Nick Romeo Reimann: „Wien hat mich bis jetzt umarmt“

Er war einer der „Vorstadtkrokodile“ und der „Wilden Kerle“. Er drehte mit großen Stars des deutschen Kinos. Jetzt ist Nick Romeo Reimann einer der Neuen am Wiener Volkstheater und spielt Hauptmann.

von Atha Athanasiadis, 12. Januar 2021

Nick Romeo Reimann: „Wien hat mich bis jetzt umarmt“
Der 22-jährige Nick Romeo Reimann vor der Probebühne des Volkstheaters in Wien-Simmering. Das Stück: „Einsame Menschen“ von Gerhart Hauptmann Foto: Philipp Schönauer

„Nicht deppat“, würde Mundl sagen, „der Voges ist nicht deppat.“ Wenn Sie beim Namen Nick Romeo Reimann mit den Schultern zucken sollten, dann zeigen Sie doch einfach diese Story der Generation unter 25, und Sie werden ein lautes „Jööö!“ hören. „Die Wilden Kerle“, „Vorstadt­krokodile“, „Türkisch für Anfänger“ und, und, und. Seit er acht Jahre alt ist, dreht Reimann Blockbuster und spricht Hörspielhits wie „Gregs Tagebuch“. 

Gerade eben hat er die Falckenberg-­Schauspielschule beendet. Und jetzt? Jetzt sitzt der 22-Jährige auf der Probebühne des Volkstheaters am Klo und hämmert auf eine alte mechanische Schreibmaschine ein (die wird jetzt vermutlich die Generation über 25 wieder besser kennen). Bald ist Premiere von Gerhart Hauptmanns Kammerspiel „Einsame Menschen“. Der Schauplatz der Handlung ist ein Landhaus am Müggelsee bei Berlin, das von Johannes Vockerat und seiner Frau ­Käthe … Stopp. Aus. 1890, im Alter von nur 27 Jahren, hat es der spätere deutsche Literaturnobelpreisträger geschrieben. In einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche sinniert er über Menschen, die aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen nicht mehr herausfinden. Viele Parallelen zum Jetzt. 

Wie ein Mentos in der Cola light

Nick Romeo Reimann ist nur fünf ­Jahre jünger als Gerhard Hauptmann damals – wie erklärt er das Stück? „ ‚Einsame Menschen‘ erzählt die Geschichte von einem sehr jungen Paar, Johannes und Käthe, die unter anderem mit ihrer gemeinsamen Isolation am Müggelsee, aber auch mit Johannes’ manischen Wutausbrüchen und familiärem Co-Abhängigkeiten zu kämpfen haben.

Johannes brütet zu Beginn des Stücks über einer philosophischen Arbeit, er fühlt sich eingeengt und lässt ­seinen Frust an der zunehmend verunsicherten ­Käthe aus … Plötzlich besucht eine junge Studentin das Gut, die Johannes so inspiriert, dass er zu einer wahren Qual für alle Menschen um ihn her­um wird. Zwischen starken Pflichtgefühlen gegenüber der neugegründeten Familie und Johannes’ wachsendem Autonomiebedürfnis nimmt das Drama dann seinen Lauf.“ Das bedeutet, die junge Frau ist eine Projektionsfläche? „Ja“, sagt Reimann, „sie ist das Mentos in der Cola light dieser ­ Familienkonstellation.“ (Sollten Sie jetzt nicht wissen, was Reimann damit meint, probieren Sie es aus. Aber bitte im Freien.)

Über den Tellerrand blicken

Ist Johannes also ein A…loch? „Ich tue mir schwer damit zu sagen, der ist ein A. Wenn jeder immer einfach nur ein A. ist, dann gibt es nicht mehr viel heraus­zufinden. Johannes ist vielleicht jemand, der Entscheidungen trifft, die man selber nicht treffen würde. Und der nicht die Fähigkeit hat, über den Tellerrand hinauszublicken. Aber das ist gerade das Spannende, weil ich so zum Beispiel herausfinden kann, wo ein Weg hinführen kann, wenn man Verhältnisse ins Extreme treibt.“ Also ist es Narzissmus, gepaart mit der Bequemlichkeit der Schuldzuweisung, den Johannes da lebt? „Würde ich gar nicht sagen.“ Nick Romeo Reimann schüttelt den Kopf. „Johan­nes versucht ja wirklich ernsthaft, ein Werk niederzuschreiben. Er kann es nur nicht. Bequemlichkeit ist es nicht, er arbeitet tatsächlich. Er ist vielleicht zu bequem, die Entscheidung zu treffen, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Aber vielleicht hat er auch nur Angst.“

„Neuer Anfang immer geil. Neue Stadt immer geil. Gerade Wien. Wien hat mich bis jetzt umarmt.“

Nick Romeo Reimann

Vier Filme hat Nick Romeo Reimann abgedreht – sie alle sollen im Februar erscheinen. In Wien stellt er sich dem Abenteuer, sich mit einem neuen Direktor in einem neu renovierten Haus und einer völlig neuen künstlerischen Ausrichtung dem Publikum zu präsentieren. Aufgeregt? „Nein, das ist Fun.“ Reimann grinst und haut ein paar Stakkato-Sätze raus: „Neuer Anfang immer geil. Neue Stadt immer geil. Gerade Wien. Wien hat mich bis jetzt umarmt. Es hat mir, wie einem Säugling, den man aus dem Mutterleib zieht, einen Klaps auf den Hintern gegeben, damit ich anfangen kann zu atmen.“ Woran das liegt, will man von dem „Piefke“ nun wissen. „Weil ich hier am Volkstheater wie in einem Fußballteam arbeiten kann, in dem alle einem den Ball zuspielen.“ Reimann musste, wie alle anderen auch, durch das Vorsprechen bei Kay Voges und seinem Dramaturginnenteam.

In dieser Kulisse wird gerade für das Hauptmann-Stück geprobt. Im Hintergrund sehen Sie die Sessel für Regie und Team. Foto: Philipp Schönauer

Ein Traum-Engagement

„Ich habe ihn das erste Mal beim Casting gesehen, er kam gleichzeitig mit mir in den Raum, normalerweise ist man ja konfrontiert mit einer Person, die man kennenlernen möchte. Er ging neben mir her und sagte: ‚Hey, ich bin Kay.‘ Und dann gingen wir noch ein paar Meter, das war ein sehr schöner Moment. Denn Kay geht immer mit dir auf die neuen Dinge zu. Er ist kein König, der auf einem Thron sitzt. Ich hatte nach der Schauspielschule seit Monaten die Augen und Ohren offen, wo die inter­essanten Projekte starten. Und das Volkstheater zählt definitiv zu den interessantesten Theaterprojekten im deutschsprachigen Raum. Es ist ein Traum-Engagement.“

So ernsthaft redet der junge Schauspieler über sein neues Stück, dass man seine Kinderstar-Vergangenheit gar nicht ansprechen möchte. Aber man tut es trotzdem. Fürs Volkstheater kann er neues Publikum bringen, das Volkstheater für Reimann die künstlerische Anerkennung. Der Jungstar lässt sich im Sessel nach hinten fallen: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“ Er macht eine Pause und grinst übers ganze Gesicht. „Schaun ma mal, wie es wird. Ich habe das Gefühl, man ist in­ter­essiert daran, was sich bei so einem Erst­engagement entwickeln kann. Keine Ahnung, wie viel Welpenbonus man hat, aber ich fühle mich vor allem deswegen sehr gut aufgehoben, weil von mir dasselbe verlangt wird wie von den älteren Schauspielerinnen und Schauspielern. Ich bin gefordert und muss ordentlich raushauen …“

Zur Person: Nick Romeo Reimann

Er spielte in „Die Wilden Kerle“, „Türkisch für Anfänger“, er war einer der „Vorstadtkrokodile“ und die Stimme des Greg in der Hörspielreihe „Gregs Tagebuch“. Er absolvierte die Schauspielschule in München und ist neu im Ensemble des Volkstheaters. Im Februar erscheinen vier Filmprojekte.

Der Spielplan des Volkstheaters wird laufend aktualisiert

„Einsame Menschen“ am Volkstheater

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