto: Armin Smailovic

Vertraut und intensiv

Wichtig ist dem Musiker, nur an Theaterarbeiten teilzunehmen, bei denen er ein gutes Gefühl hat. „Es muss auch auf menschlicher und intuitiver Ebene passen. Wenn ich in der Vergangenheit mit verschiedenen Menschen am Theater zusammengearbeitet habe, war glücklicherweise immer sehr schnell klar, was ich liefern kann und dass es auch zur Produktion passt“, so Spielmann. Die Zusammenarbeit am Theater beschreibt der Künstler als Mischung aus Freiraum und intensiver Kooperation zwischen den verschiedenen Gewerken. „Wenn man mit mir zusammenarbeitet, dann lässt man mich machen, ist gleichzeitig aber auch in einer sehr engen Zusammenarbeit, die sehr vertraut und intensiv ist. Außerdem nehme ich immer allumfassend an dieser Arbeit teil. So funktioniert Kunst, sonst ist es Design oder Handwerk.“ Davon, einfach eine fertige Komposition abzugeben, die er sich dann am Tag der Premiere wieder anhört, ist Anton Spielmann also weit entfernt.

An die eigene Substanz gehen

Auch Sascha Ring, den man von den beiden Musikprojekten „Apparat“ und „Moderat“ kennt, hat schon ein wenig Erfahrung als Theatermusiker gesammelt. Am Centraltheater Leipzig lieferte er 2012 den Theatersoundtrack für Sebastian Hartmanns Inszenierung von „Krieg und Frieden“ und spielte die von ihm komponierten Songs bei jeder Aufführung auch selbst, wobei jede Aufführung fünfeinhalb Stunden dauerte. „Für mich war das also gewissermaßen auch ein Test, wie weit man an die eigene Substanz gehen kann. Gleichzeitig als erste Erfahrung mit dem Theater natürlich auch unglaublich interessant, weil es eben so intensiv war.

Interessiert hat mich das deshalb, weil einige Leute schon vor ziemlich langer Zeit damit begonnen haben mir zu erzählen, dass sie Bilder sehen, wenn sie meine Musik hören und mich deshalb immer wieder gefragt haben, ob ich schon einmal darüber nachgedacht habe, Musik zu Bildern zu machen“, erzählt Sascha Ring in einem Interview mit dem Magazin „the gap“. Er fügt hinzu, dass er sich damals ziemlich „blauäugig“ in dieses Projekt gestürzt hat.

„Blauäugig auch deshalb, weil ich bis dahin noch nie Musik für jemand anderen gemacht habe. Sich in eine Umgebung zu begeben, die man nicht hundertprozentig unter Kontrolle hat und am Ende Teil einer größeren Vision von jemand anderem zu sein, war etwas, das ich bis dahin noch nie gemacht habe, und ich fand das gut. Es ist auch schön zu lernen, sich zurückzunehmen und sich selbst vielleicht auch nicht in jeder Sekunde des eigenen Schaffens übermäßig ernst zu nehmen.“

Der Soundtrack zu „Krieg und Frieden“ ist auf YouTube verfügbar.

Rock’n’Roll am Theater

Gerade arbeitet Anton Spielmann an einem transdisziplinären Projekt. Es handelt sich dabei, wie er im Gespräch erklärt, um ein immersives Theaterstück, das sich nicht innerhalb eines Theatersaals abspielen wird und an dem Künstler und Künstlerinnen aus vielen verschiedenen Ländern involviert sind. „Es ist ein großes Projekt“, fügt er voller Vorfreude hinzu. Außerdem setzt er große Hoffnungen in das neue Programm des Volkstheaters unter Kay Voges.

Mit seiner Band „1000 Robota“ bringt er 2021 ein neues Album heraus. „Die Band ist Liebhaberei. Das mache ich, weil ich Musik und meine Band liebe. Mit Menschen Musik zu machen, die man schon so lange kennt, ist eine ganz andere Erfahrung als zum Beispiel ein Theaterprojekt. Natürlich ist es am Theater auch toll, aber wenn man weiß, wie eine Band funktioniert und wie es sich anfühlt, wenn man von der Straße auf die Bühne kommt, stellt man schnell fest, dass das ein ganz eigener Prozess ist, der mit keiner anderen kulturellen Arbeit vergleichbar ist.“

Auch wenn es, wie aus der folgenden kurzen Erzählung des Künstlers Schorsch Kamerun im Rahmen eines Interviews mit „Zeit Online“ hervorgeht, ganz unterschiedlich ausgeprägte Versuche gab, ein bisschen Rock’n’Roll ans Theater zu bringen: „Einer meiner Texte für die Goldenen Zitronen wurde mal für ein Christoph-Marthaler-Stück verwendet. Etwas später sollten Rocko Schamoni und ich die Musik machen für eine Elfriede-Jelinek-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus. Wir forderten eine Loge für uns und unsere Entourage, mit Bierfass und ohne Ende Cola-Rum zur Premiere.“

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