Vera-Lotte Boecker: „Mich reizen streitbare Frauen“

Auf ihr Debüt freut sich die Wiener Opernwelt: Vera-Lotte Boecker singt am Montag in Hans Werner Henzes Oper „Das verratene Meer“. Die Wiener Staatsoper streamt die Vorstellung.

von Atha Athanasiadis, 14. Dezember 2020

Vera-Lotte Boecker: „Mich reizen streitbare Frauen“
Vera-Lotte Boecker ist neu im Ensemble der Wiener Staatsoper. Am Sonntag debütiert sie in Henzes „Das verratene Meer". Foto: Rosa Frank

Vera-Lotte Boecker ist ein Glücksfall für jeden Interviewer: charmant, inhaltlich auf dem Punkt und mit einem Lachen, das ansteckt. Ein kölsches Kind, das die Partie der Fusako an der Seite von Bo Skovhus in Henzes Oper „Das ­verratene Meer“ übernehmen wird. Die Vorstellung wird von der Staatsoper gestreamt. Und der ORF strahlt die Oper einen Tag später, am 15. Dezember, auf Ö1 aus. Das ist Teil der Kooperation von Wiener Staatsoper und dem ORF, um auch während des coronabedingten Vorstellungsstopps Kultur zu den Menschen zu bringen.

BÜHNE: Wie kommt man auf die Idee, die Rolle der Fusako zu singen?

Vera-Lotte Boecker: Mich reizen die streitbaren Frauenfiguren, die nicht unbedingt Sympathieträgerinnen sind. Beim Suchen von Rollen schaue ich nicht nur auf die Musik, sondern auch sehr stark auf den Charakter der Figur. Die Frau, die sich aus Liebe opfert und stirbt, ist eine gängige Rolle in der Opernliteratur. Mir gefällt allerdings an neuer Musik, dass die Frauenrollen dort mitunter nicht unbedingt immer reinen Herzens und sympathisch sind. 

Henzes starker Sog

Was sagen Sie Menschen, die Henzes Musik nicht mögen?

Vera-Lotte Boecker: Wenn man sich da reinhört, so findet man große Schönheit und Sinnlichkeit. Man muss sich darauf nur einlassen und sich damit beschäftigen. Das ist, wie wenn man eine neue Sprache lernt. Und je mehr man versteht, desto mehr erschließt sich die Musik. Henze hat großartig für Orchester und Stimmen komponiert. Dieses Stück hat einen starken Sog, und die Geschichte ist phänomenal. Die Musik von Henze ist ein fantastisches Beispiel für moderne Musik, die einerseits in der Tradition beispielsweise von Richard Strauss steht – auch wenn Henze selbst diesen Vergleich nicht mochte – und andererseits originäre Klangwelten von großer Kraft erschafft.

„Verdi hat für Sänger geschrieben, und das liegt wie Butter im Hals. Henze muss man sich technisch anders erarbeiten.“

Vera-Lotte Boecker

Was ist der Unterschied, wenn man Henze statt Verdi singt?

Vera-Lotte Boecker: Bei Verdi versucht man, über Klangschönheit innerhalb der Linie und uns zugänglicheren Harmonien Gefühle zu transportieren. Verdi hat für Sänger geschrieben, und das liegt wie Butter im Hals. Henze muss man sich technisch anders erarbeiten, aber dasselbe suchen, was man bei Verdi sucht, nämlich die Klangschönheit. Und es gibt Vorteile: Bei „La Traviata“ singt man Arien, die schon Maria Callas gesungen hat. Daran wird man gemessen. Es ist eine große Chance bei Henze, das alles selbst neu finden zu können, ohne im Nacken die Größen der Vergangenheit zu haben. Diese Freiheit ist riesig und macht Spaß. 

„Unsterblich wird man, wenn man für das Publikum so mutig und authentisch ist, wie es nur geht.“

Vera-Lotte Boecker

Es ist also einfacher für einen Sänger, mit einer Henze-Oper unsterblich zu werden, als mit Verdi? Ist das die richtige Schlussfolgerung?

Vera-Lotte Boecker: Unsterblich wird man, wenn man für das Publikum so mutig und authentisch ist,
wie es nur geht. Es ist aber nicht mein Ziel, eine Kalkulation dessen zu haben, womit man sich profiliert. Es geht mir bei Henze dar­um, den Blick auf diese Musik zu öffnen.

Unabsichtlich ins Ensemble gesungen

Sie sind neu im Ensemble – wie ist das gekommen?

Vera-Lotte Boecker: Ich hatte ein Vorsingen in Paris und dachte, es sei ein Vorsingen für die Henze-Oper. Ich hatte nur neue Musik mit. Als ich dort ankam, fragte man mich: Was haben Sie noch dabei? Ich habe dann nur Standardrepertoire gesungen. Im Nachhinein stellte sich heraus, ich habe für einen Ensemblevertrag vorgesungen, und darüber habe ich mich dann sehr gefreut. (Lacht.)

Zur Person: Vera-Lotte Boecker

Ihren Durchbruch hatte Vera-­Lotte Boecker 2016 bei den Münchner Opernfestspielen, als sie in der Neuproduktion „La Juive“ (Regie: Calixto Bieito;  ­musikalische Leitung: ­Bertrand de Billy) kurzfristig neben Roberto Alagna die Partie der Eudoxie ­übernahm. Die Sopranistin war bis 2020 im Ensemble der Komischen Oper in Berlin und ist jetzt neu im Staatsopern-­Ensemble in Wien.

Premiere: Das verratene Meer

Premiere am 14. Dezember in der Wiener Staatsoper
14. Dezember 2020 → 19.00 Uhr: LIVESTREAM auf play.wiener-staatsoper.at
15. Dezember 2020 → 19.30 Uhr: AUSSTRAHLUNG auf Ö1

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