Michael Maertens als Mensch-Maschine im leeren Theater

Mit „Die Maschine in mir" zeigt das Burgtheater eine Produktion für den virtuellen Raum. Michael Maertens spielt alleine für ein virtuelles Publikum.

von Julia Schilly, 5. Januar 2021

Michael Maertens als Mensch-Maschine im leeren Theater
Mit „Die Maschine in mir" mit Michael Maertens bietet das Wiener Burgtheater eine Produktion für den virtuellen Raum an. Foto: Marcella Ruiz Cruz

„Man hört ja oft, dass das Theater ein sterbendes Medium sei und ich glaube, das stimmt auch – es ist das Sterbe-Medium, ein Ort, an dem wir gemeinsam in Echtzeit sterben. Deswegen ist es herrlich, heute gemeinsam die nächsten 40 Minuten zu sterben“, sagt Michael Maertens zu Beginn des Stücks „Die Maschine in mir“. An elf Abenden lotet er alleine auf der Bühne des Kasinos des Wiener Burgtheaters die Grenzen aus: Wo beginnt die Maschine, wann sind Publikum und Schauspieler noch menschlich? Wie erstrebenswert ist die Unsterblichkeit? Premiere war am Silvesterabend.

Maertens blickt dabei auf etwa 100 Gesichter im Publikum – allesamt auf Tablets. Die Zuseherinnen und Zuseher haben ihre Emotionen vorab hochgeladen. Durch Kameraschwenks nimmt das Publikum zeitweise die Perspektive des Schauspielers ein. Es hat etwas Beklemmendes, so ein Raum voller Gesichter im Tablet-Format, mit Emotionen aus der Technik-Konserve. An einem Punkt eröffnet das Burgtheater dann die Möglichkeit Maertens Chatnachrichten zu senden. Er bekommt dadurch erstmals echtes und unmittelbares Feedback. Erleichtert stellt der Schauspieler fest: „Da ist ja doch jemand.“

Einmal Unsterblichkeit

Das etwa 45 Minuten lange Stücke wurde vom britisch-irischen Duo Dead Centre inszeniert und basiert auf der Reportage „Unsterblich sein“ des irischen Journalisten Mark O’Connell. Er hat Vertreter des Transhumanismus, wie zum Beispiel den Biohacker Tim Cannon oder den Futuristen Max More getroffen, die sich teilweise Apparaturen in den Körper einpflanzen oder Firmen betreiben, in denen sich Menschen nach ihrem Ableben konservieren lassen können. O’Connell war in die Entstehung des Stücks auch eingebunden. In der Rolle des O’Connell erzählt Maertens seinem virtuellen Publikum von Gesprächen mit Vertretern eben jenes Transhumanismus.

Auch die technischen Möglichkeiten werden durchexerziert: Ist das Leben als Cyborg eine mögliche Form der Unsterblichkeit? Wie sehr die Technik schon vermag unser Leben zu erleichtern oder gar zu verlängern wird an einer Stelle deutlich. „Trägt jemand orthopädische Einlagen? Haben Sie ein Hörgerät? Tragen Sie einen Herzschrittmacher?“ Und Maertens fragt weiter: „Wenn Cyborgs menschliche Körper sind, die durch technologische Hilfsmittel unterstützt und erweitert werden, sind wir dann nicht sowieso schon welche?“

„Die Maschine in mir“ ist noch bis 16. Jänner zu sehen.

Weitere Informationen: „Die Maschine in mir“

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